Rechte Ökos Braun oder grün?

Rechtsradikale mischen in der Öko-Szene mit. Das ist kein Zufall. Nationalisten und Rassisten standen schon an der Wiege des Tier- und Naturschutzes

22. Januar 2011: In Berlin treffen sich 20.000 empörte Bürger aus allen Teilen der Republik, um gegen die Industrialisierung der Landwirtschaft, gegen Massentierhaltung und grüne Gentechnik zu demonstrieren. Das Bündnis aus Bauern, Umweltschützern und Verbrauchern eint das Motto: "Wir haben es satt!" Der Chor der Landwirtschaftskritiker ist eine laute Gegenstimme zur "Grünen Woche", der zeitgleich stattfindenden landwirtschaftlichen Leistungsschau unter dem Berliner Funkturm.

Mit von der Partie ist auch ein Trupp schwarz gekleideter junger Menschen mit einem Transparent. "Wir haben es satt - Dem Schächten ein Ende setzen", steht darauf geschrieben. Das betäubungslose Schlachten von Wirbeltieren ist vielen der anwesenden Tierfreunde ein Dorn im Auge. Also ist die Forderung in Ordnung. Oder? Plötzlich werden unter den Demonstranten Stimmen laut. Sie protestieren nicht gegen das Schächten - sondern gegen die schwarzen Mit-Marschierer. Polizisten trennen bald darauf die Gruppe von der übrigen Menge.

Aufmerksame Demonstranten hatten die auffällig-unauffälligen Protestler als Neonazis entlarvt. Wollten die jungen Leute im Look der "Autonomen Nationalisten" auf fremdem Terrain wildern? Sich durch populäre Slogans in der Ökoszene Sympathien erschwindeln? Keineswegs. Die schwarzen Protestierer sind tatsächlich Gegner des Schächtens. Freilich aus den falschen Gründen.

Rechtsradikale stehen mit ihrer Ablehnung des Schächtens in einer langen Tradition der zweifelhaften Tierliebe. Denn seit jeher mischte sich in die Kritik am Schächten auch antisemitische Propaganda. "Wenn Sie sich die Tierschutzbewegung seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert ansehen, dann sind da führende Antisemiten aktiv. Und natürlich geht es gegen das Schächten", sagt Uwe Puschner, Historiker an der FU Berlin.

Die Nazis trieben die propagandistische Ausschlachtung der Tierliebe auf die Spitze. Im Februar 1934 trat mit dem Reichstierschutzgesetz das erste umfassende deutsche Tierschutzgesetz in Kraft. Ein "Erfolg", den tierliebe Rechtsextremisten bis heute für sich reklamieren. Neben dem Verbot der Tierquälerei und von Versuchen am lebenden Tier war ein zentraler Bestandteil des Gesetzes das Verbot des Schächtens. Letzten Endes ging es also auch darum, Juden per Gesetz in der Ausübung ihrer Religion zu beschränken - und sie als grausame Barbaren zu diffamieren. Schon im August 1933 hatte Reichsminister Hermann Göring, ein passionierter Jäger, gefordert, die "unerträgliche Folter" und das Leiden der Tiere müssten ein Ende haben. Gleichzeitig drohte er denen, die immer noch glaubten, "Tiere behandeln zu können, wie es ihnen beliebte", mit dem Konzentrationslager. Eine Ankündigung, die erst in der Rückschau ihre ganze Ungeheuerlichkeit offenbart.

Zeitsprung in das Jahr 2004: In Mecklenburg-Vorpommern gipfelt der Widerstand gegen die Gentechnik in der Landwirtschaft in der Erklärung der "gentechnikfreien Region Nebel/Krakow am See". Der Landesverband des BUND steht Pate. Drei Jahre später sorgt das Anti-Gentechnik-Bündnis für Schlagzeilen. Nicht wegen seiner Erfolge. Sondern weil ruchbar wurde, dass der Sprecher der Initiative, der Biobauer Helmut Ernst, inzwischen der NPD beigetreten war.

