Jahrzehntelang rätselten Forschende über die ausgehöhlten Gefäße in der "Ebene der Steinkrüge" in Laos, mehr als 2000 an der Zahl – und bis zu drei Meter hoch und 6000 Kilogramm schwer. Zu welchem Zweck wurden diese Krüge einst geschaffen? Handelt es sich um Vorratsbehälter für Nahrung oder Wasser? Um Krüge zum Brauen von Reiswein? Oder doch um Gefäße für die Knochen von Verstorbenen?
Jetzt haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um den Archäologen Nicholas Skopal von der James-Cook-Universität im australischen Townsville eindeutige Belege gefunden: Bei Untersuchungen fanden sie in einem der Steinkrüge die sterblichen Überreste von mindestens 37 Personen – und zwar aus verschiedenen Generationen. Ein Befund, der auf komplexe Bestattungsrituale hindeutet, schreibt das Forschungsteam in seiner Studie, die jetzt im Fachmagazin "Antiquity" erschienen ist.
Sorgfältig angeordnete Schädel und Unterkiefer
Die Ebene der Steinkrüge befindet sich im Norden von Laos. Die Gefäße selbst wurden Schätzungen zufolge in dem Zeitraum zwischen dem späten 2. Jahrtausend v. Chr. und dem 13. Jahrhundert n. Chr. genutzt – einer extrem langen Spanne. Nicholas Skopal und sein Team haben nun einen der Krüge, ein 1,30 Meter hohes Exemplar mit einem Bodendurchmesser von gut zwei Metern, untersucht und seinen Inhalt ausgegraben.
In dem Gefäß stießen sie auf zahlreiche sorgfältig angeordnete Schädel, Unterkiefer, Zähne und andere Knochen. Außerdem fanden die Forschenden Tonscherben, ein Eisenmesser, eine Glocke, Glasperlen und Steinplatten. Radiokarbondatierungen ergaben, dass die menschlichen Überreste über einen langen Zeitraum in dem Gefäß gelagert wurden: zwischen 890 und 1160 n. Chr., also in einer Periode von bis zu 270 Jahren.
Die Forschungsteam vermutet, dass die Angehörigen der Verstorbenen diese Menschen nach ihrem Tod nicht sofort in dem Steinkrug bestatteten. Dafür spricht, dass kleinere, zerbrechliche Skelettfragmente in dem Gefäß fast völlig fehlen. 500 Meter von dem großen Krug entfernt befinden sich mehrere kleinere Steingefäße. Möglicherweise, so die Forschenden, haben die Angehörigen die Leichen zunächst hier abgelegt, bis das Fleisch verwest war, und die Knochen dann in das größere Gefäß überführt.
In diesem Fall würde es sich um Sekundärbestattungen handeln: Die Körper wurden mehr als einmal bestattet. "Angesichts der Anzahl der vertretenen Individuen erscheint es wahrscheinlich, dass die Krüge Eigentum von Familien oder Großfamilien waren und Orte darstellten, an die man zurückkehrte, um dort über Generationen hinweg Ahnenrituale zu vollziehen", heißt es in der Studie.
Ob sich die Erkenntnisse des untersuchten Gefäßes auf die anderen in der Ebene der Krüge übertragen lassen – ob also alle Krüge Teile von Bestattungsritualen waren –, ist noch unklar. Denn das von Skopal untersuchte Gefäß unterscheidet sich in der Form von anderen in der Ebene und liegt zudem ein Stück abseits. Möglicherweise handelt es sich bei der generationenübergreifenden Bestattung um eine eigenständige, lokal spezifische Tradition. Weitere Analysen sollen zunächst Aufschluss über Herkunft, Gesundheit und Verwandtschaftsverhältnisse der hier bestatteten Menschen geben.