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Den Menschen verstehen

Psychologie Vertrauen: Das verbindende Gefühl

Wer anderen sein Vertrauen schenkt, macht sich verletzlich. Denn womöglich wird er verraten, belogen oder betrogen. Der Hirnforscher Niels Birbaumer erklärt, weshalb es dennoch wichtig ist, dieses Risiko einzugehen
Nils Birbaumer

GEO WISSEN: Herr Professor Birbaumer, weshalb beschäftigen Sie sich als Hirnforscher mit dem eher diffus erscheinenden Gefühl „Vertrauen“?

PROF. DR. NIELS BIRBAUMER: Mich fasziniert, dass Vertrauen wissenschaftlich so schwer zu fassen ist, es aber gleichwohl unser gesamtes soziales Miteinander durchzieht. Es vergeht ja kaum ein Tag, an dem nicht irgendeine Institution, eine Partei oder eine Firma, die Konsumprodukte herstellt, etwa Pkws, darum wirbt, ja geradezu fleht, ihr Vertrauen zu schenken.

Auch im Kleinen ist diese Emotion immerzu präsent. In Beziehungen zu Partnern und Freunden versuchen wir, Vertrauen zu „gewinnen“, wir wollen es nicht „verlieren“ oder „brechen“. Gerade so, als sei es ein Schatz, den es zu bewahren und zu mehren gelte.

Und ist Vertrauen das nicht auch?

Es ist durchaus ein Schatz, denn es ermöglicht dem Einzelnen, stärker zu sein, als er es allein wäre. Vertrauen führt Menschen zusammen. Es ist, als wohne diesem Gefühl eine segnende, Frieden stiftende Kraft inne. Aber: Wer vertraut, der entscheidet sich auch bewusst dafür, sich verletzbar zu machen.

Was genau meinen Sie damit?

Schwingt sich etwa ein Artist über eine Manege, gehalten allein von der Hand eines Partners, so tut er dies nur, weil er davon ausgeht, dass der andere sein Möglichstes geben wird. Doch wissen kann er es nicht. Er kann nur vertrauen und wählt gewissermaßen den Mittelweg zwischen Wissen und Nichtwissen, zwischen Sicherheit und Unsicherheit.

Kurz: Er riskiert etwas. Denn jeder Akt des Vertrauens birgt ja auch die Möglichkeit, zu Schaden zu kommen. Das gilt für viele Bereiche – etwa wenn man einem Partner vertraut, der einen aber betrügt; wenn man einem Politiker vertraut, der seine Versprechen anschließend nicht hält.

Entstehen heutzutage viele Konflikte dadurch, dass wir uns scheinbar ständig in Vertrauenskrisen befinden, in der Politik wie im Privaten?

Das ist heute nicht anders als früher. Gegenwärtig sind es Politiker, denen viele Menschen nicht über den Weg trauen, in früheren Zeiten waren es die Könige. Wegen des Internets nimmt die Kommunikation über Konflikte allerdings massiv zu, was den Eindruck stärkt, es gebe heutzutage mehr Krisen und weniger Vertrauen. Tatsächlich vervielfachen sich aber nur die Worte.

Welche Rolle spielt das Vertrauen in Konflikten?

Die vielleicht wichtigste Funktion von Vertrauen ist die Verminderung von Auseinandersetzungen. Der Sinn vertrauensvollen Verhaltens ist ja gerade, dass Enttäuschungen und Konflikte vermieden werden. Wir können in einer Gruppe letztlich nicht überleben, wenn wir nicht den anderen Mitgliedern ein Mindestmaß an Vertrauen schenken – etwa, dass sie uns beschützen, zum Beispiel in der Familie.

Wie definieren Sie Vertrauen?

Vertrauen ist ein Gefühl, das Bindungen stärkt, Harmonie und Einigkeit schafft. Doch es ist nur notwendig, entsteht also nur dann, wenn Informationen über die Absichten oder Möglichkeiten des Gegenübers fehlen.

Der Vertrauende gibt Kontrolle ab, er hat keinen Einfluss auf das, was passiert. Er kann nur annehmen, dass alles in seinem Sinne geschieht. Vertrauen ist also ein riskantes Gefühl. Sein Gegenspieler ist die Angst. Denn auch die kann sich entfalten, wenn wir nicht die volle Kontrolle haben.

Können Sie das genauer ausführen?

Noch vermögen Wissenschaftler nicht zu erklären, wie genau Vertrauen im Gehirn entsteht. Aber so viel lässt sich schon sagen: Wenn die Aktivität in bestimmten Regionen des Denkorgans, die uns Angst spüren lassen, sinkt, dann nimmt das Vertrauen zu. Diese sehr alten Hirnstrukturen reagieren, wenn wir Signale empfangen, die auf Gefahr hindeuten, etwa ein vorbeihuschender Schatten oder ein unangenehmes Geräusch. Sind diese Areale wenig aktiv, spüren Menschen Vertrauen.

Das Vertrauen wird also stärker, je weniger Angst wir haben.

Ja, allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt. In Studien konnten wir mithilfe von Hirnscannern zeigen: Menschen, die so gut wie keine Angst spüren, also psychopathisch veranlagt sind, können auch kein Vertrauen fassen. Es ist also ein Minimum an Angst notwendig, um überhaupt Vertrauen zu suchen. Sie ist bei Menschen der Antrieb dafür, sich zu öffnen – solange sie nicht überhandnimmt.

Wie lässt sich am besten das Vertrauen eines anderen gewinnen?

Indem man die Erwartungen erfüllt, die dieser Mensch an einen hat. Ich fahre beispielsweise nicht mehr mit der Deutschen Bahn, da sie zu oft meine Erwartung enttäuscht hat, ein Ziel pünktlich zu erreichen. Ich habe kein Vertrauen mehr in sie. Das liegt nicht etwa an einer generellen Abneigung gegen Züge, denn in der Schweiz nutze ich ausschließlich öffentliche Verkehrsmittel, weil meine Erwartungen dort eben immer erfüllt werden.

Neben den Erwartungen können zwischen Menschen aber auch sanfte, kurze Berührungen Vertrauen stiften, eine Hand auf dem Arm etwa, eine Umarmung. Sie können ein Wohlgefühl schaffen, das Angst mindert. Aber das muss natürlich in den kulturellen Kontext passen, sonst kann es leicht zu einer Grenzüberschreitung kommen, etwa wenn ein Mann eine Frau berührt.

Wenn mein Vertrauen missbraucht worden ist – wie kann ich dann verhindern, zu einem misstrauischen Menschen zu werden?

Setzen Sie sich möglichst vielen Situationen aus, bei denen die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass Sie nicht enttäuscht werden. Für die Verarbeitung eines Vertrauensbruchs brauchen Menschen vermehrt Bestätigung, dass Vertrauen generell etwas Gutes ist. Das ist ja ein typisches Verhalten bei Beziehungskonflikten, etwa nach dem Seitensprung eines Partners. Dann sucht der Betrogene intuitiv oft mehr Kontakt zu Freunden und Familie – zu jenen Menschen, die Vertrauen verdienen.

 

Lesen Sie das ganze Interview im neuen GEO WISSEN "Die Kunst zu streiten".