Ernst musste schließlich zurücktreten. Dabei hätten seine Mitstreiter schon früher stutzig werden können. Schon 2006 hatte er dem NPD-Parteiorgan "Deutsche Stimme" ein Interview gegeben und darin zum Thema Gentechnik erklärt: "Die Ernährungssouveränität der Völker soll schlichtweg gebrochen werden; im Sinne der Globalisierer kommt es zu einer Versklavung der Bauern weltweit." Im selben Interview vergleicht er die Gentechnik mit einer Massenvernichtungswaffe. Das fremdbestimmte, bedrohte Volk, der enteignete Bauer - es sind Gemeinplätze der nationalsozialistischen Propaganda. "Man kann mit einem geschlossenen, rassistischen und braunen Nazi-Weltbild zu 'ur-grünen' Forderungen kommen", sagt der Autor und Journalist Toralf Staud.

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Im Wald von Zernikow ließ 1938 ein linientreuer Förster Lärchen in Form eines 60 mal 60 Meter großen Hakenkreuzes anpflanzen. Die Forstverwaltung schritt erst im Jahr 2000 ein und ließ die Bäume fällen

Wie im Tierschutz gibt es auch in der Geschichte des Natur- und Umweltschutzes immer wieder Berührungspunkte mit Nationalismus und Rassismus. Um die Ursprünge dieser Verbindung sichtbar zu machen, geht der Historiker Uwe Puschner bis zur Zeit der Romantik zurück. "Hier werden erstmals 'Natur' und 'Nation' zusammengedacht", erklärt er. Die Symbiose fand auch in der Kunst ihren Ausdruck: Der Maler Caspar David Friedrich etwa stilisierte die Eiche zum deutschen Baum schlechthin. Der deutsche Wald wurde besungen und zum ursprünglichen, mythischen Lebensraum des deutschen Volkes verklärt.

Und dieser Wald ist - wie die Natur überhaupt - schon im 19. Jahrhundert in Gefahr. Städte wachsen, Fabriken entstehen, erste Umweltzerstörungen werden sichtbar. Die Lebensumstände der Menschen verändern sich radikal. Den Menschen stellt sich jetzt die Frage, so Uwe Puschner, "wie können wir natürlich leben, wie können wir die Natur vor den Gefahren der Moderne schützen?" Reformbewegungen sprießen aus dem Boden, Wandervögel ziehen aus den Städten in die vermeintlich ursprüngliche Natur. Esoterik und Rückbesinnung auf germanische Glaubensvorstellungen erleben einen ungeheuren Aufschwung. Und es werden unzählige Heimatvereine gegründet.

"Die Heimat", sagt Uwe Puschner, "ist eine zentrale Denkfigur um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Sie gilt es zu verteidigen gegen Fremdeinflüsse, gegen Zerstörung, gegen alle möglichen Gefahren." Schon in den 1920er Jahren, als Frankreich im Rahmen von Reparationszahlungen Holz aus deutschen Wäldern erntete, machten Demagogen mit der "Waldschlächterei" der Franzosen Stimmung gegen den Nachbarn im Westen.

Schließlich formulieren die Nazis ihre Blut-und-Boden-Ideologie: Danach ist die Lebensgrundlage eines jeden Volkes die Abstammung (das "Blut") und der heimatliche Boden als Lebensraum und landwirtschaftliche Nutzfläche. Volk und Heimat gehören untrennbar zusammen. Als demagogischer Ausdruck solcher Vorstellungen entstehen auch Filme wie "Ewiger Wald" des Nazi-Chefideologen Alfred Rosenberg, der die Deutschen zum "Waldvolk" stilisiert.

Die Gleichsetzung von Natur, Heimat und Volk gehört bis heute zu den rhetorischen Grundfiguren der rechten Szene. So heißt es etwa in den Glaubensgrundsätzen der rechtsextremischen "Artgemeinschaft": "Himmel und Erde, Tier und Pflanze, Berg und Baum, Wind und Wasser sind uns Heimat; wir sind in die Natur eingebettet und können uns nicht ungestraft von ihr lösen."

