Reisebericht

Reisebericht: Wie Hina mir ihr Tanzkleid schenkte

 
 
 
 
 
Reisebericht: Wie Hina mir ihr Tanzkleid schenkte

Auf einer Reise nach Bora Bora lernte ich die lebenslustige Hina kennen.

Die Bilder sind digitalisierte Dias von 1990, also leider nicht so tolle Qualität.

Der Regen hat aufgehört. Meiner Inselrundfahrt steht nichts mehr im Wege. Langsam fahre ich die Küstenstraße von Bora Bora entlang und genieße die Aussicht.



 
 
 
 
 

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Auf der rechten Seite liegt das Motu Tapu malerisch wie eine Robinsoninsel im Meer.



 
 
 
 
 

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Links liegen die Anwesen der Einheimischen, der Maohi, umgeben von Bananenstauden und Brotfruchtbäumen. Violette Bougainvillia und gelbe Glockenblumen wuchern üppig über die Gartenzäune. Dahinter steigt das Gebirge mit seinen bizarren Bergspitzen steil an. Hier wacht Hiro, der heldenhafte Gott über seine Insel, die er in uralten Zeiten aus dem Meer gefischt hatte. Sein mächtiger Kopf formt als Bergkuppe den malerischen Horizont der paradiesisch schönen Südseeinsel. Das satte Grün an den Berghängen dampft noch vom tropischen Regenguss und verströmt einen betörenden Duft.



 
 
 
 
 

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Ich möchte einen Aussichtspunkt besuchen, der in meinem Reiseführer beschrieben steht. Die Stelle liegt etwas abseits von der Küstenstraße auf einer Landzunge, auf der kleine Holzhäuser stehen. Vor dem letzten Haus planscht ein Kind in einem großen Trog.



 
 
 
 
 

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Als ich näher komme, erscheint eine junge Frau in der Tür und sieht mich neugierig an. Sie trägt einen bunten Pareo, den sie vorn geknotet hat. Die langen schwarzen Haare hat sie hochgesteckt. Hinter ihrem Ohr steckt eine Hibiskusblüte. Sie wirkt wie ein Gemälde von Gaugin.



 
 
 
 
 

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„Bitte, wo ist der Aussichtspunkt?“ frage ich sie.
„Du musst hinter dem Haus den Berg hinaufklettern. Warte, ich bringe nur mein Kind zu meiner Mutter, dann zeige ich dir den Weg“, antwortet sie mit einem freundlichen Lächeln, schnappt den Sohn und bringt ihn ins Nachbarhaus.
Wir finden uns sofort sympathisch und während wir den Abhang hinaufsteigen, erzählen wir uns unser halbes Leben. Hinas Lieblingsthema ist die Liebe und sie hat ein mitreißendes Lachen.
„Weißt du“, sagt sie und setzt eine verschwörerische Miene auf, „ich bin zwar verheiratet, aber mein Mann fährt zur See, er ist selten zu Hause. Ich bin 26 Jahre alt und will leben und lieben, deshalb habe ich einen Freund, er ist erst 18. Aber ich sage dir, man soll die Jungen nicht unterschätzen.“
Bei allem, was sie sagt, lacht sie so, dass ihre Augen zu schmalen Schlitzen werden.

Die Aussicht ist unbeschreiblich schön. Die Lagune glitzert in allen Farbtönen von hellgrün über türkis bis dunkelblau. Winzige Inseln, die die Maohi Motus nennen, liegen verstreut im Meer herum und laden zu Sonnenbaden ein.



