Patentkrimi Wer das Telefon wirklich erfand – und warum Alexander Graham Bell berühmt wurde

Graham Bell am Telefon inmitten einer Menschenmenge
Im Oktober 1892 eröffnet Alexander Graham Bell die erste Telefonleitung zwischen New York und Chicago. Der gebürtige Schotte führte mehr als 15 Jahre zuvor das erste Gespräch mit einem funktionierenden Telefon, davon gibt es keine überlieferte Fotografie. Weil er sich seine Erfindung zuerst patentieren ließ, gilt er als Erfinder des Telefons 
© Bill Waterson / Alamy Stock Photos / mauritius images
1876 gelang Alexander Graham Bell das erste Telefongespräch. Doch die Erfindung stemmte er nicht allein. Innovationen anderer Pioniere inspirierten Bell 

"Herr Watson, kommen Sie her, ich möchte Sie sehen", tönte es knisternd, aber deutlich am 10. März 1876 durch einen Apparat, vor dem der Angesprochene, Thomas Watson, gebannt zuhörte. Im Raum nebenan sprach gerade sein Chef Alexander Graham Bell in seine neueste Erfindung. Der Appell an den Assistenten war der erste erfolgreiche Test einer Technologie, die die Welt für immer verändern würde. 

Die neun Worte gelten heute als das erste Telefongespräch der Geschichte. Doch bevor Bell das Telefon erfand, bereiteten zahlreiche andere Innovationen ihm den Weg. 

Vom Telegrafen zum Telettrofonos

Noch bis Anfang des 19. Jahrhunderts war der Brief die schnellste Kommunikationsform. Mitte des Jahrhunderts revolutionierte der elektrische Telegraf mit Morsezeichen dann die Kommunikation weltweit. Dessen Kernidee basierte auf elektrischen Stromstößen, die Zeichen repräsentieren. Durch diese Innovation war es nun möglich, Nachrichten über größere Distanzen zu übermitteln. Die neue Technologie wurde zu einem Geschäft, in das es sich lohnte, zu investieren. 

Infolgedessen entstanden schließlich überall auf der Welt Telegrafennetze, 1858 wurde das erste transatlantische Kabel verlegt. Beinahe unmittelbare Kommunikation über Länder und Kontinente hinweg war nicht nur vorstellbar, sondern Realität geworden. 

Damals experimentierten Forschende mit Magnetismus und Strom. Einige stellten sich die Frage, ob und wie sich Schall beziehungsweise Sprache in elektrische Signale "übersetzen" und über Drähte transportieren ließe. Unter ihnen war auch der Italiener Innocenzo Manzetti. Er stellte im Sommer 1865 eine neue Erfindung vor, die die menschliche Stimme mittels Elektrizität über mehr als 500 Meter übertragen konnte. Zeitungen weltweit beschrieben Manzettis Apparat als Sensation. Ohne seine Erfindung patentieren zu lassen, starb Manzetti 1877. Aber war er wirklich der Erste gewesen? 

Kurz zuvor hatte Antonio Meucci, ein Landsmann von Manzetti, der in die USA ausgewandert war, eine ähnliche Idee. Er erfand den "sprechenden Telegrafen", auch Telettrofonos genannt. Meucci konstruierte einige Prototypen, stellte sie der Presse vor und verkaufte sogar Exemplare. 1871 ließ er seine Entwürfe patentieren, bekam jedoch nur ein zeitlich begrenztes, vorläufiges Patent. Noch vor diesen zwei gebürtigen Italienern arbeitete ein deutscher Tüftler und Physiker an einem Fernsprechapparat.

"Das Pferd ist keinen Gurkensalat"

Bereits 1861 präsentierte der Erfinder Philipp Reis den Mitgliedern des Physikalischen Vereins in Frankfurt am Main ein Sprachübertragungsgerät. Um sicherzugehen, dass seine Botschaft gehört wurde, ersann Reis damals eine Nachricht, die wohl niemand erraten würde: "Das Pferd ist keinen Gurkensalat", hallte es 100 Meter weit durch die Frankfurter Vereinsräume. Nicht alle Anwesenden waren von dem Apparat überzeugt, da die Tonqualität schwankte. Während die Wissenschaftler einem weiteren Versuch lauschten, ertönte aus dem Gerät leise "Oh, du lieber Augustin". 

