Es ist der größte Piratenschatz der Geschichte: Mehr als 400.000 Gold- und Silbermünzen soll die "Whydah Gally" geladen haben, die Beute von 50 Kaperfahrten, als sie am 26. April 1717 vor Cape Cod an der Küste von Massachusetts in einen Sturm geriet – und sank. 300 Jahre lang fehlte von dem Wrack jede Spur, bis ein Schatztaucher es 1984 entdeckte. Gut 200.000 Fundstücke wurden mittlerweile aus dem Wasser geborgen.
Nun haben Forschende um den Geochemiker Dr. Tobias Skowronek von der Universität Bonn einen Teil des Goldschatzes untersucht, das "Akan Gold". Dabei handelt es sich um Artefakte, die von den Akan, einer ethnischen Gruppe im heutigen Ghana, angefertigt wurden.
Europäische Händler witterten Betrug
Für die Forschung sind die 300 Goldarbeiten, die sich an Bord der "Whydah Gally" befanden, vor allem aus zwei Gründen interessant: "Akan Gold" ist kaum erhalten, weil europäische Händler nicht an der Kunstfertigkeit der Stücke interessiert waren, sondern das begehrte Metall einschmolzen. Und: Jahrhundertelang haben Reisende aus Europa den afrikanischen Händlern unterstellt, das Gold systematisch zu strecken – sie also zu betrügen. In Schriften vom 17. bis zum 19. Jahrhundert warnten sie vor "Akan Gold", das angeblich Kupfer, Silber, pulverisiertes Glas und andere Materialien enthalten soll.
Genau diesen Vorwurf haben die Wissenschaftler jetzt untersucht. Mithilfe von Röntgenstrahlen prüften sie 27 Goldarbeiten auf ihre chemische Zusammensetzung. Das Ergebnis: Eine systematische Streckung des Goldes lässt sich nicht feststellen, schreiben die Forschenden um Tobias Skowronek in ihrer Studie, die im Fachblatt "Heritage Science" erschienen ist. Manche Proben bestünden aus fast 100 Prozent reinem Gold. Zwar ließe sich in einigen Fällen auch Kupfer nachweisen. "Die Kupfergehalte sind jedoch so gering, dass sie die häufigen Warnungen bezüglich der Verfälschung des gehandelten Goldes nicht rechtfertigen", heißt es in der Studie.
Silber konnten die Forschenden in mehreren Artefakten tatsächlich nachweisen, und zwar mit einem Anteil von bis zu 25 Prozent. Allerdings stammt dieses Gold aus dem Ashanti-Goldgürtel in Ghana und weist dort einen natürlich schwankenden Silberanteil auf. "Die Zusammensetzung des gehandelten Goldes entspricht weitgehend den silberreichen geologischen Lagerstätten des Ashanti-Goldgürtels, die von den Akan möglicherweise ausgebeutet wurden", schreiben die Wissenschaftler. Dass die Händler den Goldgehalt absichtlich verringert haben, ließe sich nicht nachweisen und sei unwahrscheinlich.
Die Europäer der frühen Neuzeit dagegen, die sich nicht mit der Geologie des Ashanti-Goldgürtels beschäftigt haben, witterten Betrug. Ihre Ignoranz war es, die kolonialen Vorurteilen Vorschub leistete und das Bild in Europa vom vermeintlich gepanschten "Akan-Gold" über Jahrhunderte prägte.