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Kreativität Sieben Wege zu mehr Inspiration

Mann auf einer Leiter malt ein Wandbild
Wer sich ganz in die eigene Innenwelt vertieft, vermindert Stress und regt das divergente Denken an
© Sergey Nivens - Shutterstock
Es gibt ungezählte Tipps, Tricks und Techniken, mit denen sich angeblich Ideen besser hervorlocken lassen. Aber was funktioniert wirklich? Sieben Quellen für gute Einfälle, die Wissenschaftler getestet haben
Text: Lara Hartung

1. Machen Sie es sich blau!

Wahrnehmungspsychologen haben eine Vielzahl von Belegen dafür gefunden: Farben beeinflussen unsere Psyche. Und damit wohl auch unsere Kreativität. Darauf deuten etwa die Ergebnisse von Tests hin, die Forscher der University of British Columbia durchführten. Die Wissenschaftler ließen Probanden aus unterschiedlichen Formen auf dem Papier ein Spielzeug für Kinder entwickeln. Wie praktikabel oder originell das Ergebnis war, hing von der Farbe der Einzelteile ab: rote Gebilde waren besonders zweckmäßig; Spielzeuge aus blauen Formen dagegen waren nach Einschätzung der Forscher eher ausgefallen, ja innovativ.

Den Grund dafür lassen weitere Tests aus derselben Studie erahnen. Rot oder Blau beeinflussen demnach, was uns wichtiger ist: Neuerung oder Aufmerksamkeit und Sicherheit. Von zwei Sorten Zahnpasta wählten die Teilnehmenden vor einem blauen Hintergrund öfter diejenige aus, die Vorteile wie weiße Zähne versprach; wer eine rote Fläche sah, legte dagegen mehr Wert auf den Schutz vor Karies.

Ähnliches bei einem Worträtsel: In einer roten Umgebung fanden die Probanden besonders schnell Begriffe, die als defensiv gelten können, etwa "verhindern". In einer blauen Umgebung gelangten sie dagegen schneller zu Begriffen wie "Abenteuer".

Blau, so scheint es, bringt uns also eher in eine Stimmung, uns an Neues heranzuwagen.

2. Dimmen Sie das Licht!

Im Dunkeln fallen die Hemmungen, und die Gedanken sind freier. So erklären sich Wissenschaftler der Universität Hohenheim die Ergebnisse ihrer Studie: Sie testeten, inwiefern künstliche Beleuchtung unsere Kreativität beeinflussen kann. Bei gedimmter oder nahezu ganz ausgeschalteter Beleuchtung lieferten ihre Probanden die kreativeren Ideen als bei taghellem Licht.

Die Untersuchungen zeigten: Dunkelheit verlockt uns zu freierem, risikofreudigerem Denken. Eine Wichtige Voraussetzung, um die eigenen Gedanken auf fantasievolle Reisen zu schicken. Wer also seiner Kreativität auf die Sprünge helfen möchte, sollte eher eine schummrige Umgebung aufsuchen. Ja, vielleicht sogar einmal ganz das Licht löschen.

Zumindest für einen Moment. Denn die Psychologen fanden auch heraus, dass die Dämmerung den Einfallsreichtum vor allem dann fördert, wenn neue Ideen gefragt sind. Geht es eher darum, Neues zu bewerten, auszuarbeiten und weiterzuentwickeln, gelingt das doch besser bei Licht.

Logisch denken und strukturiert Probleme lösen können wir im Hellen besser, stellten die Wissenschaftler fest. Wenn also die Ideen einmal im Kopf aufgetaucht sind: Licht an!

3. Bewegen Sie sich!

Ob Ludwig van Beethoven, Charles Darwin oder der Philosoph Søren Kierkegaard – viele kreative Menschen schätzten den täglichen Spaziergang, um auf neue Gedanken zu kommen und schöpferisch tätig sein zu können. Facebook-Chef Mark Zuckerberg und Ex-US-Präsident Barack Obama nutzen Spaziergänge oft auch für berufliche Gespräche. Zahllose Business-Coaches tun es ihnen heute gleich und empfehlen ihren Kunden "Walk Meetings".

