Japan-Reise-2011

Reisebericht

Japan-Reise-2011

Reisebericht: Japan-Reise-2011

Meine lang erträumte Reise nach Japan findet in Februar 2011 endlich statt. Japan, da bin ich, voll Erwartungen und Neugier. Ich werde die erste 2/3 Woche bei einer Organic-Farm in Kyushu verbringen. Ich habe viel Zeit, darum möchte ich so viel wie möglich herumreisen, Kyushu, Shikoku, Kyoto, die japanischen Alpen und Tokyo sehen.

Glover-Garden-Nagasaki

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Nagasaki

Die ersten paar Tage verbringe ich in Nagasaki. Das Ryokan (traditionelle japanische Unterkunft) ist genauso wie ich mir das vorgestellt habe. Das Tatamizimmer mit Futon, Schiebetüren, und 3 paar Pantoffeln. Auf Tatami darf man nicht mit Pantoffeln, aber im Eingang, im Bad und auf dem WC muss man! Ich habe gehört, dass manchmal die «Toilet Slippers» mit einer Schnur zusammengebunden sind, damit die Dummen Ausländer nicht doch mit ihnen auf den Flur treten. Selber habe ich das aber nie gesehen. Es ist manchmal ein bisschen unangenehm und auch unhygienisch, wenn man an den verschiedensten Orten in Pantoffeln schlüpfen muss, in denen bereits ein paar Tausend Füsse gesteckt haben. Es scheint, dass auch für die JapanerInnen selbst die strenge Sitte des Schuhablegen allerdings lästig ist. Muss man sich nur vorstellen wie viele male pro Tag ein Gasableser sich seine Schuhe entledigen muss, um an die Zähler in den Wohnungen he-ranzukommen. Die Schuhe, auch die teuersten, sehen immer ziemlich lädiert aus, vor allem bei den Fersen. («Reise nach Japan, Kulturkompass fürs Handgepäck», Unionsverlag.)
Nagasaki ist eine Stadt voll von Geschichte. Die Holländer haben in der Edo-Zeit (1603-1868) von hier aus Handel mit dem restlichen Japan getrieben und im Zweiten Weltkrieg, haben die Amerikaner die zweite Atombombe (nach Hiroshima) auf die Stadt geworfen. Ich besuche den Stadtteil Urakami, wo am 9.8.1945 die Bombe (Fat Man) einschlug. Der Friedenspark, mit einer Spring-brunnen, die an den unsagbaren Durst unter dem die Brandopfer gelitten haben erinnert, und die knapp 10 m hohen Friedenstatue des Bildhauers Kitamura Seibo. Das Atombombenmuseum ist 1996 eröffnet worden. Es zeigt Artefakten, die nach dem Abwurf übriggeblieben sind, Fotos, Interviews mit Zeitzeugen, und die Geschichte der Atomenergie allgemein bis Heute. Ich bin ziemlich aufgewühlt, über die Wanduhr, die auf 11.02 stehengeblieben ist, dem Helm mit Schädelresten, Kleidern und dem Bento (Lunchbox) eines Schulmädchen, der noch verbrannten Reis enthält. Von Museum aus kann man direkt zur Nationalen Gedenkstätte für die Atombombenopfer gelangen, durch schmale, unterirdische Korridore bis in die Halle aus vertäfeltem Beton, die die Namensliste aller Opfer enthält. Die 12 Lichtsäule symbolisieren die Hoffnung auf dauerhaften Frieden. Das Epizentrum der Explosion ist ein grosses Platz mit einem Monolith, der die genaue Einschlagstelle markiert.
Ich nehme meine Frühstück, Miso-Suppe, Reis, Ei und eingelegtes Gemüse in einem kleinen Coffee Shop, das Tentoumushi (Marienkäfer) heisst. Die Inhaberin Sumako-San wurde 5 Jahre nach der Bombenexplosion geboren. Ihre Eltern haben unversehrt überlebt, als einzige in ihrer Verwandtschaft. Sie führt das Café seit 30 Jahren, allein und sie hat niemals Ferien gemacht. Sie macht mich mit den anderen Gästen bekannt, die zum Teil schon in der Schweiz oder in Italien gewesen sind. Wir reden über Rom, der Papst, das Matterhorn und Heidi. Wirklich reden tun wir eigentlich nicht, da mein Japanisch und ihr Englisch sehr begrenzt sind. Aber, irgendwie geht es schon.