 
 
 
 
 

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Hina weist auf die andere Seite der Lagune: „Dort drüben wohnt mein Liebster. Er kommt jeden Abend mit seiner Pirogge herüber. Du mußt dir unbedingt auch einen Mann suchen. Ohne Liebe kann man nicht leben.“



 
 
 
 
 

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Als ich ihr erzähle, dass mich ein junger Mann eingeladen hat, am nächsten Tag mit ihm auf ein Motu zu fahren, ruft sie begeistert: „Weißt du, was das heißt, wenn ein Mann und eine Frau auf ein Motu fahren? Ach, wie oft war ich schon mit meinem Liebsten auf einem einsamen Motu“.
„Also, eigentlich will er mir dort einen Felsen zeigen, der klingt, wenn man dranschlägt, und der Hiros Glocke heißt,“ versuche ich Hinas Fantasie zu zügeln. Wir kichern schon die ganze Zeit wie zwei alte Freundinnen, weil Hina kaum einen Satz ohne Zweideutigkeiten bilden kann, aber jetzt kommt sie richtig in Fahrt: „Hiros Glocke“ prustet sie los. „Ich bin sicher, er wird dir nicht nur die Glocke von Hiro zeigen. Wenn ich morgen ein seltsames Geräusch höre, weiß ich, jetzt hat meine deutsche Freundin Hiros Glocke entdeckt.“
Noch nie habe ich mit jemanden, den ich nur so kurz kenne, soviel gelacht.
„Unsere Männer sind gute Liebhaber“, klärt sie mich vorsichtshalber auf. „Nur wenn sie betrunken sind, muss man sich vorsehen. Da kommt es vor, dass sie dich schlagen.“
Ich bemerke, dass Hina ein Schneidezahn fehlt.
„Im Augenblick interessiere ich mich mehr für Maohi-Tanz als für Maohi-Männer“, sage ich.
„Du magst unsere Tänze? Komm mit, ich zeige dir etwas.“

Wir kehren zum Haus zurück und gehen hinein. Das Holzhaus besteht aus einem einzigen Zimmer. Neben der Tür hängt ein Bild von einem etwas finster dreinblickenden, kräftigen Mann.
„Mein Ehemann“, stellt Hina ihn mir vor.
Irgendwie bringe ich Hinas fehlenden Schneidezahn mit ihm in Verbindung. Über dem Bett hängt ein Tanzkostüm, ein Rock aus bastfarbenen Pflanzenfasern. Der auf den Hüften zu tragende Gürtel ist mit Muscheln besetzt, rote Quasten hängen herab. Dazu gehört ein Büstenhalter aus Tapa, einem Rindenfaserstoff, und eine hohe Kopfbedeckung, ebenfalls aus Tapa und mit Muscheln und roten Pflanzenfasern verziert. Hina nimmt alles von der Wand.
„Ich tanze in einer Gruppe. Letztes Jahr zum Heiva, dem großen Tanzfest, hat unsere Gruppe den ersten Preis gewonnen.“
Sie reicht mir das Kostüm.
„Zieh es an, ich möchte sehen, wie du damit aussiehst“, sie amüsiert sich bei dem Gedanken, mich, die Fremde, in einem traditionellen Bastrock zu sehen. Bei dem Versuch, den Rock festzubinden lachen wir Tränen. Hina hat als junge Frau schon einen Körperumfang erreicht, der eher für kinderreiche Maohifrauen im fortgeschrittenen Alter typisch ist. Sie spart nicht mit ironischen Bemerkungen, als der Rock bei mir immer wieder rutscht.
„Vielleicht können wir ihn bei dir zweimal rumwickeln. Ein Wickelbastrock sozusagen.“
Ähnlich ist es mit dem Büstenhalter.
„Das ist ein Melonenbehälter,“ kichere ich. „Ich hab nur Äpfel zu bieten.“
Schließlich bin ich fertig angezogen.
„Stell dich vor die Lagune, ich mach ein Foto,“ befiehlt sie. „Du musst mit den Hüften wackeln, damit es echt aussieht“.
Ich bemühe mich redlich. Plötzlich rennt sie ins Haus und kommt mit einem Kassettenrecorder wieder heraus. Sie legt eine Kassette mit mitreißender tahitianischer Trommelmusik ein und zeigt mir, wie man dazu die Hüften bewegt. Nachdem ich völlig schweißgebadet nach Atem ringe, ist Hina endlich zufrieden: „Mit dieser Hüftbewegung wirst du nicht nur Hiros Glocke zum Schwingen bringen“, sagt sie anerkennend.
Plötzlich gibt der Kassettenrecorder seltsame Geräusche von sich. Das Band hat sich völlig verhaspelt.
„Hab’ ich’s nicht gesagt?“ lacht Hina.
Als ich das Kostüm wieder ausziehe, wickelt sie alles in einen Pareo und überreicht es mir.
„Es steht dir gut, ich schenke es dir.“
Vor Überraschung vergeht mir das Lachen, ich bin sprachlos. „Aber Hina,“ stottere ich. „Du kannst doch nicht einfach dein Tanzkostüm verschenken. Was wirst du denn zum nächsten Heiva anziehen.“
„Ach was“, lacht sie. „Zu jedem Heiva tragen wir neue Kostüme. Das Zeug wächst doch hier an den Bäumen“
„Ich möchte dir gern auch etwas schenken, aber...“
„Gut, komm am Sonntag in die Kirche. Ich singe im Chor, ich möchte, dass du hörst, wie wir singen. Danach essen wir zusammen. Ich bekomme selten Besuch, mit dem ich so lachen kann.“