Die Forschung gibt ihnen recht. Psychologen der Stanford University ließen in einer Studie 176 Studierende ihre Kreativität unter Beweis stellen – mal beim Gehen, mal im Sitzen. Wer beim Lösen kreativer Aufgaben umherspazierte, schnitt insgesamt besser ab. An der frischen Luft allein kann das nicht liegen: Der Effekt trat gleichermaßen auf, wenn sich die Studierenden nicht in der Natur, sondern auf einem Laufband bewegten. Selbst wenn der Spaziergang schon ein paar Minuten zurücklag, hielt die Kreativität an.

Warum Bewegung das Gehirn so sehr zu Neuem anregt, ist noch nicht ausreichend geklärt. Doch immerhin: Reicht die Zeit vor einem Meeting nicht aus, um spazieren zu gehen, kann man schon einmal aufstehen. Studien belegen, dass Gruppen Aufgaben kreativer lösen, wenn alle Beteiligten stehen.

4. Essen Sie gesund!

Der angebissene Apfel ist alles andere als zufällig zum Signet von Apple geworden. Steve Jobs, wohl einer der kreativsten Unternehmensgründer aller Zeiten, hatte es gewählt. Er fastete häufig, ernährte sich strikt fleischlos, vor allem von Gemüse und Obst.

Aus medizinischer Sicht ist eine derart einseitige Diät auf Dauer jedoch nicht ratsam. Allerdings gibt es Hinweise aus der Wissenschaft, dass eine Ernährung mit viel Obst und Gemüse das kreative Denken befördert. Das ergab eine Studie von Psychologen aus Neuseeland, für die mehr als 400 junge Erwachsene über rund zwei Wochen ein Tagebuch führten. Sie notierten genau, was sie verzehrten und wie sie sich an den Tagen fühlten.

Dabei zeigte sich, dass jene, die viel Obst und Gemüse aßen, sich nicht nur insgesamt wohler fühlten als andere. Sie berichteten auch von einer stärkeren Neugier und einer größeren Kreativität. Diese Zusammenhänge ließ sich auch nicht vollständig durch andere Faktoren wie beispielsweise einem unterschiedlichen Maß an Bewegung oder unterschiedlichem sozialen Status erklären. Offenbar fällt es Menschen, die viel Obst und Gemüse essen, tatsächlich leichter, überraschende und neue Ideen zu haben.

Einen ähnlichen Effekt scheint auch die Aminosäure Tyrosin zu haben; sie ist eine Ausgangssubstanz für die Biosynthese des Hirnbotenstoffs Dopamin, das oft auch als "Glückshormon" bezeichnet wird. Eine Studie niederländischer Forscher ergab, dass Tyrosin, als Nahrungsergänzungsmittel eingenommen, wohl das sogenannte konvergente (tiefe) Denken fördert, das für bestimmte kreative Prozesse wichtig ist. Natürlicherweise enthalten beispielsweise Erdnüsse, Erbsen und diverse Sorten Fisch viel Tyrosin.

5. Vertrauen Sie Ihrem Schlaf!

Über die Wirkung des Schlafs auf das kreative Denken gab es lange Zeit vor allem eher anekdotische Berichte von Wissenschaftlern und Künstlern, die des Nachts auf neue Ideen kamen.

US-Psychologen konnten dann vor einiger Zeit zeigen, dass dafür wohl besonders der REM-Schlaf wichtig ist, bei dem sich die Augen hinter geschlossenen Lidern schnell bewegen. In der Studie mussten die Probanden verschiedene kreative Aufgaben lösen, beispielsweise nach Analogien suchen oder Wortreihen logisch fortsetzen. Nachdem sie die Aufgaben gestellt bekommen hatten, sollten alle Testpersonen eine bis zu zweistündige Mittagsruhe halten und erst danach die Lösungen notieren.

Manche Teilnehmer blieben während der Zeit wach, andere schliefen ein, einige davon hatten auch REM-Schlafphasen. Diese Probanden konnten nach der Ruhephase die Aufgaben am besten lösen.

Offenbar war also der REM-Schlaf ursächlich für die bessere kreative Leistung. Das zeigte sich, als die Forscher den Probanden die Aufgaben erstmals am Nachmittag stellten und sie diese ohne Schlafpause lösen sollten: Dann gab es keine Unterschiede.

Ob und auf welche Weise auch andere Schlafphasen wie etwa der Tiefschlaf kreative Prozesse fördern, ist noch Gegenstand aktueller Forschungen.

