Nasa-Berater verrät Was wir von Astronauten über gute Teamarbeit lernen können

Was brauchen wir, um gut miteinander auszukommen? Für diese Frage hat die NASA einen eigenen Berater – von ihm kann man viel über erfolgreiche Teamarbeit lernen
Astronaut Alan L. Bean

Das geht nur im Team: Die Astronauten Alan L. Bean undCharles „Pete“ Conrad Jr. nehmen Bodenproben vom Mond

Dieser Beitrag stammt aus der aktuellen Ausgabe des Magazins "Cord"

Wenn Jack Stuster vom Weltraum spricht, dann klingt es, als würde er dort seit Jahren leben. Irgendwo an Bord der „ISS“, diesem silbrigen Koloss mit den kupferfarbenen Sonnensegeln, der mit sechsköpfiger Besatzung 400 Kilometer über der Erde durch die Stille des Alls rast. Dabei hat Stuster, ein stämmiger Mann mit weißem Schnauzer und freundlicher heller Stimme, die Erde nie verlassen. Und doch weiß niemand so gut wie er, wie es den Astronauten im All geht. Jack Stuster ist seit 35 Jahren Berater der NASA, seine Aufgabe ist einfach und gleichzeitig sehr kompliziert: Er soll herausfinden, was nötig ist, damit Astronauten im Weltall gut miteinander auskommen und perfekt zusammenarbeiten können.

Niemand hat die Regeln des Zusammenlebens in der Enge einer Raumstation so genau untersucht wie er. Und Stuster ist sich sicher, dass diese Regeln uns allen eine Menge darüber verraten, wie Menschen generell in Teams funktionieren – egal ob in einer Arbeitsgruppe im Büro, in einer Familie oder im All. „Eine Raumstation zu untersuchen“, sagt Stuster, „das ist, als betrachte man die gesamte menschliche Gesellschaft unter einem Mikroskop.“

Das Weltraumtagebuch

Stuster ist seit Jahrzehnten besessen von Expeditionen an entlegene Orte. Bevor er das Leben im All unter die Lupe nahm, erforschte er es auf Forschungsstationen an Nord- und Südpol und bei historischen Expeditionen ins ewige Eis. Und er glaubt, dass die Regeln des Teambuildings sich an beiden Orten ähneln, im Eis und im All. Weil an extremen Orten besonders klar wird, was wichtig ist. Seit 16 Jahren trifft Stuster im Auftrag der NASA regelmäßig Astronauten und interviewt sie. Mehr noch, er bittet jene, die gerade an Bord der „ISS“ sind, für ihn ein geheimes Tagebuch zu schreiben, dem sie alles anvertrauen dürfen und das nur er allein zu lesen bekommt.

Gebratene Pinguine

Aus seinem Wissen über die Expeditionen ins Eis und aus den Tagebüchern der Astronauten hat Stuster eine Art Bauanleitung für Teamwork unter Stress geschrieben. Nichts, sagt er, untergräbt die Leistung einer Crew so sehr wie unrealistische Arbeitsziele. Weil das in Teams den Eindruck entstehen lässt, permanent zu scheitern. Tatsächlich: Als in den 70er-Jahren die Astronauten an Bord der Raumstation „Skylab“ ihren Zeitplan nicht einhalten konnten, strich die NASA-Zentrale in Houston der Crew die freien Tage. Die Mannschaft war so frustriert, dass sie streikte. Und auch permanente Unterforderung – zu wenig Arbeit – ist für Teams fatal, die Zahl der Fehler nimmt dann messbar zu. „Gute Teambuilder unternehmen etwas dagegen“, sagt Stuster. Als der Norweger Roald Amundsen 1903 auf der Suche nach der Nordwestpassage mit seiner Mannschaft in Dunkelheit und Kälte überwintern musste, nahm er keine Taschenmesser mit, sondern das Material, um an den endlos langen Tagen in der Dunkelheit welche von seinen Männern bauen zu lassen, erzählt Stuster. Was nach einer Kleinigkeit klingt, macht in Teams unter Stress den Unterschied zwischen Erfolg und Niederlage aus, manchmal sogar zwischen Leben und Tod.

Was wir von Astronauten über gute Teamarbeit lernen können

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In seinem Buch „Bold Endeavors“, das unter Astronauten als Pflichtlektüre gilt, beschreibt er die Reise des belgischen Entdeckers Adrien de Gerlache. Es ist das Jahr 1898, als die von de Gerlache geführte Crew auf einem um gebauten Robbenfängerschiff in der Antarktis überwintern muss. Noch nie hat eine Schiffsbesatzung das probiert. An einem eisigen Märztag ist das Schiff von Packeis eingeschlossen. Gelangweilt, von permanenter Dunkelheit und dem knirschenden Eis umgeben, das sich bedrohlich an die Wände ihres Schiffes wälzt, verfällt die Crew in Apathie. Ein Matrose bricht sogar mit dem Plan auf, allein und zu Fuß nach Belgien zurückzulaufen. Bald wird das erste Crewmitglied beerdigt und in ein Eisloch geworfen.