 
 
 
 
 

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Wir verbringen noch einen lustigen Tag, verzehren Kokosnüsse, die Hina gekonnt öffnet und sielen uns in der Lagune.



 
 
 
 
 

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Am Sonntag komme ich wie versprochen in die Kirche und genieße die wunderschönen mehrstimmigen Gesänge. Hinterher lädt Hina mich zum Essen ein. Es gibt Fisch, Brotfrucht und eine fermentierte Kokossosse. Der Punsch Tahiti sorgt dafür, dass auch an diesem Tag unsere Lachmuskeln übergewöhnlich strapaziert werden.



 
 
 
 
 

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Als ich ein Jahr später wieder nach Bora Bora komme, will ich ich Hina besuchen. Aber das Einzimmerhaus ist leer. Ihre Mutter sagt mir, dass Hina jetzt auf der anderen Seite der Lagune wohnt. Nach einigem Suchen finde ich sie, sie wohnt im Haus ihres jungen Geliebten. Wir umarmen uns innig.
„Warte, ich hab etwas für dich.“ Ich überreiche ihr einen Kassettenrecorder.
„Du hast mich nicht vergessen, wir haben soviel zusammen gelacht“ sagt sie, und plötzlich fängt sie an zu weinen.
„Was ist passiert?“ frage ich.
„Meine Familie wollte mich zwingen, mit meinem Freund Schluss zu machen,“ erzählt sie. „Ich habe es versucht, aber die Liebe war stärker. Jetzt bin hier. Es geht mir gut, aber ich vermisse mein Kind. Es ist da drüben“, sie weist auf das gegenüberliegende Ufer. „Meine Familie verbietet mir, ihn zu sehen.“
Ich hole die Fotos aus der Tasche und reiche sie ihr. Sie ist gerührt und küsst immer wieder die Bilder ihres Sohnes.
„Es ist schwer, manchmal halte ich es kaum aus, aber ich liebe meinen Freund und früher oder später wird meine Familie ihn akzeptieren müssen und alles wird gut.“
Ich wünsche es ihr von Herzen. Sie ist nicht mehr die lustige Hina, die ich kennengelernt hatte, aber sie ist noch immer die Hina, die ohne Liebe nicht leben kann.

Das Tanzkleid hängt heute in meinem Wohnzimmer.



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Kommentare
  • traveltime 16.11.2009 | 09:03 Uhr

    Ich kenne auch Südseefeeling, aber nur in Landschaft, dieser private Bericht ist sehr schön.

