Reisebericht

Reisebericht: Besuch in Colmar

 
 
 
 
 
Reisebericht: Besuch in Colmar

Spaziergang durch eine mittelalterliche Stadt im Elsass

Mit aufwendig bestückten Blumenkästen begrüßt uns bei der Ankunft am Rande seiner touristisch aufgemotzten Altstadt die alte elsässische Stadt Colmar. Ganz so als wäre der Sommer in Mitteleuropa endlos, unterstreichen sie mit ihrer Blütenpracht auch zum Ende des Septembers das Ensemble aus hervorragend renovierten historischen Häuserzeilen entlang des Quay de la Sinn, die den an dunkle Zeiten in jüngster Vergangenheit erinnernde Place des Martyrs de la Resistance begrenzen.
Gerade angekommen zu einer Stippvisite in dieser Stadt am südlichen Ende der landläufig gemütlichen Elsass-Region müssen wir die Entscheidung treffen, wo wir mit unserem Stadtrundgang beginnen.



 
 
 
 
 

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Ohne strategisch nachzudenken, wenden wir uns dem imponierenden Komplex des ehemaligen Gebäudes des Klosters der Dominikaner zu, dessen wuchtige und wehrhaft errichtete Mauern aus dem letzten Drittel des 13. Jahrhunderts das Museum Unterlinden beherbergen.



 
 
 
 
 

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Die Ordensgemeinschaft der Antoniter, die im Jahr 1202 gegründet wurde, wandte sich 1297 ermächtigt durch Papst Bonifaz den Regeln des heiligen Augustinus zu. Lebensinhalt der frommen Bruderschaft war die Heilung der von der heiligen Frucht befallenen Kranken. Damit gemeint war der sogenannte Mutterkornpilzbrand, eine Vergiftung durch Roggenparasiten, die sich hier im 12. Jahrhundert ausbreitete. Mit fleischreicher Ernährung stemmten sich die Brüder der Seuche entgegen und gründeten im Zuge ihres unermüdlichen Einsatzes im Gesundheitswesen des Mittelalters zahlreiche Niederlassungen, zu denen auch jene in Colmar gehörte.



Die geheiligten Hallen der einst reichsten Bruderschaft, die im Mittelalter entscheidend den katholisch geprägten Mystifizismus im gesamten Rheinland verbreitete, wurde in Zeiten der Säkularisation im Zuge der Erneuerung des Gedankengutes gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu einem Kavalleriequartier umfunktioniert, bevor bereits 1852 das heute neben den Einrichtungen in Paris am meisten besichtigte Museum Frankreichs entstand.
Werke früher deutscher Meister wie Kaspar Isenmann und Martin Schongauer reihen sich entlang der Säle des Erdgeschosses.



 
 
 
 
 

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Die ehrwürdigen Hallen umschließen einen 1270 entstandenen Kreuzgang, durch dessen gotische Bogenfenster der Blick auf den begrünten Innenhof schweift. Einkehr und Ruhe vermittelt das Karree auch dem flüchtigen Besucher in hektischer Zeit wie der unsrigen, der immer seltener Besinnung zu erlangen vermag.



 
 
 
 
 

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Beeindruckenstes Ausstellungsstück des Museums Unterlinden, Anziehungspunkt für rund 350000 Besucher jährlich, ist der Isenheimer Altar. Er gilt als eines der größten Monumentalwerke der abendländischen Sakralkunst.



Zwischen 1512 und 1516 hat Mathias Grünewald die ein Retabel, einen Wandelaltar bildenden Gemälde mit ihren Darstellungen rund um das Leben des Begründers der Christenheit geschaffen. Seine Szenen, die Verkündigung, Menschwerdung, Kreuzigung und Auferstehung vermitteln, schmückten einst ein Kloster im benachbarten Isenheim.



 
 
 
 
 

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Nur einen Bruchteil des ganzen Kleinodes, das bis zur französischen Revolution im Besitz des Klosters von Isenheim blieb, stellt das Museum Unterlinden aus. Entgegen ihrer ursprünglichen Anordnung wurden die einzelnen Bestandteile des Altars als Einzelkunstwerke weit auseinander aufgestellt.
Die Auflösung des Klosters war Ursache dafür, daß Teile des Gesamt-Kunstwerkes von gigantischem Ausmaß so oft verpackt wurden, daß viele Kisten mit bemalten und vergoldeten Skulpturen unwiderruflich verloren gingen. Nur zwei Texte aus dem späten 18. Jahrhundert beschreiben den ursprünglichen Aufbau des sich durch Klapp-Vorrichtungen immer wieder wandelnden Altars, dessen erhaltene Überreste im Jahr 1860 vom damaligen Museumskurator Louis Hugot als kläglich beschrieben wurden.



