Reisebericht

Reisebericht: "Civita - die sterbende Stadt"

 
 
 
 
 
Reisebericht: "Civita - die sterbende Stadt"

Civita di Bagnoreggio befindet sich in der Provinz Viterbo/Latium. Betrachtet man den Ort, der sich von Felsschluchten umgeben auf den Felsen erhebt aus der Entfernung, scheint es, als handle es sich um eine Geisterstadt, wie sie nur in der Fantasie von Visionären oder in der Erinnerung von Träumen zu finden ist...

 
 
 
 
 

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"Civita - die sterbende Stadt"

In aller Frühe verließen wir unseren "Heimatort" und machten uns auf den Weg nach Civita di Bagnoreggio, der "sterbenden Stadt." Im Gepäck, d.h. in der Box saß - wie immer - der "Hochadel", die Rauhhaardackelin "Lady Corinna." Da wir es gemütlich angehen wollten, benutzten wir nicht die Autobahn, sondern die kurvenreichen Landstraßen. Richtung Rom ist überall gut ausgeschildert, das war zwar nicht unser Ziel, aber wir klammerten uns förmlich an die Schilder. Zuerst kamen wir auch zügig voran, dann kam eine etwas größere Stadt und - aus war es mit den Schildern nach Rom, aber da ja bekanntlich alle Wege nach Rom führen, setzte mein Mann das GPS in Gang. Als die freundliche Dame uns noch begrüßte, begann die "Lady" im hinteren Teil ihr ohrenbetäubendes Gebell. Angeblich hatte ja mein Mann alles gut verstanden, wohin der Weg auch immer führen mag, er war verkehrt. "Nach 300 Metern, die zweite Ausfahrt rechts" (zweimal für Gehörgeschädigte). Geschafft, jetzt geradeaus...nein: "Kehren sie nach Möglichkeit" bei der nächsten Gelegenheit um" (auch zweimal). Ja, aber wo war die Gelegenheit? Bei dem Gekläffe wurde mein Mann so ganz langsam nervös...wir verstanden immer nur: "Kehren sie nach Möglichkeit um", dann wieder falsch gefahren. Jetzt wurde mein Mann nicht nur nervös, nein, richtig rabiat, wollte schon das GPS mitsamt dem Hund aus dem Auto werfen...na, das ging dann doch zu weit!

Ich weiß nicht wie, aber irgendwie kamen wir endlich aus dem Ort heraus, GPS abgestellt...ungewöhnliche Ruhe hinten, nur kurzfristig! In dem eigentlichen Städtchen Bagnoreggio suchten wir nun nach einer Straße Richtung "Civita". In diesem Falle kann man sagen, ist es von Vorteil, dass der Ort nur aus Einbahnstraßen besteht. Wir fuhren einfach bis zum Ende durch und landeten vor einer Bar, d.h. vor der "Bar Belvedere", die in einem parkähnlichen Gelände liegt. Das Auto, wie üblich in den Schatten, "Lady Corinna" blieb in der Box. Nur so konnten die "restlichen" Sitzpolster gerettet werden! Kamera raus, kleines Handtäschchen und einen schicken Umhang um die Schultern geworfen. Mein Mann verstand schon jetzt die Welt nicht mehr: Es ist so warm, laß ja das komische Ding im Auto! Ließ ich nicht, man konnte ja nicht wissen, wie kühl es in den Gassen der Geisterstadt war.

Ein Kaffee war erst mal Pflicht und danach besah ich mir erst einmal die "Sache" von oben. Oh, mein Gott, eine Hängebrücke...nein, natürlich aus Beton und nur für Fußgänger, 300 m lang. Sah von oben eher nach 3 km aus und lauter Ameisen krabbelten den Berg nach oben. Waren natürlich Bergsteiger, wie wir noch erfahren sollten! Amerikaner fragten uns nach dem Weg zur Brücke...wir suchten sie gemeinsam! Erst mal viele Treppen - müssen noch aus dem Mittelalter sein - nach unten, dann kam eine reguläre Straße, ein paar Häuser, Parkplätze und eine Bushaltestelle. Dann kam die Brücke...nein, da passte beim besten Willen kein Bus durch. Das erste Stück der Brücke ist noch eben und man kann flott dahin schreiten, aber plötzlich - ohne Vorwarnung - beginnt der Aufstieg. Ich schaute die Brücke runter, mir wurde schwindlig, ich schaute nach oben - sah die "sterbende Stadt" - da wurde mir schlecht.

Hätte ich doch bloß nicht diesen Umhang mitgenommen, mir brach der Schweiß aus allen Poren. Ich wurde immer langsamer durch die Schmerzen im Rücken, mein Mann, der reinste Packesel. Umhang, Kamera und seinen Fotorucksack. Um uns herum keuchten die Leute, wie die Dampflokomotiven, mir war schon alles egal, der Ort kam immer näher, die Steigung wurde schlimmer. Hätte nicht gedacht, dass es noch eine Steigerung der Steigung geben könnte. Die ersten Männer überholten uns zügig und ließen ihre Frauen zurück...na sowas! Plötzlich war mein Mann auch dabei...läßt mich einsam und verlassen zurück..mit Kamera und Umhang! Plötzlich war ich von Amerikanerinnen umzingelt, die kein Wort mehr hervorbrachten, nur noch hächelten, wie unser Hund bei Hitze. Dann nahmen wir die letzten 3 Steigungen in Angriff, wäre doch gelacht, wenn unsere Männer uns hier herumhängen sehen!