Friedenspark-Nagasaki



Kikuchi

Es ist unglaublich wie die JapanerInnen hilfsbereit sind und wie sie sofort, ohne dich zu kennen, die Verantwortung für dich übernehmen. So bald du Hilfe brauchst, sind sie da und gehen nicht weg bis du versorgt bist. Und ich frage mich, warum die alten Menschen so über den Dinge stehen. Vielleicht weil, wenn man die Sechzig erreicht hat, einen die Gesellschaft von vielem entbindet und man den Humor wiederfindet und die angeborene Liebeswürdigkeit der JapanerInnen sich spontan entfalten kann. (Nicolas Bouvier: «Japanische Chronik»). Ich werde oft vom alten Menschen angesprochen und bekomme auch oft kleine Geschenke von ihnen, Süssigkeiten vor allem.
Mit Kazue-San und Junichi-San habe ich in Kumamoto abgemacht und sie warten auf mich im Bahnhof. Wir fahren los, nach Kikuchi, einer kleinen Stadt, wo sie in der Nähe einen Bio-Bauernhof führen. Das Haus ist ziemlich isoliert, inmitten einer schönen Landschaft, mit Wälder und Reis-Felder. Sie bauen Reis, Weizen, verschiedene Gemüsesorten, Shitake-Pilzen und Obstbäume an. Sie gehören einer kleinen Umweltorganisation an und versuchen so viel wie möglich ökologisch zu leben. Die Solarenergie genügt vor allem für das heisse Wasser und es wird mit Holz geheizt. Sie bekommen eine kleine Unterstützung vom Staat, zirka 800 Sfr. im Jahr. Die Arbeit ist streng, vor allem im Wald, Bäume und Bambus fällen, spalten, Holzstoss machen usw. Mit Kazue-San sammeln wir wilde Gemüse, und ich lerne ein bisschen japanisch zu kochen. Sie ist eine wunderbare Köchin. Das Essen ist ein wahres Genuss, für die Augen und den Gaumen. Wir reden viel über Umwelt und über die Atomenergie. Sie sind nicht einverstanden mit den ehrgeizigen Atomplänen der Regierung, dass die AKWs sicher sind, glauben sie auch nicht. Aber allgemein wird die Japans Bevölkerung in dem Glauben gehalten, dass eine rohstoffarme, aber high-tech-erprobte Nation nur mit Kernenergie vorankommen kann. Die Anti-Akw-Proteste werden als Affront gesehen. Loyalität ist wichtig. Die ganze inszenierte Harmonie wird durch Ritualen festgehalten. Man muss sich einordnen, es geht nicht anderes.
Jeden Abend wird gebadet, aber nicht wie bei uns. Es gibt eine grosse Badewanne, die mit extrem heissem Wasser (über 40°) gefüllt wird. Einer nach dem anderen, wäscht sich erst ganz gründlich, und steigt in das heisse Wasser. Am Anfang haltet man es fast nicht aus, man wird richtig gekocht, aber mit der Zeit fängt man an es zu geniessen. Es scheint ein bisschen kompliziert das ganze Ritual, aber eigentlich ist es sinnvoll. Man sitzt im sauberen Wasser und entspannt sich, bis jeder Muskel ganz weich wird. In den Onsen, (Thermalbäder) oder Sento (öffentliche Bad ohne Thermalwasser) ist das Ritual ganz ähnlich. Fast überall sind die Bereiche für Männer und Frauen voneinander getrennt. Früher hat man mehr gemeinsam gebadet, die JapanerInnen sind in dieser Beziehung ungehemmter als wir, aber irgendwann haben sie sich an den puritanischen Westen angepasst. Es gibt feste Verhaltensregeln: In einem Vorraum zieht man sich als Erstes aus. Mit einen kleinen Waschlappen geht man in den Baderaum, setzt man sich auf einen kleinen Plastik-hocker an einen der Wasserhähne bzw. an eine Dusche und wäscht sich gründlich. Die Frauen plaudern dabei, waschen sich manchmal gegenseitig den Rücken, das dauert ziemlich lang. Erst nachher steigt man vorsichtig in das Wasserbecken, schloss man die Augen und stöhnt. Die schönsten Onsen für mich sind die Rotenburo, Freiluft-Thermalbäder in den Bergen oder am Meer.
Nach 2 Wochen auf dem Hof ist mein Rücken ziemlich überfordert und ich entscheide mich weiterzureisen. Erst nach Kagoshima, in den Süden, und dann weiter nach Beppu, berühmt für seine vielen Thermal- und Sandbäder.



