Oft wird der riesige Regenwald im Amazonas als grüne Lunge des Planeten bezeichnet. Wäre der Wald tatsächlich die Lunge, wäre die Erde wohl von einer schweren Atemwegserkrankung betroffen. Denn: Der Punkt, an dem sich große Teile des Amazonas-Regenwaldes in Südamerika in eine Art Savanne verwandeln könnten, rückt bedrohlich nahe. Zwei aktuelle Studien beschreiben, was eine weitere Abholzung des Waldes bedeuten könnte.
Der Amazonas-Regenwald spielt für das Weltklima eine zentrale Rolle, ein Großteil liegt in Brasilien. Präsident Luiz Inácio Lula da Silva setzt sich für weniger Abholzung ein – und tatsächlich gibt es Fortschritte, wie etwa eine Auswertung der Umwelt-Denkfabrik World Resources Institute (WRI) von Daten der US-amerikanischen Universität von Maryland zeigt.
Rund elf Fußballfelder Verlust pro Minute
Demnach ist der Verlust tropischer Regenwälder 2025 zwar deutlich zurückgegangen, blieb aber auf hohem Niveau. Weltweit gingen in dem Jahr 4,3 Millionen Hektar tropischer Primärwald verloren – eine Fläche etwa so groß wie Dänemark und ein Rückgang um 36 Prozent gegenüber dem Rekordjahr 2024. Ein Großteil des Rückgangs geht auf Brasilien zurück. Dort sank der Verlust von Primärwaldflächen ohne Brände um 41 Prozent und erreichte ein Rekordtief. Trotz des Rückgangs liegt der Verlust insgesamt weiter deutlich über früheren Werten: Er ist noch immer 46 Prozent größer als vor zehn Jahren und entspricht rund elf Fußballfeldern pro Minute.
Der Prozess der Entwaldung ist bereits ziemlich weit vorangeschritten. 17 bis 18 Prozent des Amazonas-Regenwaldes seien bereits zerstört, schreibt ein Team unter Federführung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) im Fachjournal "Nature". Steige dieser Wert auf etwa 22 bis 28 Prozent, drohten drastische Folgen: Schon bei einer globalen Erwärmung von 1,5 bis 1,9 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts könnten sich dann rund zwei Drittel des Amazonas-Regenwaldes in eine Art Savanne verwandeln.
Welt steuert auf deutlich stärkere Erwärmung zu als vereinbart
Ein solches Ausmaß an Erderwärmung gegenüber der vorindustriellen Zeit gilt mittlerweile als fast unvermeidlich, das international vereinbarte 1,5-Grad-Ziel als kaum noch zu halten. Mit der aktuellen Klimapolitik steuert die Erde UN-Angaben zufolge stattdessen auf 2,8 Grad Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts zu.
Ohne zusätzliche Abholzung des Regenwaldes drohe die Savannenbildung erst bei einer deutlich stärkeren Erderwärmung von 3,7 bis 4 Grad, schreiben die PIK-Forscher in ihrer Studie. Für seine Prognose hat das Team um Nico Wunderling unter anderem Klimaprognosen mit hydrologischen Modellierungen kombiniert.
Abholzung verändert den natürlichen Kreislauf im Amazonas
"Abholzung macht den Amazonas deutlich anfälliger, als wir bisher dachten. Sie trocknet die Atmosphäre aus und schwächt die Fähigkeit des Waldes, seinen eigenen Niederschlag zu erzeugen", erklärt Hauptautor Wunderling. "Schon eine moderate zusätzliche Erwärmung könnte dann Kettenreaktionen in großen Teilen des Waldes auslösen."
Normalerweise sorgt der Regenwald zu einem erheblichen Teil für seinen eigenen Niederschlag: Der Studie zufolge entsteht bis zur Hälfte der Niederschläge im Amazonasbecken aus dem Wasser, das von den Bäumen selbst als Wasserdampf in die Atmosphäre abgegeben wird und später wieder niederregnet. In zerstörten Wäldern wird dieser natürliche Kreislauf durchbrochen.
"Wir alle sind auf den Amazonas angewiesen"
Aber warum wäre es überhaupt ein Problem, wenn der Regenwald sich teils in eine Savanne verwandeln würde? "Wir alle sind auf den Amazonas-Regenwald angewiesen, um ein stabiles Klima zu gewährleisten", sagte PIK-Direktor Johan Rockström – ebenfalls an der Studie beteiligt – auf der vergangenen Weltklimakonferenz.
Sein Kollege Wunderling erklärt weiter: "Ein Absterben des Amazonas-Regenwalds würde zu einer zusätzlichen Erwärmung auf globaler Ebene führen, da eine wichtige Kohlenstoffsenke ausfällt. In Teilen des Regenwalds ist auch bereits gezeigt worden, dass diese Fähigkeit des Amazonas-Regenwalds CO2 aufzunehmen bereits schwächer geworden ist über die letzten Jahrzehnte."