Einer Ohnmacht nahe, vernahm ich die von oben kommende Stimme meines Mannes, ob ich denn noch laufen könnte. Ich gab gar keine Antwort...mir fehlte der Atem. Der "zweite Ruf" riss mich aus meinter Lethargie: Komm schnell, hier oben ist eine schöne Steinbank, da kannst du dich ausruhen. Eine Steinbank, wo? Na, gleich hier um die Ecke. War gelogen, waren noch zwei Ecken, dann sank ich auf die Steinbank nieder und dachte: Vor der sterbenden Stadt, willst du doch nicht sterben und folgte dem Ruf meines Herrn, der eine wunderschöne Bar im Schatten entdeckt hatte. Als ich mein Bewußtsein wieder erlangte, bemerkte ich, dass der Ort keineswegs dem Tod geweiht war. Überall Blumen, Licht, Andenkenläden, hier war "uralt" restauriert worden, aber die Häuser hatten ihren alten Charakter behalten.



 
 
 
 
 

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Die Olivenölmühle

Hier wollten wir eigentlich im Inneren Fotos machen - Besitzer gewechselt - Fotografieren verboten. Das Haus ist 500 Jahre alt und innen sieht es eigentlich auch noch genauso aus. Vom jahrhundertelangen Russ geschwärzte Wände und Decken, sehr interessant. Leider war der junge Mann im Lokal nicht sehr freundlich, wir bestellten Bier und Cola und ich verwickelte ihn in ein Gespräch, damit mein Mann wenigstens ein paar Bilder weiter hinten machen konnte. Ist ihm auch gelungen, waren aber leider nur zwei, dann kam der "charmante" Bubi meinem Mann auf die Schliche - wir zahlten und schlichen uns weg. Ich schaute in einige Gärten, durfte auch Fotos machen...gratis.

Dann sah ich die Oma auf einer Steinbank sitzen...100 Jahre oder auch mehr! Sie hielt die Hand auf, ich schaute verdutzt....mamma mia, ganz schön viel Geld in ihrem Tuch! Also Signora, wenn sie die schönste Aussicht sehen wollen, bitte bezahlen. Gut, wieviel? Ist egal...also zahlte ich einen Euro, mein Mann auch, dann gingen wir in den Garten...und tatsächlich - Calanchi, zu Greifen nahe, eine Mondlandschaft!



 
 
 
 
 

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Die Oma und der Blick auf die "Calanchi"

Jetzt wusste ich auch, warum es im Ort so still war, die Leute standen alle in ihrem Garten, staunten und fotogarfierten! Der eindrucksvolle Blick auf das Furchental mit seinen Mondkratern! Fantastisch...plötzlich ist der Ort zu Ende - ist die Welt zu Ende, oder aber man befindet sich in einer anderen, fast wattierten Welt, ohne jenen Lärm und jene Hektik, an die wir uns durch unsere Städte gewöhnt haben: eine Welt wie sie eben früher war, vor Jahrhunderten. Und rundherum spürt man die Leere, das Nichts am Ende einer Sackgasse, das Nichts hinter einer Hausfassade...



 
 
 
 
 

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Das Furchental und die Valle dei Calanchi

Was aber Civita so besonders macht ist, dass es ein Stück Vergangenheit ist, das wunderbarerweise die Zeit und die Naturkatastrophen, die aus einer reichen und florierenden Stadt eine "sterbende Stadt" gemacht haben, dennoch überlebt hat; eine Stadt, die der Zerstörung geweiht ist, die aber dennoch am Leben hängt. Das zeigt sich an der Weigerung der wenigen Einwohner - etwa zwanzig wohnen das ganze Jahr in Civita, im Sommer sind es etwa dreihundert - Civita zu verlassen, daran, wie sie mit Liebe ihre Häuser pflegen und an den Initiativen zur Erhaltung der Stadt. Hier haben sich sehr viele Amerikaner niedergelassen, Künstler, die den Sommer hier verbringen, man hört mehr englisch, als italienisch. Die jüngste Initiative ist das "Progetto Civita", das 1988 gegründet wurde und sowohl aus öffentlichen Institutionen als auch aus Privatleuten besteht, deren Absicht es ist, ein Forschungszentrum zu errichten, zur Entwicklung neuer Technologien zur Erhaltung und Wertung des kulturellen Erbes und jenes der Umwelt.

So könnte gerade Civita, das selbst emblematisch ist für die prekäre Lage dieses Erbes, ein Symbol für die Bereitschaft zur Erneuerung werden, um unserer Vergangenheit eine Zukunft geben zu können....