"Schnell sind dann auch Feinde von 'Heimat' und 'Volk' konstruiert", sagt Puschner. Etwa "die" Franzosen, wie in den 1920er-Jahren, - oder die zum "Wüstenvolk" erklärten Juden. So lässt sich Umweltschutz zwanglos in Rassismus oder beliebige Anti-ismen ummünzen: "Umweltschutz ist Heimatschutz" (ein Slogan der rechten Szene) ist Schutz des eigenen Volkes gegen fremde Einflüsse, gegen Vereinnahmung von außen, und sei es durch gentechnisch verändertes Saatgut aus Amerika, das die hiesigen Bauern "versklavt".

"Der Biobauer Helmut Ernst hatte durchaus einen ökologischen Hintergrund - und großen Rückhalt in der Bevölkerung", sagt eine Umweltreferentin des Vereins Soziale Bildung in Rostock, die aus Sicherheitsgründen nicht namentlich genannt werden möchte. Sie beobachtet seit zwei Jahren die Versuche von Rechtsradikalen, ökologische Themen zu besetzen und dadurch die Akzeptanz ihrer Ideologien in der Bevölkerung zu erhöhen. Und sie ergänzt: "Gerade hier in Mecklenburg-Vorpommern gab es mehrmals Infiltrationsversuche in der Anti-Gentechnik-Szene."

In Sachsen dagegen setzt die NPD eher auf das Thema "lokale Versorgungszyklen", berichtet Gideon Botsch, Politologe an der Universität Potsdam. Aus ökologischer Sicht sei das durchaus nicht unbegründet, sagt er. "Warum soll man Dinge von weither importieren, wenn man sie vor Ort genauso gut produzieren und gleichzeitig Arbeitsplätze schaffen kann?" Schon seit einigen Jahren versucht die NPD mit "weichen" Themen bei potenziellen Wählern zu punkten, ihre Basis zu verbreitern. Botsch hält das für eine Gefahr: "Umweltschutz als Heimatschutz - es gibt bestimmte Landstriche, in denen so etwas konsensfähig ist, auch in Verbindung mit einer ausländerfeindlichen Position, als Schutz der weißen Rasse. Das sollten wir im Blick behalten", mahnt er. Und genau hinsehen. Denn oft wird die Verquickung von rechtsradikaler Ideologie und ökologischem Denken erst auf den zweiten Blick deutlich.

Die NPD allerdings macht daraus keinen Hehl. Das zeigt ein Blick in das Parteiprogramm. Oberflächlich betrachtet, finden sich unter dem Punkt "Landwirtschaft und Naturschutz" Positionen, denen wohl die meisten ökologisch orientierten Wähler und Konsumenten beipflichten können: "Bei der Produktion [von landwirtschaftlichen Produkten] sind bestmögliche ökologische Herstellungsbedingungen zu beachten." … "Tiere sind keine Wegwerfware, sondern Lebewesen mit Empfindungen. Die industrielle Massentierhaltung ist abzulehnen. Die kleinteilige bäuerliche Landwirtschaft ist dagegen zu fördern." So weit so gut. Doch ein Satz zur Tierquälerei lässt aufhorchen: "Tierquälerei - wie beispielsweise das kulturfremde Schächten - ist ein Verbrechen und strafrechtlich streng zu ahnden." Das Beispiel ist nicht zufällig gewählt. Es knüpft direkt an antisemitische Parolen des 19. Jahrhunderts und an Nazi-Propaganda an - ebenso wie das Transparent der Demonstranten auf der "Grünen Woche" in Berlin.

Das sieht die Zeitschrift "Umwelt & Aktiv" anders. Das Blatt mit dem unverdächtigen Namen, das sich selbst als "Umwelt- und Tierschutzmagazin" versteht, mokiert sich in einem Online-Artikel über den Polizeieinsatz bei der "Wir haben es satt"-Demo. Unter der Überschrift "'Demokratische' Polizeiaktion gegen Tierschützer" kritisiert der Autor, dass die Polizei die Gruppe der Demonstranten isolierte und das Transparent sicherstellte. Ein Streifzug durch die Internetseiten der Zeitschrift offenbart schnell, woher hier der Wind weht.

