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Autor von "Deutschland 2050" "Wir müssen Benzin um sechs Euro teurer machen"

Hitzesommer wie 2018 - hier der Rhein bei Düsseldorf - werden Deutschland bis Mitte des Jahrhunderts häufiger heimsuchen. Das Klima der Rhein-Metropole ist dann dem kroatischen Rijeka vergleichbar
Hitzesommer wie 2018 - hier der Rhein bei Düsseldorf - werden Deutschland bis Mitte des Jahrhunderts häufiger heimsuchen. Das Klima der Rhein-Metropole ist dann dem kroatischen Rijeka vergleichbar
© alfotokunst/Shutterstock
Das Buch "Deutschland 2050", seit Wochen auf Bestsellerlisten, beschreibt eindrücklich, wie sich Deutschland binnen drei Jahrzehnten verändern wird. Wir sprachen mit einem der beiden Autoren, Nick Reimer, über das Leben mit Hitze und Trockenheit. Und über falsch geführte Benzinpreis-Debatten

GEO.de: Herr Reimer, kaum jemand macht sich so viel Mühe wie Sie, sich die Umwelt vorzustellen, in der wir in 30 Jahren leben werden. Was kommt denn auf uns zu?

Nick Reimer: Wir werden in einem Land leben, das im Durchschnitt zwei Grad wärmer ist. Das bedeutet, dass sich die Wetterextreme verstärken werden. Die Niederschlagsmenge wird zwar im Jahresdurchschnitt ungefähr gleich bleiben, aber die Verteilung wird eine andere sein. Wir sehen jetzt schon, dass die Extremniederschläge sich häufen. Auf der anderen Seite werden wir mehr Dürren bekommen. Es wird insgesamt ungemütlicher.

Wir beide sind dann über 80. Wird die Hitze vor allem die Älteren treffen?

Tage mit Temperaturen von 40 Grad und mehr sind heute noch die Ausnahme, aber sie werden bis Mitte des Jahrhunderts zunehmen. Einen solchen Hitzesommer zu überleben, wird dann für ältere Menschen zunehmend schwierig. Aber auch junge, gut trainierte Menschen sind hitzeanfällig. Bei der Leichtathletik-WM in Katar kollabierten 2019 ein Drittel der Starterinnen wegen der Hitze. Und wenn Sie Dachdecker sind, wird es Ihnen schwerfallen, bei 30 oder 40 Grad auf einem Bitumendach zu arbeiten.

In Hamburg wird 2050 ein Klima herrschen wie in Pamplona in Nordspanien, Düsseldorf bekommt ein Klima wie das kroatische Rijeka. Das klingt eher nach Urlaubsstimmung …

Uns war wichtig: Wer sich dafür interessiert, wie sich Leben 2050 anfühlt, der kann ja heute mal nach Rijeka fahren. Die Stadt sieht nämlich wegen der höheren Temperaturen komplett anders aus als Düsseldorf. Da gibt es kleine Fenster mit Rollläden, die mittags heruntergelassen werden. Und 30 Jahre, das ist nicht weit weg. Ein Beispiel: Wenn Sie sich heute eine Eigentumswohnung im Dachgeschoss kaufen, dann brauchen Sie etwa 30 Jahre, um das abzubezahlen. Wenn die Wohnung Ihnen dann aber endlich gehört, ist sie nur noch halb so viel wert – weil die Sommer dann so heißt sind, dass das Leben selbst in einem gut gedämmten Dachgeschoss einfach keinen Spaß mehr macht.

Sie haben vor 14 Jahren – auch mit Toralf Staud – ein Buch mit dem Titel "Wir Klimaretter. So ist die Wende noch zu schaffen" geschrieben. Was ist denn nun? Schaffen wir die Wende?