 
 
 
 
 

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Ein kleines Modell an einer der Seitenwände des Ausstellungsraumes bildet den diesen Beschreibungen entnommenen Aufbau nach.



 
 
 
 
 

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Mit rund 85000 Einwohnern ist Colmar nur eine mittelgroße Stadt und zwischen Straßburg und Mühlhouse gelegen, nicht einmal die bedeutenste Metropole im Elsass. Vielleicht weil diese Stadt für die große Politik der beiden Mächte, die bis vor 60 Jahren nur durch Langzeitfeindschaft verbunden waren, nicht so interessant war, daß man um ihren Besitz zerstörerische Waffen einsetzte, hat das, was der Mitteleuropäer - als er die Technik des Stein auf Stein-Baues entdeckt hatte - errichtete, erhalten können.
Wir spazieren durch die lebhaften zu Fußgängerzonen umfunktionierten Straßen der restaurierten Altstadt, deren Fachwerk- und Giebelhäuser mit ihren die Zeit ihrer Entstehung replizierenden Fassaden einen Querschnitt der Baukunst seit dem Hochmittelalter darstellen und dies ganz ohne vom Staub eines Museums bedeckt zu sein.



 
 
 
 
 

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Die schmucken Bürgerhäuser, dekoriert in munteren Farben und heraus geputzt mit Blumen, sind bewohnt. In ihren Untergeschossen bieten Geschäfte alltägliche und besondere Waren an. Filigrane Türschilder bekunden den Ursprung der Gebäude als Domizile handwerklicher Zünfte.



Elsässische Spezialitäten, schmackhaft dargereicht wie überall im Land der kulinarischen Leidenschaften, in dem selbst Lebensmittel zum Kunstwerk erhoben werden, verlocken zum Kauf., zurückschrecken davor lediglich die teilweise exorbitanten Preise.



 
 
 
 
 

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Als im Dunkel der europäischen Geschichte des ersten Jahrtausends unserer Zeitrechnung Karl der Große um ca. 820 die Stadt gegründet haben soll, umfaßte das Reich der Franken noch den größten Teil des Kontinents. Kein Thema war die bereits nach seinem Tod entstandene Konfliktsituation zwischen dem Machtbereich, den seine Erben in einem West- und einem Ostreich vorstanden und deren Nachfahren zu einem mehr als tausend jährigen Bruderkrieg aufforderten, in dem das Elsass und damit die Stadt Colmar entweder deutsch oder französisch zu sein hatte.



 
 
 
 
 

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Erst der Effekt der Fastzerstörung eines Kontinentes unter dem Bombenfeuer eines von Technik regierten Krieges in der Mitte des 20 Jahrhunderts ließ Anfang der 50iger Jahre durch die Umarmung zweier bereits ergrauter Politiker aus beiden Ländern, Charles de Gaule und Konrad Adenauer, zuerst Respekt, dann Freundschaft und schließlich reibungsloses Miteinander entstehen, deren Enkel heutzutage in einem Großraum ohne wirklich politische Grenzen im französischen Elsass an deutsche Kultur erinnernde Gebäude als Selbstverständlichkeit ganz bewusst hervorheben.



 
 
 
 
 

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Die Annalen der Stiftskirche St. Martin, die in Anbetracht ihrer Wuchtigkeit den Titel einer Kathedrale für sich in Anspruch nimmt, gehen zurück auf das 11. Jahrhundert. Immer wieder umgebaut und erweitert, stellt ihre Baueinheit die letzten wesentlichen Veränderungen im 18. Jahrhundert dar.
Die Kathedrale umgibt wie alles, was Colmar ausmacht, ein Ensemble von Häusern im Wandel der Zeiten, begründet mit denjenigen um 1300, als die Gotik den Geschmack der Zeit prägte, verändert rund 300 Jahre später mit den Merkmalen der Renaissance, zu deren anschaulichsten Beispielen die Wachstube, die ursprünglich eine Kapelle war und als Beinhaus des Friedhofes diente, gehört.
Ende des 13. Jahrhunderts ließen sich in Colmar die Dominikaner nieder und bauten ihre Kirche nach dem Vorbild der Sakralgebäude der Bettelorden.
Streng, hell und elegant ist der Innenraum. Die Ausschmückung ist nicht im Original erhalten. und wurde im Verlaufe des 19. Jahrhunderts von unterschiedlichen Plätzen nach hier geholt.