Im Jahre 1450 begann das Klarissinnenkloster im süd-östlichen Stadtgebiet einzustürzen, zwischen 1466 und 1469 stürzte eine Häusergruppe Richtung Lubriano ein (von Lubriano haben sie übrigens einen wunderschönen Blick auf Civita) 1553 kam die Straße, die zum Stadttor "Porta di Ponte" führte an die Reihe....von diesem Zeitpunkt ging es immer mehr bergab....Erdabgänge, Einstürze, Überschwemmungen, Erdrutsche, dem Entstehen von Rissen (die schon wieder auftreten) und Abgründen, die Jahr für Jahr Teile der Stadt verschluckten. Mit den schrecklichen Erdbeben der Jahre 1695 und 1764 verschlimmerte sich noch der Zustand. Zu den Naturkatastophen kommt noch hinzu, dass 1944 die deutschen Truppen die gemauerte Brücke sprengten, die das einzige noch erhaltene Bindeglied zwischen Civita und der Umwelt gewesen war. Zu Erdabgängen kam es auch 1964, als die eben neugebaute Verbindungsbrücke kurz vor der Eröffnung einstürzte.

Es würde viel zu lange dauern, all jene Gebäude aufzuzählen, die von historischem und künstlerischem Wert waren und in der Steinwüste untergegangen sind. Seit Jahrhunderten kämpft Civita gegen ihr wie es scheint unausweichliches Schicksal. Versuche zum Wiederaufbau und zur Wiedergewinnung haben sich bis jetzt als enttäuschend erwiesen. Dank des technischen Fortschrittes blickt man nun mit neuem Vertrauen auf das "Progetto Civita", das sich drei Ziele gesetzt hat:
- die Schaffung eines Naturschutzparkes, den "Parco della Valle dei Calanchi", zum
Schutz des Gebietes,
- die Sicherstellung des Felsens und des alten Stadtteils Civita,
- die Einrichtung eines Informationszentrums zum Schutz des kulturellen Erbes und
jenem der Umwelt.

Diese Initiative stellt die Beziehung zwischen Kultur und Industrie auf neue Weise dar und initiert ein interessantes Experiment zur Verbindung von Vergangenheit und Zukunft in diesem außerhalb der Zeit liegenden Ort.



 
 
 
 
 

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Porta di Ponte

Wenn sie durch dieses Tor den zuerst bequemen Abstieg nehmen, um auf der anderen Seite den wesentlich steileren Aufstieg zu beginnen, sind sie durch zwei Welten gegangen - den in der Vergangenheit und den in die Zukunft. Letzeres gefällt mir besser, aber man muss die Vergangenheit erst verstanden haben, um die Zukunft zu kennen!

Ich empfehle ihnen, schauen sie sich "Civita", die sterbende Stadt einmal an, sie werden diesen Tag nicht bereuen. Mir ist allerdings zuhause die Idee gekommen, mich - wie Oma - vor unseren Garten zu setzen und die Hand aufzuhalten, denn wir wohnen nicht nur in dem am höchsten Platz gelegenen Haus, wir haben auch das schönste Panorama. Kopftuch und Kleidung wären kein Problem, wir haben hier genug alte Frauen...ich frage mich nur, wie bekomme ich so viele Runzeln ins Gesicht. Wäre für einen guten Visagisten eine echte Herausforderung!

Viel Spaß beim Steigen - aber das haben sie bei einem Glas Bier anschließend in der Bar "Belvedere" schnell vergessen und werfen - wie wir - einen letzten Blick beim Untergang der Sonne auf die "Sterbende Stadt."



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Region: Latium

Kommentare
  • mpics 30.10.2012 | 08:56 Uhr

    Hallo Uta,
    deine Berichte mit Insider-Wissen und gepaart mit "menschlicher Nähe", sei es der eigene Mann, die Lady, Einheimische oder gar die eigenen kleinen Schwächen, machen das Lesen interessant und "schmunzelig"! lg Michael

  • Zaubernuss 30.10.2012 | 11:25 Uhr

    Liebe Uta,
    Mit Dir als Reiseführerin macht es Spass, sogar einer sterbenden Stadt Leben einzuhauchen. Mich packt jedes Mal das "Italienfieber", wenn ich Deine Berichte lese und ich mir vorstelle, wie ich vielleicht bald einmal mit meinem Mann, ohne Hund, Deinen Spuren folgen werde... Danke für den rundum gelungenen Beitrag!
    LG: Ursula

  • agezur 30.10.2012 | 12:46 Uhr

    Ein Reisebericht vom Feinsten. Es macht großen Spass mit dir unterwegs zu sein und obendrein noch mit viel Insiderwissen versorgt zu werden. Solche Berichte mag ich sehr!!!!
    LG Christina

  • Blula 04.11.2012 | 14:21 Uhr

    Hallo Uta! Ja, Deine Berichte lesen sich einfach gut, weil sie neben ihrem großen Informationsgehalt auch so lebendig geschrieben sind..... und für mich, die ich ein bekennender Italien-Fan bin, sowieso immer!!
    Dein Bericht über die sterbende Stadt Civita di Bagnoreggio paßt natürlich auch ganz gut zum Monat November.
    LG Ursula

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