Bio-Farm-Kikuchi



Shikoku

Am 11.3. reise ich mit der Fähre nach Shikoku, die kleinste der vier japanischen Hauptinseln. Ich weiss zu dieser Zeit noch nicht, dass eine Katastrophe im Gange ist. Am 9.11. habe ich eine Sms von einer Freundin aus Bern bekommen, «Erdbeben im Norden!». Ich habe zurück geschrieben, «Japan ist ein Erbebensland!» und ein Foto dazu vom Anweisungen im Falle eines Erdbebens, die in den Hotelzimmern hängen. Erst in Matsuyama schaue ich Fernseh und realisiere, was los ist. Es ist so schrecklich, ich kann es nicht fassen. Durch Internet und Mails aus der Schweiz erfahre ich immer mehr über das katastrophales Erdbeben mit Tsunami und über die Brände in Atomkraftwerk Fukushimas. Es wird immer schlimmer. Viele FreundInnen fangen an mich zu warnen und empfehlen mir abzureisen. Ich will es noch nicht ganz wahrhaben, dass die Situation wirklich sehr kritisch ist. Und ich denke, dass Shikoku sehr weit weg ist und, dass es nicht betroffen sein wird. Ich könnte auch zurück nach Kyushu gehen, Kazue-San hat sich auch Sorgen um mich gemacht. Ich habe keine Angst um mich, ich denke vor allem an die betroffenen Leute und fühle mich eigentlich nur hilflos. Ich merke auch, dass ich nicht weiter so als Touristin bleiben kann. Ich reise weiter nach Takamatsu, nicht sehr weit von Osaka und versuche herauszufinden was ich machen kann. Die Schweizerische Botschaft in Tokyo empfiehlt mich abzureisen. Mein Lufthansa Retourflug ist leider nicht unbuchbar, so muss ich eine andere Lösung finden. Die Lufthansa ist nicht bereit eine Ausnahme zu machen und verlangt 2.500 Euro für einen Flug nach Zürich. Ich rufe Globetrotter an und sie organisieren für mich einen Flug aus Osaka mit Emirates.



Matsuyama-Burg

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Kyoto

Ich fahre nach Kyoto, leider nur für zwei Tage. Hier wollte ich eigentlich länger bleiben und ich weiss, dass ich mich hier sehr wohl gefühlt hätte. Ich spaziere durch die Stadt, sie ist wie ich es mir immer vorgestellt habe, aber leider bin ich zur falschen Zeit gekommen. Meine Gedanken und Gefühle sind nicht für sie. In dem Gasthaus wo ich wohne treffe ich Leute die aus Tokyo geflüchtet sind. Sie sind verzweifelt, sie haben keine Ahnung wie es weiter geht. Wo sollen sie hin? Zum Teil haben sie Familien die nicht weit von Fukushima wohnen und sie machen sich Sorgen. Ich weiss, dass ich abreisen kann und ich fühle mich schrecklich, ich lasse sie im Stich, mit allen ihren Pflichten und Sitten, Disziplin und Verantwortungsbewusstsein, Bescheidenheit und Zusammengehörigkeitsgefühl. Ganbare Japan, halte durch!