Der Platz vor der Dominikaner-Kirche ist erfüllt vom Strom der Stadtbummler. Einheimische und Touristen genießen den noch warmen Herbsttag in einem der Straßen-Cafes, lauschen einem Musikanten und bewundern die Fassaden der allesamt Denkmal geschützten Häuser, die sich rund herum anordnen.



Handel und Handwerk bestimmten seit dem Mittelalter das städtische Leben. Nach Zünften getrennt fügten sich ihre jeweiligen Niederlassungen in die ihnen zugewiesenen Viertel. Zum bequemen Transport von Waren und Abfällen bevorzugten die Gerber die Ufer der kleinen Flüsse, der Lauch und des Mühlbaches. An sie erinnert die Rue des Tanneurs, die Gerbergasse.



 
 
 
 
 

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Einst stanken die Produkte ihres Gewerbes hier gegen den Himmel. Viele ihrer alten Häuser mit den riesigen Dachgeschossen, in denen auf mehrere Stockwerke verteilt, die Häute trockneten, haben sich erhalten. Nachdem die Industrialisierung des 19. jahrhunderts ihrer nicht mehr bedurfte, verfiel das Viertel zusehends. Baufällig war die Bausubstanz der uralten Häuser, verdreckt das Umfeld, leer die Straßen.
Der Gedanke an einen Radikalschlag durch die Abrissbirnen rückte näher. Doch bereits 1966 beschloss die Stadtverwaltung stattdessen eine Restaurierung. Zehn Jahre später war das Viertel der Gerber zu neuem Leben erwacht. Entstanden war der Gedanke der Städterehabilitierung unter Erneuerung und Verschönerung des Alten.



 
 
 
 
 

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Das Gerberviertel und der angrenzende Stadtteil der Fischer, die hier Aale, Forellen, Hechte und Lachse aus dem Fluß zogen, erwachten zu neuem Leben.



 
 
 
 
 

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Von Grund auf saniert wurden die alten Mauern, angestrichen mit lebhaften Farben und geschmückt mit Blumen. Schnuckelig wurden die Fassaden, die inzwischen Tag für Tag als ganz besondere Attraktion geradezu mit Magnetwirkung Touristen auf Romantik-Kurs anzulocken verstehen.



 
 
 
 
 

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Und so wandeln auch wir entlang des Quais de la Poissonerie, des Fischerkais , wo die Lauch Häuserzeilen aus der Zeit des 16. Jahrhunderts begrenzt, nach Klein-Venedig. Hier hatten sich in früheren Zeiten die Gemüsegärtner niedergelassen und bildeten die Krutenau, ihr Viertel, in dem sie lebten und hart arbeiteten, um sich jene Häuser zu erbauen, die erwacht zu ursprünglicher Schönheit, umgeben vom Blattwerk sich harmonisch einpassender Pflanzen die Ufer der Lauch in eine weitaus schönere Version der Seitenkanäle der berühmten Stadt an der Adria verwandeln.



Die Traenkbrücke, neben der einst das Vieh seinen Durst stillte, bildet sodenn heutzutage den vielleicht imponierensten Blick, den die Stadtväter von Colmar für die Nachwelt zu erhalten verstanden haben, als sie damit begannen, eine wiederbelebte Vergangenheit in moderne Zeiten zu integrieren.



 
 
 
 
 

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Getränkt werden hier heutzutage die Touristen in und vor allen Dingen, wenn das Wetter es zulässt, vor einer malerischen Weinstube, umgeben von einer musealen Stadtlandschaft, die kein Disney-Land zu bieten vermag.



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Kommentare
  • Zaubernuss 15.08.2011 | 10:54 Uhr

    Ein schöner Reisebericht über einen vielbesuchten Touristenort mit wertvollen Informationen. LG: Ursula

  • ingepeter (RP) 02.09.2011 | 22:33 Uhr

    ... ein interessanter Bericht mit schönen Fotos und guten Informationen .. Gruss Inge

  • winni 10.10.2011 | 09:26 Uhr

    Colmar ist immer wieder schön. War im Juli noch dort. vg winni

  • umi.s 09.04.2012 | 18:43 Uhr

    Danke für diesen interessanten Bericht. Cölmar steht schon länger auf meiner Wunschliste der Städte, die ich gerne sehen möchte -- jetzt erst recht.
    Für mich war bisher nur Colmat = Isenheimer Altar von Mathias Grünwald ein Begriff. Dein Bericht zeigt, dass das nicht das einzige ist, was dort sehenswert ist. Darum: DANKE
    LG Ursula

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