"Wir wollen Ihnen aufzeigen, wie Tierschutz und Umweltschutz für fremde Interessen und Interessenten, die im Verborgenen agieren, zum Nachteil unserer Heimat und unseres Volkes instrumentalisiert werden", heißt es im Online-Editorial. Auch hier also die globale Verschwörung gegen die Lebensgrundlagen des deutschen Volkes, die auch der rechte Ökobauer Helmut Ernst am Werk sieht. Herausgeber der Zeitschrift ist ein gewisser "Verein Midgard e.V." mit Sitz in Traunstein. Der Name stammt aus der altnordischen Überlieferung und bezeichnet die von Menschen bewohnte Erde. Der Verfassungsschutz bestätigte gegenüber dem Bayerischen Rundfunk, dass sich der Vereinsvorstand "größtenteils aus Rechtsextremisten" zusammensetzt.

In einem anderen Artikel fordert das Blatt "Realpolitischen Heimatschutz statt pseudogrüner Öko-Folklore". Sehen die Macher von "Umwelt & Aktiv" sich und ihre Gesinnungsgenossen als die besseren Naturschützer? Tatsächlich hätten sie, zumindest oberflächlich betrachtet, Grund zu diesem Selbstverständnis. Ein Beispiel aus jüngerer Zeit nennt Politologe Botsch: "Die NPD scheint mir von den heute noch bestehenden politischen Parteien diejenige zu sein, die die Ablehnung der Atomkraft am längsten in ihrer Programmatik hat, nämlich seit den 1970er-Jahren. Das wissen die nur teilweise selbst nicht mehr."

Was heute nicht alle Grünen-Wähler wissen: Als sich in den 1970er-Jahren die Umweltbewegung politisch formierte, waren rechtskonservative Köpfe maßgeblich beteiligt. Zu den Gründungsmitgliedern der Grünen gehörte etwa auch Herbert Gruhl, der später die ÖDP gründete, das rechte Gegenmodell zu den eher linken Grünen. "Die Grünen haben in ihrer Parteigeschichte zwei Traditionen: eine progressive, linke, aus der Bürgerbewegung kommende, und auf der anderen Seite die Tradition der 'Aktionsgemeinschaft unabhängiger Deutscher', die ursprünglich aus dem Herzen des deutschen Rechtsextremismus der Nachkriegszeit kommt", sagt Botsch.

Wurde die Verquickung von braunem und grünem Gedankengut in der Ökobewegung, bei den Grünen zu lange verschwiegen, verdrängt? "Die Umweltbewegung könnte sich stärker und offensiver als bisher mit ihren braunen Vorläufern und Wurzeln auseinandersetzen", findet Toralf Staud. Dass das Thema wissenschaftlich nicht genug Beachtung findet, zumindest das lässt sich kaum behaupten. Es gibt zahlreiche Buchveröffentlichungen zum Thema, im Jahr 2002 richtete der damalige Umweltminister Jürgen Trittin in Berlin einen Kongress zum Thema "Naturschutz und Nationalsozialismus" aus. In seiner Eröffnungsrede stellte er zerknirscht fest: "Es gab eigentlich keinen Punkt, an dem Naturschutz und Nationalsozialismus ideologisch grundsätzlich unvereinbar waren." Und noch bis in die siebziger Jahre hinein hätten "personelle und fachliche Kontinuitäten mit der Zeit des Nationalsozialismus eine fortschrittliche Auseinandersetzung mit dem Naturschutz" blockiert.

Hat der antidemokratisch motivierte, rechte Flügel der Ökoszene heute noch - oder wieder - eine Chance?

Die Doppelstrategie der braunen Grünen, einerseits an Nazi-"Errungenschaften" im Tier- und Naturschutz anzuknüpfen, andererseits mit "weichen", bürgernahen Themen zu punkten, ist verführerisch und darum gefährlich. Aber zumindest die hellwache Reaktion der Protestierer von Berlin stimmt optimistisch.

Die Seite Netz-gegen-Nazis.de bietet Toralf Stauds Buch "Moderne Nazis" als PDF-Download an

Sammelband zum Thema von Joachim Radkau und Frank Uekötter bei Google Books

Der Wald als nationalsozialistischer Idealstaat: Aufsatz von Johannes Zechner im Sammelband "Naturschutz und Demokratie!?" bei Google Books
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