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Klima und Gesundheit "Bei Hitzewellen werden Städte für Risikogruppen zu Risikogebieten"

Bei lang anhaltenden hohen Temperaturen heizen sich Städte stärker auf als das Umland
Bei lang anhaltenden hohen Temperaturen heizen sich Städte stärker auf als das Umland
© Black Salmon/Shutterstock
Die Gefahren des Klimawandels für die menschliche Gesundheit wurden lange übersehen - bis heute. Was auf dem Spiel steht, beschreibt die Journalistin und Autorin Katja Trippel zusammen mit der Medizinerin Claudia Traidl-Hoffmann in ihrem Buch "Überhitzt". Wir haben mit Katja Trippel gesprochen

GEO.de: Frau Trippel, lange schien es, als sei der Klimawandel etwas, das irgendwo auf Pazifikinseln passiert, in Bangladesch oder am Nordpol. Haben wir uns da getäuscht?

Katja Trippel: Das nicht, aber wir haben die Augen verschlossen vor dem, was hier bei uns schon passiert: Dass die Erderwärmung unser aller Gesundheit betrifft.

Was macht denn der Klimawandel mit uns?

Man kann unterscheiden zwischen direkten Auswirkungen der Erwärmung, hauptsächlich durch große Hitzewellen, und indirekten Folgen, die uns durch die Veränderungen in den Ökosystemen treffen. Das gefährlichste Gesundheitsproblem ist tatsächlich die Hitze. So genannte Hitzewellen, wie wir sie dieses Jahr bereits im Juni erlebten, haben stark zugenommen. Neun der zehn heißesten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen traten nach der Jahrtausendwende auf. Und die Prognosen sind ganz klar: Selbst, wenn wir unsere Emissionen sofort reduzieren, wird es bis 2050 in Norddeutschland in jedem Jahr bis zu zehn richtig heiße Tage über 30 Grad und Nächte über 20 Grad mehr geben, in Süddeutschland bis zu fünfzehn. Und das kann wirklich dramatische Folgen haben: Bei der Hitzewelle im Jahr 2013 starben in Europa 70.000 Menschen. Und was in Kanada in den Notfallambulanzen gerade los ist, gibt einen erschreckend guten Eindruck, was auch hier auf uns zukommen wird.

Bei Corona heißt es immer "an oder mit Corona" gestorben. Wie ist das bei der Hitze?

Wir sprechen von "Übersterblichkeit". Gemeint sind damit Menschen, vor allem Ältere und Vorerkrankte, aber auch Kinder, die noch lange am Leben wären, wenn nicht über mehrere Tage 35 oder 37 Grad geherrscht hätten.

Wie kommt es, dass darüber so wenig berichtet wird?

Hitzeopfer sind so genannte "stille Tote". Es fließt kein Blut, niemand schreit – und häufig verstehen nicht einmal die ÄrztInnen, dass es die Hitze war, die letztlich zum Tod der Person geführt hat. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass die Wechselwirkungen und molekularen Abläufe im Körper bei Hitze sehr komplex und auch noch nicht vollständig erforscht sind.

Können Sie Beispiele nennen?

Bei älteren Menschen funktioniert die Hitzeregulation nicht mehr, bei kleinen Kindern noch nicht gut. Sie können schlichtweg nicht richtig schwitzen. Wir anderen sind bei Hitze einfach nur groggy, weil der Körper permanent damit beschäftigt ist, uns immer auf eine Kerntemperatur von 37 Grad runterzukühlen. Sobald unser Körper auch nur ein halbes Grad wärmer oder kälter wird, sind wir nicht mehr in der Lage, hundert Prozent klar zu denken oder physisch richtig durchzustarten.

Bei Menschen mit Vorerkrankungen können sich die Symptome verschlimmern – nicht nur bei "klassischen" Patienten mit Herz- oder Lungenproblemen. Mein Vater zum Beispiel litt an Multipler Sklerose. Ab einer Lufttemperatur von 25 Grad waren seine Nerven nicht mehr leitfähig und er konnte sich fast nicht mehr bewegen. Menschen, die an Neurodermitis leiden, haben sowieso permanent drastische Beschwerden, es juckt, es brennt. Wenn dann noch Hitze dazukommt, dann fühlt sich das an, als hätten sie sich am ganzen Körper verbrannt. Bei vielen dreht der Blutdruck durch, bei Diabetes-Kranken gerät die Insulin-Produktion noch mehr durcheinander, sogar Demenz und psychiatrische Krankheiten verschlimmern sich an heißen Tagen.

Hitze hat auch Einfluss auf Medikamente und ihre Einnahme ...

Medikamente wirken bei Hitze teilweise sehr unterschiedlich, ob das nun Psychopharmaka sind oder Mittel gegen Bluthochdruck. Die Dosierung müsste man unter solchen Bedingungen eigentlich anpassen. Das passiert bislang aber kaum, weil auch die Ärzteschaft erst langsam versteht, dass man da reagieren muss.

Haben die Ärzte das Problem überhaupt im Blick?

Der Ärztetag wollte im vergangenen Jahr eigentlich einen Kongress zum Thema Klima und Gesundheit veranstalten. Der wurde dann aber abgesagt – wegen Corona. Auch bei der Ausbildung gibt es Nachholbedarf: Ärzte, die heute praktizieren, haben in ihrem Curriculum gar nicht gelernt, dass es inzwischen auch in Deutschland das West-Nil-Virus gibt...

... und andere Krankheitserreger. In Ihrem Buch beschreiben Sie auch indirekte Folgen für unsere Gesundheit ...