Kyoto-Kiyomizu-Dera

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Kommentare

  • 238EWT

    Liebe Alda,
    Danke für die einfühlsame Schilderung japanischer Lebensart vor der Katastrophe. Danke auch für Deine Eindrücke danach: Hilflosigkeit in der Bevölkerung angesichts der bis dato unvorstellbaren Ereignisse und Tragödien. Dein Besuch in Nagasakis Gedenkstätten erhält auf dramatische Weise Symbolkraft. Zumal offen ist, ob Davids Steinschleuder (Wasserwerfer) gegen den feuerspeienden (strahlenden) Goliath in Fukushima so erfolgreich wirken wird wie einst an anderer Stelle beschrieben.

    Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du in Deiner Schweizer Heimat ein wenig Abstand vom zuletzt Erlebten findest.
    Eberhard

  • trollbaby

    Hallo Alda!
    Zu Beginn Deine Berichtes dachte ich noch, was für ein Glück Du hattest, vor der Katastrophe in Japan gewesen zu sein. Nun lese ich, dass Du am 11.3. noch dort warst und so die Ereignisse aus nächster Nähe miterleben musstest. Ja, Du hattest das Glück, aus dem Land rauszukommen, aber ich stelle es mir einfach schrecklich vor für all die Leute, die ihre Liebsten und ihr Heim verloren haben. Wenn nicht durch den Tsunami, dann jetzt durch die Verstrahlung. Für mich ist es, obwohl so weit weg vom Ort des Geschehens, ein böser Traum. Irgendwie hofft man aufzuwachen und alles nur geträumt zu haben, aber leider ist dem nicht so.
    LG Susi

  • alda

    Danke Eberhard!
    Ja Susi, es ist ein Alptraum ohne Ende. Ich bewundere wie die JapanerInnen mit dieser neue Tragödie umgehen, wie besonnen, stark und solidarisch sie sind. Unglaublich, wir können es uns nicht wirklich vorstellen. Sie haben aber dem Staat zu sehr vertraut und diese Multikatastrophe hat Japans grosse Schwächen offengelegt. Wie sie mit dieser Erkenntnis umgehen werden, weiss wahrscheinlich niemand.
    Herzlich
    Alda

  • mamatembo

    Liebe Alda,
    seit Deiner mail vom 12. 3. aus Shikoku fragte ich mich besorgt, wie und wann Du es geschafft hast, nach Hause zu kommen ...
    Das Leben kann so grausam sein, und Freude und Leid liegen so nah beieinander: so sehr ich mich gefreut habe, Dein Profilbild wieder hier auftauchen zu sehen und von Dir zu hören, so trauere ich mit den Japanern ...
    Danke für Deinen einfühlsamen Bericht!
    LG Beate

  • alda

    Danke Uschi und Beate!
    LG Alda

  • freeneck-farmer

    Ja, dein Bericht ist voller Informationen und Emotionen. Mann kann nur hoffen das die betroffene Menschen geholfen werden, irgdenwan, irgendwie.
    LG Anneken

  • u18y9s26

    Es ist sehr bewegend einen so authentischen Bericht über das Land , dass uns so fern ist, zu lesen und gerade angesichts der Katastrophe dadurch besser mit den Menschen fühlen zu können. Danke schön.
    LG Ursula

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  • Blula

    Ich kann mich nur den Worten meiner Vorredner anschließen. Dein Bericht hat mich auf's Äußerste in den Bann gezogen.
    Vielen Dank, dass Du ihn hier in der RC gebracht hast und wir auf diese Weise alle auch ein wenig von dem nachempfinden können, was Du auf dieser Reise erlebt hast.
    LG Ursula

  • alda

    Liebe Ursula, herzlichen Dank! Es beschäftigt mich immer noch was dort passiert ist. Hier ein Link zu einer Reportage von Fabian Biasio, Fotograf, die zusammen mit Susan Boos, Redaktionsleiterin der Wochenzeitung, wo ich arbeite, Fukushima besucht und gefilmt hat. Susan Boos hat auch ein Buch dazu geschrieben. Sehr kompetent und erschreckend.
    http://www.woz.ch/node/14316
    Liebe Grüsse aus Zürich (wo endlich Frühling ist)
    Alda

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