Fazit: Wichtig für kreative Leistungen ist in jedem Fall ein guter,ausreichender und ausgewogener Schlaf.

Bestätigt wurden die Ergebnisse der Studie zum REM-Schlaf durch eine andere Untersuchung, die zeigte, dass Menschen, die unter Narkolepsie leiden, oft überdurchschnittlich kreativ sind. Bei dieser Erkrankung werden die Patienten urplötzlich am Tage von Schlafattacken heimgesucht, wobei direkt der REM-Schlaf einsetzt. Ähnlich ist es bei Menschen, die luzide Träume haben, sogenannte Klarträume, bei denen diejenigen bemerken, dass sie gerade träumen. Auch diese Personen schneiden bei Kreativitätstests überdurchschnittlich gut ab. Zu luziden Träume kommt es nur in REM-Phasen.

6. Spielen Sie ein Videogame!

Die Ideen wollen nicht fließen? Blockade? Dann kann es helfen, sich mit bestimmten Computerspielen abzulenken. Sie bringen einen nicht nur auf andere Gedanken: Wer gelegentlich ein Videogame spielt, kann sogar das eigene kreative Potenzial wecken.

Das fanden Forscher aus dem US-Bundesstaat Iowa heraus. Sie ließen Probanden "Minecraft" spielen, das weltweit meistverkaufte Videospiel. Spieler können darin eine fremde Welt erkunden, gegen Monster kämpfen, Rohstoffe sammeln – und, vielleicht am wichtigsten: Jeder kann darin völlig neue Umgebungen erschaffen.

Andere Probanden ließen die Forscher derweil eine TV-Sendung schauen oder ein Autorennenspiel spielen. Nach 40 Minuten ließen die Wissenschaftler die Studienteilnehmer eine Vielzahl von Kreativaufgaben bearbeiten. Zum Beispiel sollten sie ein außerirdisches Wesen zeichnen. Es zeigte sich: Die kleine Flucht in die fremde "Minecraft"-Welt erleichterte es den Teilnehmenden anschließend am besten, kreativ zu sein.

Allerdings nur unter einer ganz bestimmten Bedingung: Die Forscher testeten nämlich auch, ob es einen Unterschied machte, unter welchen Voraussetzungen sie die Probanden spielen ließen. Manche erhielten die Anweisung, das Spiel so kreativ zu nutzen wie möglich, andere durften sich ganz ohne Anweisung vertiefen.

Das Ergebnis: Allein wer ganz ohne Vorgabe spielen durfte, zeigte sich anschließend einfallsreicher. Die Forscher vermuten: Nur wer absichtslos spielt, schränkt sich selbst nicht ein – lässt der eigenen Fantasie wirklich freien Lauf.

7. Meditieren Sie eine Weile!

Wer sich regelmäßig in Meditation übt, sich in Stille ganz in die eigene Innenwelt vertieft, der tut sich auf vielerlei Weise Gutes. Wissenschaftliche Studien belegen beispielsweise, dass kontinuierliche Meditation Stress vermindert, Angst und Unsicherheit lösen kann, die Achtsamkeit gegenüber sich selbst und den eigenen Mitmenschen stärkt.

Aber kann Meditation noch mehr? Womöglich die eigenen schöpferischen Quellen erschließen?

Tatsächlich sind viele Meditationsforscher mittlerweile überzeugt: Wer sich in sich selbst versenkt, und sei es nur für zehn Minuten, erreicht eine Gemütsverfassung, die dem Geist erlaubt, auf Reisen zu gehen.

So kann Meditation etwa das sogenannte "divergente Denken" anregen, also die Fähigkeit, offen und unsystematisch nach ungewöhnlichen Zusammenhängen zu forschen. Die achtsame Fokussierung auf die eigenen Empfindungen schafft aber auch eine Stimmung, um überraschende Einfälle als solche zu erkennen und zuzulassen.

So konnten Forscher zeigen: Eine kurze, angeleitete Achtsamkeitsmeditation zu Beginn eines Brainstormings in einer Gruppe sorgt dafür, dass am Ende Ideen stehen, die vielfältiger und detailreicher sind.

Erschienen in GEO Wissen Nr. 72 "Kreativität! Was uns auf neue Ideen bringt".

GEO WISSEN

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