Die wir spüren, weil sich unser Ökosystem verändert. Viren und Bakterien etwa verbreiten sich durch die Klimaerwärmung ganz erheblich. Zum Beispiel Borreliose oder FSME, die Frühsommer-Meningoenzephalitis, beides Krankheiten, die von Zecken übertragen werden. Durch die milderen Winter hat sich in den vergangenen Jahren die Zeckensaison um drei Wochen verlängert. Meine Co-Autorin betreut in ihrer Sprechstunde inzwischen regelmäßig Menschen, die sich schon im Februar mit Borreliose oder FSME infiziert haben. Bei den FSME-Erkrankungen meldete das Robert Koch Institut 2020 einen Rekord mit 700 Menschen, die zum Teil wochenlang im Krankenhaus lagen. Und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die neu eingewanderte Hyalomma-Zecke auch bei uns das Zecken-Fleckfieber und das Krim-Kongo-Virus übertragen wird.

"Überhitzt: Die Folgen des Klimawandels für unsere Gesundheit" ist erschienen im Dudenverlag

Ein anderes Beispiel: Heute gibt es viel mehr sogenannte Mastjahre bei den Eichen, also Jahre, in denen die Bäume besonders viele Eicheln produzieren. Das ist eine Reaktion auf Trockenheit oder Hitze. In der Folge explodieren die Populationen von Rötelmäusen, die sich von Eicheln ernähren – und das Hantavirus übertragen. Tatsächlich haben Hantavirus-Infektionen zugenommen, hauptsächlich bei Menschen, die im Wald oder in der Landwirtschaft arbeiten. Zuletzt vermehren sich auch die Zecken, wenn sie mehr Mäuse zum Blutsaugen finden.

Wie steht es denn um die psychischen Folgen der Klimakrise?

Das ist derjenige Bereich, in dem hierzulande am meisten Nachholbedarf besteht. Man muss unterscheiden zwischen Traumata, die die Menschen entwickeln können, weil sie in einer wirklich schrecklichen Situation waren, wenn sie zum Beispiel, wie derzeit in Süddeutschland, bei einem Starkregenereignis von einer Flut weggeschwemmt oder schwer verletzt wurden oder ihr Haus zerstört wurde. So etwas kann schwere, jahrelang anhaltende psychische Probleme auslösen. Das andere sind Zukunftsängste. Je mehr wir uns mit dem Thema Klimawandel beschäftigen, umso besorgter werden wir. In was für eine Welt steuern wir? Welche Zukunft haben unsere Kinder? Wie sollen die mit diesen ganzen Problemen zurechtkommen, die wir ihnen hinterlassen? Ich finde diese Gedanken wahrlich deprimierend, und manche können sie durchaus auch depressiv machen. Aber eigentlich ist es eine ganz normale Reaktion, mit der wir umgehen lernen müssen.

Wo ist die Grenze zur Krankheit überschritten?

Die Psychologen, mit denen ich gesprochen habe, sagen, die Grenze sei dort überschritten, wo die Sorge dazu führt, dass man seinen normalen Alltag nicht mehr leben kann: morgens aufstehen, frühstücken, arbeiten gehen… Wenn man nur noch das Schwarze sieht und nicht mehr das Helle. Aber das betrifft laut Psychologists for Future nur einen sehr, sehr kleinen Teil der Menschen. Die meisten sind völlig zu recht besorgt. Wir sollten es alle sein und entsprechend agieren!
 
Wie können wir gegensteuern? Brauchen wir mehr Klimaanlagen?

Das Wichtigste ist natürlich die Ursachenbekämpfung, also die Reduktion von Emissionen, und zwar so schnell und so effektiv wie möglich. Mit Klimaanlagen kriegen wir das Problem nicht gelöst, sie heizen es mit ihrem Energieverbrauch nur noch weiter an. Wir müssen uns nach Alternativen umsehen. Zum Beispiel in Südeuropa. Dort haben die Gebäude dicke Mauern und sind oft bewachsen mit Wein oder Efeu, im Hof stehen alte Bäume. Diese Pflanzen sind natürliche Klimaanlagen, sie kühlen ihre direkte Umgebung um mehrere Grad ab. Mehr Grün ist umso wichtiger, als sich Städte deutlich stärker aufheizen als ländliche Gebiete – um bis zu zehn Grad mehr. Bei Hitzewellen werden Städte für Risikogruppen zu Risikogebieten.

Bei einer Hitzewelle mit mehreren tausend Toten kann man schon von einer Katastrophe sprechen. Sind die Behörden eigentlich ausreichend vorbereitet?
 
In Frankreich gibt es seit 2004 einen funktionierenden Hitze-Notfallplan. Bei einer offiziellen Hitzewarnung weiß jeder, was zu tun ist. Gerade in Kindergärten oder Altersheimen ist das sehr wichtig. Für Deutschland gibt es zwar einen Entwurf des Umweltbundesamts. Doch der liegt seit Jahren in den Schubladen, weil die Gesundheitsministerien von Bund und Ländern sich für die Umsetzung offenbar nicht zuständig fühlen. Das Bundesministerium hat erst Anfang 2020 eine Abteilung gegründet, die sich überhaupt mit dem Thema Klimawandel und Gesundheit beschäftigt, doch dann ging Corona los und es passierte nicht viel. Immerhin: Vor einer Woche präsentierte Herr Spahn eine neue Website zum Thema Hitze-Vorsorge. Aber das reicht bei weitem nicht aus. Der Vorsitzende der Allianz Klima und Gesundheit, einer Interessenvertretung von Menschen in Gesundheitsberufen, nennt das ein "Systemversagen, das jedes Jahr Tausende Tote kostet".


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