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Krieg in der Ukraine Agrarökonom: Warum wir gerade jetzt weniger Fleisch essen sollten

Weizenfeld: Ein Großteil des aus der Ukraine importierten Getreides landet in Futtertrögen
Weizenfeld: Ein Großteil des aus der Ukraine importierten Getreides landet in Futtertrögen
© Minerva Studio / Adobe Stock
Ein Team von Wissenschaftler*innen fordert in einem Papier die EU-Kommission auf, die Nachhaltigkeit der Landwirtschaft nicht der Versorgungssicherheit zu opfern. Im GEO.de-Interview erklärt einer der Mitautoren, der Agrarökonom Hermann Lotze-Campen, was unser Fleischkonsum mit dem Krieg in der Ukraine zu tun hat – und warum mehr Hülsenfrüchte auf unseren Äckern wachsen müssen

GEO.de: Die Deutschen fangen schon wieder an zu hamstern, diesmal Sonnenblumenöl und Aprikosenmarmelade. Droht wegen des russischen Kriegs gegen die Ukraine in der EU eine Ernährungskrise?

Prof. Dr. Hermann Lotze-Campen: In der EU droht sicherlich keine Ernährungskrise. Natürlich gibt es einzelne Produkte, die speziell aus Russland oder der Ukraine kommen, aber das sollte die Verbraucherinnen und Verbraucher in der EU nicht wirklich einschränken. Da gibt es sicherlich viele Möglichkeiten, auf alternative Produkte umzustellen.

Trotzdem erlaubt die EU-Kommission nun den Anbau von Feldfrüchten auf ökologisch wertvollen Brachflächen und verschiebt Gesetzesvorhaben zur Renaturierung und zur deutlichen Verringerung des Pestizideinsatzes ...

Natürlich befinden wir uns mit Blick auf den Weltmarkt aktuell in einer schwierigen Lage. Es gibt Länder in Afrika und Asien, die substanziell betroffen sein können, wenn es etwa beim Weizen Ernte- oder Lieferausfälle in der Ukraine gibt. Der Impuls bei den Entscheidungen auf der EU-Ebene ist im Augenblick, dass unbedingt die Produktion erhöht werden soll, um dem fehlenden Angebot entgegenzuwirken.

Aber es ist wichtig, jetzt nicht nur die Angebotsseite, sondern auch die Nachfrageseite im Blick zu haben. Ein Großteil des Getreides, das aus der Ukraine kommt, wird als Futtermittel genutzt. Wir müssen also auch über eine Reduktion der Nachfrage nach tierischen Produkten nachdenken. Wenn wir Äcker zum Anbau von Lebensmitteln direkt für die Menschen statt für Viehfutter nutzen, ist unter dem Strich mehr Nahrung für die Menschen da. Vereinfacht gesagt: Brot statt Fleisch. Wenn es uns um Ernährungssicherheit geht, dann ist Tierproduktion einfach ineffizient.  

"Fleischfrei für den Frieden"? Wie soll das gehen, wo die Grünen doch schon vor Jahren mit ihrem Veggie Day krachend gescheitert sind?

Die Debatte ist schwierig, aber man muss den Menschen vermitteln, dass unser hoher Verbrauch tierischer Lebensmittel keine Selbstverständlichkeit ist. Der hat sich in den vergangenen Jahrzehnten mit steigendem Wohlstand entwickelt, es gibt eine starke kulturelle Prägung.

Um gegenzusteuern, sind zum einen Preissignale wichtig, etwa die Abschaffung des reduzierten Mehrwertsteuersatzes für tierische Produkte, oder eine zusätzliche Besteuerung. Möglich wäre auf der Produktionsseite auch eine Steuer auf schädliche Stickstoffüberschüsse durch Überdüngung, oder eine Ausweitung des Emissionshandels auf den Landwirtschaftssektor.

Der Wissenschaftliche Beirat des Bundeslandwirtschaftsministeriums hat außerdem schon vor zwei Jahren ein Gutachten vorgelegt, in dem er dafür plädiert, die "Ernährungsumgebungen" anders zu gestalten, also zum Beispiel in Kantinen, Schulen und Kindergärten, und generell in öffentlichen Einrichtungen das Angebot an vegetarischen Gerichten zu erhöhen. Das macht es für viele leichter, neue Ernährungsweisen kennenzulernen.

Da wären wir wieder beim Veggie Day. Glauben Sie, dass die Akzeptanz dafür gestiegen ist?