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Doch dann startet der 33-jährige Schiffsarzt Frederick Cook eine Art Teambuildingtherapie, die laut Stuster viel von dem zeigt, was sowohl im Weltraum als auch auf der Erde funktioniert. Cook verordnet der Mannschaft ein Sportprogramm außerhalb des festgefrorenen Schiffes: ein Workout, das Cook „Die Promenade des Wahnsinns“ nennt und das darin besteht, um das Schiff herumzurennen. Er zwingt die Mannschaft zu gemeinsamen Mahlzeiten, während der es gebratene Pinguine gibt, und veranstaltet einen Schönheitswettbewerb, bei dem jedes Crewmitglied Ausrisse von schönen Frauen aus Magazinen vorstellen muss. Cook holt die Männer, die in ihren feuchten Kabinen vor sich hin vegetieren, zurück in die Gruppe. 

Als die Sonne über ihrem Schiff erstmals wieder aufgeht, schafft es die Crew, einen Kanal zum offenen Wasser ins Eis zu sägen und nach Europa zurückzukehren. Viele der Lehren, die Stuster aus den historischen Expeditionen und den Astronautentagebüchern gezogen hat, haben es tatsächlich in den Tagesablauf auf der „ISS“ geschafft. So setzte Stuster durch, dass ein Esstisch an Bord der Raumstation aufgebaut wurde, damit die Mannschaft wenigstens einmal am Tag zusammenkommt, um das Gruppengefühl zu stärken. Gemeinsam essen – auf Stusters Empfehlungslisten für die NASA nimmt dieses Thema ganze acht Punkte ein. Stuster fordert nicht nur regelmäßige gemeinsame Mahlzeiten, sondern auch besondere Gerichte als Belohnung, sogar Schnaps und Wein sollten bei Langzeitaufenthalten an Bord sein.

1966 brechen Neil Armstrong und David Scott ins All auf

Was Teams brauchen, um unter Stress gut zu funktionieren, zeigt sich am besten an extremen Orten – etwa im All. 1966 brechen Neil Armstrong und David Scott dorthin auf

Captain Kirk sagt Hallo

Übertrieben? Tatsächlich glaubt Stuster, dass genau jene Expeditionen und Teams erfolgreich sind, in denen Freizeit nicht als Problem, sondern als Lösung gesehen wird. „Learn to be idle without feeling guilty“, „Du solltest lernen, faul zu sein, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben“, steht auf einem der Empfehlungshandouts für die NASA. Und tatsächlich hat die amerikanische Weltraumorganisation mittlerweile ein eigenes Unterhaltungsprogramm an Bord der „ISS“: eine Sammlung von Filmen, der beliebteste bei den Astronauten ist Stanley Kubricks „Odyssee im Weltraum“. Und es gibt regelmäßige Videokonferenzen mit Stars, die die Astronauten aussuchen dürfen. Einer der am häufigsten zur „ISS“ hochgeschalteten Promis ist William Shatner – alias Captain Kirk aus „Star-Trek“. „Das ist immer sehr rührend, wenn der berühmteste Raumschiffkapitän der Geschichte sich erkundigt, wie es im Weltraum so ist.“ Um nach langen Schichten den Kopf frei zu bekommen, ließ die NASA nach Plänen Stusters sogar eine Aussichtskuppel bauen, in der die Crew Fotos von der Erde machen kann. Die Kuppel sei laut Stuster quasi „Disneyland für Erwachsene“.

Ehepaare auf dem Weg zum Mars

Braucht es all das? Ja, sagt Stuster, allein schon deshalb, weil das nächste Ziel der NASA der Mars ist. Dann werden Crews rund sieben Monate lang allein an Bord eines Raumschiffs sein, und dafür brauche man Teams, die gut funktionieren. Deshalb werde als Astronaut der Zukunft nicht mehr der Typus „waghalsiger Testpilot“ gesucht. Sondern Teamplayer mit nettem Umgangston und Geduld. Im besten Fall bestünde die erste menschliche Mars-Crew laut Stuster übrigens aus Ehepaaren, im Optimalfall solchen ohne Kinder. Nicht nur weil die Partner einander gut kennen, sondern auch weil Stuster es für psychisch riskant hält, Astronauten zu schicken, die Tag für Tag jemanden vermissen, der mehr als 50 Millionen Kilometer entfernt ist. 

Hinzu kommt, dass reine Männerteams ihr Verhalten ändern, sobald auch nur eine Frau dabei ist – das hat sich bei Expeditionsteams in der Antarktis gezeigt. Die Männer wuschen sich regelmäßiger, tranken weniger Alkohol, und die Arbeitsleistung nahm enorm zu. „Ich habe aus den Astronautentagebüchern außerdem herausgelesen, dass Männer unter sich, wenn sie Stress haben, leicht in diesen aggressiven Humor verfallen, den man aus Fußball umkleiden kennt“, so Stuster. Das lasse ein Team aber langfristig erodieren. Teams auf Langzeitmissionen sollten wissen, dass ihr Funktionieren und ihr Erfolg maßgeblich davon abhängen, dass man einen freundlichen Ton behält. „Mitfühlen. Das Wohl der Gruppe im Auge behalten. Verlässlich sein. Sich zurücknehmen. Wenn wir das schaffen“, sagt Stuster, „können Menschen miteinander tatsächlich Unglaubliches erreichen.“

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