Für manch einen Mann ist es der schlimmste Tag des Jahres: Am Donnerstag vor Aschermittwoch stürmen Frauen überall die Rathäuser der Republik – denn an "Altweiber" haben die Frauen das Sagen.
Mit symbolischen Gesten der Machtübernahme der Frauen startet jedes Jahr der Straßenkarneval in Deutschland. Doch woher kommt dieser Brauch eigentlich?
Ein Gelage unter Weibern
Schon ein Mythos aus der Antike erzählt von einem Fest, bei dem Greisinnen – also betagte Frauen – Fruchtbarkeits- und Wetterzauber zum Jahresbeginn verübten. Für solche Feierlichkeiten gibt es jedoch keine Beweise. Erst für das Mittelalter existieren Zeugnisse, die über den Ursprung des Brauchtums von Weiberfastnacht berichten.
Dokumente aus dem 14. Jahrhundert beschreiben eine frühe Form dieses Rituals: Am Donnerstag vor Aschermittwoch luden einige Städte im Heiligen Römischen Reich Witwen, Ehefrauen und ihre unverheirateten Töchter zu einem Festmahl ein, die Männer waren ausgeschlossen. Im Laufe der Zeit wurde aus dem Festessen ein wüstes Gelage unter Frauen, bei dem die feiernden Weiber über die abwesenden Männer richteten. Später schwappte diese städtische Sitte auch auf die Bevölkerung auf dem Land über.
Wenn sogar die frommen Nonnen feiern
Der Begriff ist eine Kombination aus dem Althochdeutschen "fasta" (Fastenzeit) und "naht" (Vorabend). Ursprünglich meinte "Fastnacht" also den Abend direkt vor Beginn der Fastenzeit. Im späteren Mittelalter war dieser Brauch eng mit dem christlichen Kirchenjahr verwoben: Der Ritus markiert das letzte ausgelassene Feiern, bevor 40 Tage der Besinnung und des Verzichts beginnen. Sogar Nonnen zelebrierten dieses Ritual damals schon ausgelassen.
Das LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn kann auf Quellen zum Kloster St. Mauritius in Köln zurückgreifen, in dem Benediktinerinnen in den Nächten vor dem Fasten feierten: "Wir haben die Fastnacht in aller Lust passiert, und seindt alle Geistliche verkleidet gewesen und uns recht lustig gemacht, dann in Tag haben wir gedanzt und sprungen, des Nachts, wenn die Frau Äbtissin schlafen ist gewesen, dann haben wir Thee, Kaffe und Chocolade getrunken und mit der Kart gespielt und auf dem Damenbrett gespielt", zitiert das LVR-Institut aus einer Schrift.
Derartige Sitten, bei denen Frauen vor dem Fasten noch einmal richtig über die Stränge schlugen, Regeln der Männer brachen oder "verkehrte Welt" spielten, verbreiteten sich Anfang des 19. Jahrhunderts vor allem im Rheinland und in der Eifel: Chronisten beschreiben, wie 1810 auf dem Alten Markt ein "wildes Treiben" herrschte, bei dem die Händlerinnen den Männern ihre Hüte vom Kopf rissen. Damals war der Karneval noch ein chaotischer, ungeregelter Brauch, der überall anders gefeiert wurde.
In der Eifel erhielten Frauen an Weiberfastnacht ein besonderes Recht: In Gruppen war es ihnen erlaubt, in den Wald zu gehen und dort einen Baum zu fällen, der so dick war, wie die weiteste Taille der korpulentesten Eifelerinnen, so das Baumstammrecht. Danach verkauften die Frauen das Holz, und von dem Geld machten sie sich einen schönen Abend.
Schon immer ging es bei diesem Brauch auch darum, die von Männern geschaffene Weltordnung zu hinterfragen.
Geburtsstunde der Weiberfastnacht
1823 wurde der anarchische Karneval schließlich strukturiert: Damals gründeten einige Kölner ein "Festordnendes Komitee". Seitdem gibt es Uniformen, Karnevalsorden und die Narrenkappe sowie Straßenumzüge. Nur ein Jahr später fuhren Männer der Wäscherfamilien aus dem Bonner Stadtteil Beuel am Donnerstag vor Aschermittwoch die saubere Wäsche in Köln aus. Anschließend blieben sie bei den Karnevalisten und feierten mit.
Doch das gefiel den Frauen zu Hause in Beuel gar nicht. Die Wäscherinnen arbeiteten täglich unter härtesten Bedingungen: Bei jedem Wetter standen sie teilweise bis zu den Knien im Rhein, denn nur im fließenden Gewässer wurde die Wäsche sauber. Als die Männer an jenem Donnerstag nicht zurückkehrten, legten auch sie ihre Arbeit nieder. Die Beuelerinnen setzten sich zusammen, tranken Gerstenkaffee und tratschten über die Verstöße ihrer Männer: Sie berichteten einander über Ehebrüche, Alkoholexzesse und andere Eskapaden ihrer Partner. Schließlich gründeten sie ein Damenkomitee, das gegen die Ausbeutung und Drangsalierung von Frauen durch ihre Männer vorgehen sollte. Damit wollten sie alle Herren, "denen es an dem nötigen Verständnis für die den Frauen zumutbare Arbeitsleistung fehlte, zur Besinnung zu bringen", so das LVR-Institut.
Das Damenkomitee ahndete fortan jegliche Verstöße, Beleidigungen, Handgreiflichkeiten oder sonstige Fehltritte der Männer am Donnerstag vor Aschermittwoch mit Fastnachtspielchen. Dieser Brauch breitete sich rasant auch jenseits von Bonn-Beuel aus und entwickelte sich im Laufe der Zeit weiter: Mancherorts schnitten die Frauen ihren Männern die Schlipse ab, anderswo stürmten sie das Rathaus.
Ob Wieverfastelovend, Fettdonnerstag, Altweiber oder Weiberfastnacht: Bis heute feiern Menschen überall in Deutschland den Donnerstag vor Aschermittwoch als einen Tag der Frauen. Um 11.11 Uhr übernehmen sie das Zepter in den deutschen Rathäusern, und der Straßenkarneval beginnt.