Klimawandel schwächt den Wald
Eine weitere aktuelle Studie kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass der Niederschlagszyklus im Amazonasgebiet zunehmend empfindlich auf Abholzung reagiert – und dass dafür der Klimawandel verantwortlich ist. Die Rodung großer Waldflächen könne schon unabhängig vom Klima zu starken Rückgängen der Niederschlagsmengen führen, schreibt ein Team von der Universität Helsinki im Fachjournal "Geophysical Research Letters". Doch da sich die Region erwärme und austrockne, trete dieser Effekt bereits bei geringeren Abholzungsraten ein.
"Da sich das Klima in der Region verändert, rechnen wir damit, dass die Luft wärmer und trockener wird. Die Feuchtigkeit, die wir zuvor hatten und die wiederverwertet werden konnte, wird immer knapper, da es immer weniger regnet", erklärt Studienautor Eduardo Maeda.
Die Forscher um Maeda kommen auf Basis ihrer Modellierungen zu dem Schluss, dass aktuelle gesetzliche Regelungen nicht ausreichen. Derzeit sei es Landeigentümern im Amazonas-Regenwald verboten, mehr als 20 Prozent ihres Landes zu entwalden. "Das reicht nicht aus", betont Maeda. "Wir müssen mehr tun." Gehe man von Szenarien einer sehr starken Erderwärmung aus, dürften innerhalb großer Bereiche nicht mehr als zehn Prozent der Fläche abgeholzt werden, wenn man das heutige Niederschlagsniveau erhalten wolle.
Wie feucht oder trocken der Regenwald ist, hat einer aktuell in "Nature" veröffentlichten Studie genauso wie zunehmende Stürme Einfluss darauf, wie lange und effektiv Wälder Kohlenstoff speichern – also wie gut sie ihre wichtige Rolle als natürliche Klimaschützer erfüllen können.
Kann ein Schutzfonds zur Lösung beitragen?
Seit Jahren wird der Schutz der fürs Weltklima so wichtigen Regenwälder auch regelmäßig auf den internationalen UN-Klimakonferenzen diskutiert. Vom dort einst vereinbarten Ziel, die Entwaldung bis 2030 zu stoppen, ist man weit entfernt. Im vergangenen Jahr rief Brasilien als Gastgeberland ein ungewöhnliches Instrument für den Waldschutz ins Leben – den sogenannten Tropical Forest Forever Fund (TFFF). Das Konzept: Länder, die ihre Tropenwälder erhalten, sollen nach dem neuartigen Modell belohnt werden. Umgekehrt sollen sie für jeden zerstörten Hektar Wald Strafe zahlen. Überprüft würde dies mit Satellitenbildern.
Felix Finkbeiner von der Umweltorganisation Plant-for-the-Planet hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Fonds zu beobachten und Fortschritte auf der Seite Tfffwatch.org zu dokumentieren. Finkbeiner hält den Fonds grundsätzlich für ein wertvolles Instrument und betont, in Zeiten knapper Kassen und von Rückschritten bei der Entwicklungsfinanzierung müssten unbedingt auch alternative Finanzierungsmethoden gefunden werden.
Auf der vergangenen Weltklimakonferenz wurden 6,7 Milliarden US-Dollar zugesagt – darunter eine Milliarde Euro von Deutschland, eine Milliarde US-Dollar von Brasilien und drei Milliarden US-Dollar von Norwegen. Die Norweger knüpften ihr Geld an die Bedingung, dass bis Ende 2026 zehn Milliarden US-Dollar zusammenkommen. Auch wenn dies bislang nicht erreicht ist, sei es dennoch ein positiver Start für den Fonds gewesen, meint Finkbeiner. "Ich bin relativ optimistisch, dass wir dann zum Jahresende diese 10 Milliarden schaffen werden." Doch ein Fonds allein werde das Problem nicht lösen können.
Stärkung des Waldes notwendig
Die Forschenden vom PIK betonen, dass sich die Widerstandsfähigkeit des Amazonas durchaus noch stärken lässt. Direktor Rockström erklärt, die drohende Entwicklung sei nicht unausweichlich: "Wenn Abholzung gestoppt, bereits geschädigte Wälder ökologisch wiederhergestellt und die Emissionen schnell gesenkt werden, lassen sich die Risiken deutlich verringern."
Wie es mit der Abholzung weitergeht, dürfte wohl auch maßgeblich von der politischen Zukunft Brasiliens abhängen. Dort findet im Oktober die Präsidentenwahl statt. Der linke Amtsinhaber Lula tritt wieder an. Ablösen will ihn jedoch der Sohn des brasilianischen Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, Flávio Bolsonaro. In der Amtszeit seines Vaters wurde die Abholzung des Regenwaldes massiv vorangetrieben – erst Lula läutete die Kehrtwende ein.