Ich glaube, dass vielen Verbraucherinnen und Verbrauchern das Thema bewusst ist. Und zwar auch, weil es hier um ihre Gesundheit geht. Mehr Gemüse, Obst, Nüsse, das wäre gut für den Planeten, aber auch für uns selbst, für den eigenen Körper. Mein persönlicher Eindruck ist, dass es in Kantinen, Restaurants, besonders aber auch im Einzelhandel immer mehr Angebote gibt. Das ist eine sehr dynamische Entwicklung hin zu pflanzlichen Alternativen zu Fleisch- und Milchprodukten. Um eine echte Wirkung zu entfalten, muss das natürlich hochskaliert werden, also wirklich von einer breiten Basis angenommen werden.

Was fordern Sie und die über 600 Unterzeichner*innen Ihrer Erklärung außerdem?

Eine wichtige akute Maßnahme ist die Stärkung des Welternährungsprogramms, um gerade die ärmsten Verbraucherinnen und Verbraucher in Afrika, in Asien und im Mittleren Osten angesichts der akuten Preissteigerungen zu unterstützen.

Dann brauchen wir mehr Anbau von Hülsenfrüchten wie Erbsen, Linsen und Bohnen. Die Preise für Stickstoff-Dünger gehen durch die Decke, weil die Ukraine und Russland sehr wichtige Produzenten von Düngemitteln sind. Hülsenfrüchte aber sammeln den Stickstoff selbst – und haben zudem noch den Vorteil, dass sie Artenvielfalt auf den Acker bringen.

Zudem müssen wir die Nahrungsmittelverschwendung beenden. Das ist, genau wie die Nachfrage nach tierischen Produkten, ein großer Hebel. Zum Beispiel entspricht die Menge an vergeudetem Weizen allein in der EU etwa der Hälfte der Weizenexporte der Ukraine, das muss man sich mal vorstellen. Hier muss die Politik eine umfassende Strategie entwickeln.

Erste Maßnahmen der EU zulasten von Klima und Artenvielfalt sind schon in Kraft. Sehen Sie die Ökologisierung der EU-Landwirtschaft auch auf längere Sicht in Gefahr?

Im Sinne der gesamten Debatte schon. Es werden Argumente aufkommen, dass eine solche Krise zeige, dass wir keine Flächen aus der Landwirtschaft heraus nehmen dürfen für den Naturschutz. Dass wir die Produktivität nicht durch höhere ökologische Auflagen senken dürfen, sondern sie weiter stärken müssen …

Der Bayer-Chef Werner Baumann hat sogar vor einer "globalen Hunger- und Ernährungskrise" gewarnt ...

Das ist eben das alte Muster, das den Umbau und die Farm-to-Fork-Strategie der EU bremst. Dabei haben wir mit deren Umsetzung noch nicht einmal richtig angefangen. Das könnte langfristige Folgen haben.

Klar ist: Die Produktionssysteme müssen widerstandsfähiger gemacht werden gegen Krisen, sie müssen resilienter gemacht werden gegenüber variablen Anbaubedingungen durch die Klimaveränderung. Aber wir müssen das immer im Zusammenhang mit dem zu hohen Verbrauch von tierischen Nahrungsmitteln sehen. Wenn man sich die Vorschläge der EAT-Lancet-Kommission für eine gesündere Ernährung, eine Ernährung im Sinne der planetaren Grenzen ansieht, dann stellt sich die Knappheit auf der Produktionsseite noch einmal ganz anders dar. Es geht um gesunde Menschen auf einem gesunden Planeten.

Gibt es schon eine Reaktion aus Brüssel?

Wir werden das Papier in dieser Woche erst verschiedenen Entscheidungsträgern vorlegen. Aber eine zustimmende Reaktion gab es immerhin aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium, dass nämlich auch die Verbrauchsseite bei Lösungsansätzen immer mit einbezogen werden sollte.

Der Punkt ist: Es werden jetzt kurzfristige Maßnahmen ergriffen, aber wir wissen nicht, wie lange der Krieg und diese Krise anhalten. Wichtig ist auf jeden Fall, dass die Entwicklung hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft nicht zurückgedreht wird. Längerfristig bedrohen sowohl der Klimawandel als auch der Biodiversitätsverlust die Grundlagen der Lebensmittelerzeugung. Wenn da nicht gegengesteuert wird, steht uns bei der Ernährungssicherheit später eine wesentlich größere und länger anhaltende Krise ins Haus.

Hermann Lotze-Campen ist Agrarökonom an der Humboldt-Universität zu Berlin und Leiter der Abteilung Klimaresilienz am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK)


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