Das Sprachinstrument nannte er "Telephon", abgeleitet aus dem Griechischen für "tele" (fern) und "phōnē" (Stimme, Ton). Reis bastelte weiter an seiner Erfindung, versuchte sie zu verbessern. Gleichzeitig veröffentlichte er die Schrift "Über Telephonie durch galvanischen Strom" und verkaufte Exemplare seines "Telephons" an physikalische Kabinette und Labors weltweit; damit verbreitete sich der Begriff international in der Fachwelt. Doch in Produktion ging Reis' Erfindung nie. Es fehlte dem Deutschen an Investoren. Nachdem Reis an Tuberkulose erkrankt war, konnte er seine Innovation nicht weiter vorantreiben. Ein anderer sollte diese vollenden. 

Ein Wettrennen um das Patent 

In den USA fand der Apparat des Deutschen einen hochinteressierten Anhänger: Alexander Graham Bell, ein Lehrer für Gehörlose. 1870 war er gemeinsam mit seinen Eltern aus Schottland nach Ontario in Kanada emigriert. Ein Jahr später zog Bell weiter in die USA, um dort an Schulen als Sprech- und Stimmlehrer zu unterrichten. Noch in Europa hatte Bell ein Reis-Telephon gesehen und dessen Entwürfe studiert. In Boston knobelte er an der Grundidee des Deutschen herum, sponn sie weiter. 

Dafür bediente er sich auch bei den Entwürfen weiterer Erfinder: Meuccis "sprechender Telegraf", die Schriften des englischen Philologen Alexander John Ellis über das System der "sichtbaren Sprache", der "manometrische Flammenapparat" des deutschen Physikers Rudolph Koenig zur Visualisierung von Schallwellen sowie der "Phonautograph" des Édouard-Léon Scott de Martinville waren Bell durchaus bekannt. Ab 1874 experimentierte er in einer Werkstatt in Boston zusammen mit seinem Assistenten Thomas Watson. Im Sommer 1875 verzeichneten sie erste Erfolge: Bells erster Membran-Telefonsender erzeugte Sprachlaute. 

Am 14. Februar 1876 meldeten zwei Erfinder im US-Patentamt in Washington Entwürfe für neuartige Technologien beinahe gleichzeitig an. Wie Bell hatte auch der US-Amerikaner Elisha Gray in den vergangenen Jahren erforscht, wie elektrischer Strom Töne übertragen kann. Da Bell sein Patent wenige Stunden vor Gray eingereicht hatte, wurde ihm am 7. März 1876 das US-Patent 174.465 zugesprochen. Gray bekam kein Vollpatent. 

"Ich habe der Welt eine große Erfindung geschenkt"

Wenige Tage nach der Patentierung war es so weit: Am 10. März 1876 wollten Bell und Watson ihre Innovation in der Praxis ausprobieren. Während Bell in einem Raum in der Bostoner Werkstatt seinen Assistenten durch das Mundstück des Apparates zu sich rief, hörte Watson im Nebenraum gebannt zu. "Zu meiner Freude kam er und erklärte, er habe gehört und verstanden, was ich gesagt hatte", sagte der Erfinder später über jenen Tag, der in die Geschichte einging. Für sein erstes funktionierendes Gerät hatte Alexander Graham Bell nicht das Mikrofon verwendet, das er in seinem Antrag beim Patentamt beschrieben hatte, sondern eines, das sein Rivale Gray entworfen hatte. 

1877 gründete Bell eine Telefongesellschaft, die in den USA das erste Fernsprechnetz aufbaute. Über einen Zeitraum von 18 Jahren wurde sein Patent in mehr als 500 Einzelverfahren auf die Probe gestellt. Seine Konkurrenten Gray und Meucci warfen Bell Betrug vor: Er habe seine Idee von ihren Entwürfen und anderen Vorgängern abgekupfert. Doch in allen Verfahren bestätigten die US-Gerichte immer wieder Bells Patent. 

So gilt Alexander Graham Bell offiziell als Erfinder des Telefons, da er am 7. März 1876 das Patent für die Technologie erhielt.

Philipp Reis aber notierte schon 1874 auf seinem Krankenlager: "Ich habe der Welt eine große Erfindung geschenkt. Anderen muss ich nun überlassen, sie weiterzuführen."