Die Frage ist, was wir unter "Wende" verstehen. Wir werden die Wende nicht mehr schaffen, unser heutiges schönes Leben zu behalten. Die Erwärmung von zwei Grad wird bis Mitte des Jahrhunderts in Deutschland kommen – egal, was wir tun. Ich bin Brandenburger und liebe den Wald. Aber weil Leute in 2,8 Tonnen schweren Autos mit 180 km/h über die Autobahn brettern müssen, weil Kohlekraftwerke weiterlaufen, weil wir keinen Klimaschutz betreiben, wird es 2050 in der Mark Brandenburg diesen Wald nicht mehr geben. Teile Brandenburgs werden versteppen. Wenn wir heute mit dramatisch gutem Klimaschutz beginnen, dann können wir die Klimafolgen ungefähr auf dem Niveau von 2045 oder 2050 einpendeln. Das wird dann zwar immer noch ein anderes Leben sein, aber nicht das katastrophale Leben, das uns ohne engagierten Klimaschutz am Ende des Jahrhunderts droht: Wir entscheiden heute, ob wir sogenannte Kipp-Punkte im Klimasystem auslösen.

Zum Beispiel?

Der grönländische Eisschild ist so ein Kipp-Punkt: Der ist bis zu 3300 Meter hoch. Oben ist es wie überall auf der Welt natürlich kühler als im Tal. Wenn dieser Eispanzer zu schmelzen beginnt, taut er nach unten in immer wärmere Schichten. Das lässt sich dann nicht mehr aufhalten: Allein das geschmolzene Grönlandeis wird den weltweiten Meeresspiegel um sieben Meter anheben. Emden liegt einen Meter hoch.

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Kürzlich hat Extinction Rebellion vor Medienhäusern in Hamburg demonstriert. Der Vorwurf: Es würde nicht ausreichend über die Klima- und die Artenkrise berichtet. Haben die Aktivisten Recht?

Eindeutig ja. Wenn es eine Klimakonferenz gibt, dann kann man sicher sein, dass bestimmte Magazine berichten, dass der Wein in Deutschland besser wird. Oder dass bei diesen Konferenzen ohnehin nie etwas herauskommt. Und sehen Sie sich an, wie gerade über die Benzinpreise diskutiert wird …

… Gerade erst hörte ich dazu ein Radio-Interview. Der Moderator sorgte sich um Pendler, die zukünftig den Sprit nicht mehr bezahlen können …

So etwas zeigt doch, dass die Dimension des Problems nicht klar ist. Es geht nicht darum, Benzin um 16 Cent teurer zu machen. Wir müssen es um sechs Euro teurer machen. Wenn wir das Autofahren nicht ganz verbieten wollen, müssen wir Klimaschäden einen Preis geben.

Ist es nicht legitim, sich auf die Seite des "kleinen Mannes", der Geringverdiener zu stellen?

Einkommensschwache Menschen werden vom Klimawandel viel stärker getroffen als gut situierte. Wenn der Journalist das Thema verstanden hätte, dann hätte er gesagt: Wenn wir Benzin jetzt nicht teurer machen, dann wirst du – „kleiner Mann“ – viel stärker unter der Klimaerhitzung leiden als die Besserverdienenden. Du bist derjenige, der künftig im Dachgeschoss wohnen muss, den kühlen Garten im Grünen wirst du dir nicht leisten können. Der „kleine Mann“ muss auf dem Bau in der Hitze schuften, die Klimaanlage wird er sich nicht leisten können. Wer möchte, dass unser schönes Leben annähernd so bleibt, wie es ist, der muss jetzt dringend den Benzinpreis raufsetzen.

Was können oder müssen Journalisten und Redaktionen anders oder besser machen?

Als erstes sollte man aufhören, Klimaskeptiker in Gesprächsrunden einzuladen. Mit Klimaleugnern und -skeptikern zu sprechen, hat mit redaktioneller Ausgewogenheit nichts zu tun. Zweitens müssen Redaktionen den Menschen erklären, was der Klimawandel für sie bedeutet, inwiefern ihr Leben betroffen sein wird. Einen ersten Eindruck davon haben viele ja in den Dürrejahren 2018/19 bekommen. Wir brauchen also eine gute Übersetzungsleistung der Medien. Aber natürlich müssen wir auch einen anderen politischen Diskurs führen. Wir müssen den Primat des Klimaschutzes in die Politik einführen – und aufhören, in Vier-Jahres-Rhythmen zu denken.


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