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Asteroid oder Ufo? Oumuamua: Fliegendes Rätsel im Weltall

Oumuamua
Interstellare Besucher wie Oumuamua geben Astronomen ­zahlreiche Rätsel auf
© European Southern Observatory. Copyright: NASA
Ist es ein Ufo? Ein Asteroid? Oder ein fremdes Raumschiff, das als Asteroid getarnt ist?  Als am 19. Oktober 2017 Astronomen per Teleskop ein unbekanntes Objekt beim Flug durch unser Sonnensystem bemerken, ist die Aufregung groß. Ein passender Name ist schnell gefunden: Oumuamua.

Oumuamua bedeutet auf hawaiianisch „der Kundschafter“. Doch was uns da so überraschend im Sonnensystem besucht hat – darüber streiten sich die Forscher bis heute.

Himmelskörper nicht aus unserem Sonnensystem

Tatsächlich ist 1I/Oumuamua – so die offizielle Bezeichnung – zu dem Zeitpunkt das erste interstellare Objekt überhaupt, das Menschen bei ihrem Blick in den Himmel jemals entdeckt haben. Das erklärt auch den Namen: Die „1“ steht für das erste Objekt und das große „I“ für interstellar. Als interstellar wird der Raum außerhalb unseres Sonnensystems bezeichnet, also der Raum „zwischen den Sternen“. Sowohl Asteroiden als auch Kometen kreisen auf einer Flugbahn um unsere Sonneund stammen aus unserem Sonnensystem. Sie sind praktisch Überbleibsel aus der Entstehungszeit unseres Sonnensystems, gebildet aus Eis, Staub und Gestein.

Kommt Oumuamua vom Stern Wega?

1I/Oumuamua jedoch legt einen furioseren Auftritt hin. Berechnungen ergeben, dass der Himmelskörper wahrscheinlich aus dem Nachbarsternbild Leier kommt. Dessen hellster Stern Wega leuchtet hell an unserem Nachthimmel und ist rund 25 Lichtjahre von der Erde entfernt. Was zunächst nah anmutet, zeigt seine Distanz im kosmischen Maßstab: Ein Lichtjahr – also die Strecke, die das Licht in einem Jahr zurücklegt – sind rund 9,5 Billionen Kilometer.

Astronomie sieht keine Ähnlichkeit mit Asteroiden oder Kometen

Doch nicht nur die offensichtliche Herkunft weit außerhalb unseres Sonnensystems versetzt die irdische Astronomie in Aufregung. Es ist vor allem auch die seltsame Form von1I/Oumuamua. Das Objekt ist vermutlich scheibenförmig und von der Seite aus gesehen wie eine langgestreckte Zigarre. Die geschätzten Abmessungen: bis zu 400 Meter. Und vor allem: Der Flugkörper reflektiert das Licht ungewöhnlich hell. Es gibt auch keinerlei Staub in seiner Umgebung – was für Asteroiden oder Kometen normal wäre.

Objekt rast an der Erde vorbei

Alle diese Punkte bringen den Havard-Professor und Astrophysiker Avi Loeb zur Aussage, dass es „mehr an Metall erinnert als an Gestein.“ Es sei nicht auszuschließen, dass es sich um eine aktive Raumsonde handele. Der Spekulationszug zu 1I/Oumuamua nimmt weltweit Fahrt auf – und muss sich mächtig beeilen, denn immerhin ist das unbekannte Flugobjekt zu dem Zeitpunkt schon an unserem Planeten vorbeigerast – auf dem Weg zur Sonne und wieder aus unserem Sonnensystem heraus.

Die Geschwindigkeit: rund 314.000 Kilometer pro Stunde, das entspricht etwa 87 Kilometer pro Sekunde. Viel zu schnell, um das „Ufo“ etwa mit einer Raumsonde einzuholen und zu untersuchen. Zum Vergleich: Die Apollo-Mission der USA ist 1969 mit einer Geschwindigkeit von rund 11 Kilometern pro Sekunde zum Mond geflogen.  Was also tun, wenn eine Verfolgung des Flugkörpers nicht möglich ist?

Forscher hoffen auf außerirdisches Leben

Kurzentschlossen wird von einer Initiative rund um den Astrophysiker Stephen Hawking das Radioteleskop am US-amerikanischen Green-Bank-Observatorium auf 1I/Oumuamua gerichtet. Mit einem Schalendurchmesser von 110 Metern ist es das größte bewegliche Radioteleskop der Welt. Die Hoffnung: Sollte sich außerirdisches Leben in dem Flugkörper befinden, würden aufgefangene Radiosignale das bestätigen.