  • enfrente 16.11.2009 | 10:56 Uhr

    Wieder so eine schöne Anekdote. Arme Hina - komische Sitten, dass man ihr das Kind wegnimmt. Ich wünsche ihr auch, dass alles wieder gut wird. Schön erzählt - dafür fünf Punkte. lg Romy

  • agezur 16.11.2009 | 12:42 Uhr

    Du hast einen ganz wunderbaren , einfühlsamen Bericht über diese Insel und im weiteren Sinn auch über Polynesien geschrieben. Auch ich kenne diese Inselwelt ein bisschen und es bleibt immer der Wunsch sie wiederzusehen.
    Liebe Grüße Christina

  • trollbaby 16.11.2009 | 16:41 Uhr

    Wunderschöner und einfühlsamer Bericht! Hoffentlich ist Hina inzwischen wieder die lustige Person geworden, die sie bei Deinem ersten Besuch war!
    LG Susi

  • poseydon 16.11.2009 | 17:05 Uhr

    ...mich würde ja noch interessieren wie's auf dieser kleinen Insel mit dem "klingenden Felsen" war.......! :-)

  • venus 16.11.2009 | 17:59 Uhr

    ...mich auch

  • RdF54 16.11.2009 | 18:14 Uhr

    Was für eine hinreißende Geschichte, die bei mir sofort Bilder, Gerüche und Geräusche aus der Erinnerung zurückholt!
    Danke Dir für Deine Geschichte und die Flash Backs!!! :-))

    LG Robert

  • nach oben nach oben scrollen
  • Schoena 16.11.2009 | 19:17 Uhr

    Das etwas andere Südseeerlebnis. Ein wieder sehr gut geschriebener Bericht, den man mit Freude liest

  • Paradieso 17.11.2009 | 14:11 Uhr

    Eine sehr schöne Love Story, spannend bis zur letzten Zeile. Dennoch auch bestürzend
    traurig weil es offenbar überall "Rambos" der schlechtesten Sorte gibt - leider.
    Mit freundlichen und sonnigen Grüßen
    Paradieso

  • freyabe 23.11.2009 | 03:46 Uhr

    Vielen Dank für die tollen Bewertungen und die netten und mitfühlenden Kommentare. Ich bin überzeugt, dass Hina ihr Kind bald wiedersehen konnte. Es war ja keine gesetzliche Verfügung, sondern nur die Entscheidung der Eltern, die sie zwingen wollten, wieder zurückzukehren. Ich hatte auch nicht ganz verstanden, warum sie das akzeptiert hat, ich denke aber, dass ist alles wieder ins Reine gekommen.
    @poseydon und venus: Hina hatte Recht;-)))))
    Liebe Grüße Friederike

  • pleuro 03.12.2009 | 21:54 Uhr

    Eine ungewöhnliche Freundschaft und ein sehr einfühlsamer Bericht - hat mir sehr gut gefallen!! LG Anne

  • mamatembo 05.12.2009 | 17:54 Uhr

    Hallo Friederike,
    Danke für diesen wunderbaren und einfühlsamen Bericht. Er zeigt wieder einmal, wie viel wertvoller unsere Reisen werden, wenn wir nicht nur Landschaften bewundern, sondern auch auf die Menschen zugehen ...
    LG Beate

  • Blula 07.02.2010 | 17:41 Uhr

    Hallo, ach was hat sich dieser Bericht schön gelesen... wunderschön!! Deine Art zu schreiben ist bezaubernd. Gerade weil es auch ein Reisebericht einer etwas anderen (ganz persönlichen) Art ist, macht es so viel Freude, ihn zu lesen. Vielen Dank.
    LG Ursula

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  • karinchen 18.05.2010 | 17:03 Uhr

    Wunderschön, war wie ein Kurzroman.
    LG karinchen

  • RELDATS 04.05.2011 | 22:26 Uhr

    Tolle Geschichte. Herrlich zu lesen. Gro0es Lob.
    Nette Grüße....... Josef

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