Nach acht Stunden Lauschangriff  verteilt über zwei Wochen steht fest: Von 1I/Oumuamua geht keinerlei Funksignal oder Kommunikation aus - zumindest nicht in dem Zeitraum. Während die Verfechter der Alien-Theorie noch an ihrer Enttäuschung arbeiten, legen verschiedene Astronomen auf Basis der bisherigen Informationen den Status des Flugobjektes fest: Asteroid.

Im Video: Oumuamuas Reise durch unser Sonnensystem

Asteroird Oumuamua

Kometen sind langsamer als Oumuamua

Aber 1I/Oumuamua hat noch längst nicht alle Trümpfe der Verblüffung ausgespielt. Zwar werden Weltraumobjekte wie beispielsweise Kometen beim Umlauf um die Sonne ohnehin immer leicht beschleunigt, weil Eis an ihrer Oberfläche verdampft. 1I/Oumuamua legt aber noch einen drauf.

Er beschleunigt unerwartet schnell. Und das, obwohl gar kein Eis zum Verdampfen auf seiner Oberfläche ist. Die Wissenschaft spricht von einem „außergewöhnlich starken Raketeneffekt“ – was die Spekulationenum ein außerirdisches Raumschiff oder eine unbemannte Sonde wieder anheizt.

Oumuamua auf Flugbahn aus dem Sonnensystem

Seine größte Nähe zur Erde hatte 1I/Oumuamua am 14. Oktober 2017 mit „nur“ 24 Millionen Kilometern Abstand. Als das flache, zigarrenförmige Flugobjekt vom hawaiianischen Pan-STARRS-Teleskop entdeckt wurde, war es schon wieder 33 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Während einige Wissenschaftler immer noch davon sprechen, es könne ein Sonnensegel, eine Sonde oder die Boje einer außerirdischen Intelligenz sein, meinen US-Forscher inzwischen eine Erklärung für die ungewöhnliche Form und das seltsame Verhalten von 1I/Oumuamua gefunden zu haben.

Asteroid als Bruchstück eines fremden Planeten

Steven Desch und Alan Jackson von der Arizona State University sind davon überzeugt, dass 1I/Oumuamua aus festem Stickstoff besteht. In ihrer Studie im Journal of Geophysical Research legen sie dar, dass der Brocken wahrscheinlich vor gut 500 Millionen Jahren aus der Oberfläche eines Planeten – ähnlich wie unser Pluto – in einem fremden Sonnensystem herausgeschleudert wurde, vermutlich durch einen Asteroideneinschlag.

Wissenschaftler wollen interstellaren Flugkörper einholen

Ob das tatsächlich so ist oder nicht vielleicht doch Außerirdische in der flachen Zigarre sitzen, das will die US-amerikanische Weltraumbehörde NASA mit einer Raummission herausfinden. Aktuell laufen Planungen, das unbekannte Flugobjekt doch noch einzuholen und zu erforschen. Aber wie soll das gehen?

Tatsächlich wäre diese Reise mit einem Manöver möglich, das die Gravitation eines großen Planeten zur Beschleunigung ausnutzt. Der Jupiter wurde schon dafür genutzt, um Raumsonden wie Voyager 1 mit großer Geschwindigkeit praktisch in einer schwungvollen Kurve aus dem Sonnensystem zu katapultieren.

Wissenschaft nutzt Gravitation für Beschleunigung

Dieses Mal würde der Kurs allerdings zunächst  in Richtung Sonne führen, abermals den Gravitationsschwung nutzen und zusätzlich im richtigen Moment ein Feststoffmotor gezündet werden. Die Experten der NASA haben berechnet, dass 1I/Oumuamua dann in gut 17 Jahren erreichbar wäre.

Astronomen mit neuer Entdeckung

Bis das soweit ist, haben die Weltraumforscher aber auch so genug zu tun. Denn im August 2019 wurde das zweite interstellare Objekt auf dem Weg durch unser Sonnensystem entdeckt: „2I/Borisov“. Wer weiß, vielleicht haben die Kollegen in 1I/Oumuamua ja beim Start auf ihrem Heimatplaneten nur was vergessen und 2I/Borisov bringt es jetzt einfach hinterher.


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