Cortisol Warum Stress in der Schwangerschaft Babys früher zahnen lässt

Bei einem kleinen Mädchen brechen die ersten Milchzähne durch
Wann Milchzähne durchbrechen, ist individuell. Stresshormone der Mutter könnten den Zeitpunkt bereits vor der Geburt beeinflussen
© Alina Kulbasnaia / Getty Images
Babys von Müttern mit erhöhtem Cortisolspiegel bekommen ihre Milchzähne deutlich früher. Forschende sehen darin ein mögliches Zeichen beschleunigter biologischer Entwicklung

Kaum eine Entwicklung im ersten Lebensjahr wird unter Eltern so aufmerksam verfolgt wie das Zahnen. Während bei manchen Babys mit sechs Monaten noch kein einziger Zahn zu sehen ist, blitzen bei anderen bereits mehrere Schneidezähne hervor. Lange galten dafür vor allem Gene, Ernährung oder Zufall als Erklärung. Nun deutet eine neue Studie auf einen weiteren, bislang unterschätzten Einflussfaktor hin – und der liegt noch vor der Geburt.

Forschende aus den USA zeigen: Säuglinge, deren Mütter in der späten Schwangerschaft erhöhte Werte des Stresshormons Cortisol aufwiesen, bekamen ihre Milchzähne deutlich früher. Besonders ausgeprägt war der Effekt im ersten Lebenshalbjahr. Babys von Müttern mit den höchsten Cortisolwerten hatten im Alter von sechs Monaten im Durchschnitt vier Zähne mehr als Kinder von Frauen mit den niedrigsten Spiegeln.

Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal "Frontiers in Oral Health" und werfen ein neues Licht auf die Frage, warum die Zahnentwicklung bei Kleinkindern so stark variiert.

Zähne beginnen im Mutterleib

Milchzähne entstehen erstaunlich früh. Bereits um die sechste Schwangerschaftswoche beginnen sich die Anlagen für die späteren 20 Milchzähne zu bilden: zehn im Ober-, zehn im Unterkiefer. Bis sie durchbrechen, vergehen jedoch Monate, oft Jahre. Üblicherweise zeigen sich die ersten Zähne zwischen dem sechsten und zwölften Lebensmonat, der vollständige Satz ist meist mit etwa drei Jahren vorhanden.

Der Zeitpunkt dieses Durchbruchs schwankt erheblich. Neben genetischen Faktoren spielen geografische Unterschiede, die allgemeine Gesundheit und der Ernährungsstatus eines Kindes eine Rolle. Dass auch die hormonelle Umgebung im Mutterleib Einfluss nimmt, war bislang kaum untersucht.

Stresshormone im Speichel

Für die neue Studie begleiteten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Rochester 142 Mutter-Kind-Paare aus sozioökonomisch benachteiligten Verhältnissen. Die Frauen waren zwischen 2017 und 2022 schwanger und gaben im späten zweiten sowie im dritten Trimester Speichelproben ab. Darin bestimmten die Forschenden unter anderem Cortisol, aber auch Sexual- und Schilddrüsenhormone.

Nach der Geburt wurden die Kinder über zwei Jahre hinweg regelmäßig untersucht. Zahnärztinnen und Zahnärzte erfassten bei jedem Termin, welche Milchzähne bereits durchgebrochen waren – im Alter von einem, zwei, vier, sechs, zwölf, 18 und 24 Monaten.

Das Bild war, wie Eltern es kennen: uneinheitlich. Manche Kinder zeigten zwischen dem zwölften und 18. Monat einen regelrechten Zahnschub, bei anderen verlief die Entwicklung kontinuierlicher, aber unregelmäßig. Früh viele Zähne zu haben, garantierte keineswegs einen Vorsprung zu späteren Zeitpunkten.

Cortisol sticht heraus

Ein Zusammenhang war jedoch auffällig klar: Je höher der Cortisolspiegel der Mutter in der späten Schwangerschaft, desto mehr Zähne hatten die Kinder bereits mit sechs Monaten. Zwischen den niedrigsten und höchsten Cortisolwerten lag im Mittel ein Unterschied von rund vier Zähnen.

Andere Hormone zeigten zwar ebenfalls statistisch signifikante, aber deutlich schwächere Effekte. Höhere Spiegel von Estradiol und Testosteron standen mit etwas mehr Zähnen im Alter von zwölf Monaten in Verbindung. Progesteron, Testosteron und das Schilddrüsenhormon Trijodthyronin korrelierten moderat mit der Zahnzahl im zweiten Lebensjahr.

Diagnosen von Depressionen oder Angststörungen während der Schwangerschaft spielten hingegen keine erkennbare Rolle. Weder für die gemessenen Hormonwerte noch für den Zahnstatus der Kinder.

Frühreif unter Stress

Warum gerade Cortisol einen so deutlichen Einfluss hat, lässt sich biologisch plausibel erklären. "Ein erhöhter Cortisolspiegel in der späten Schwangerschaft kann das fetale Wachstum und den Mineralstoffwechsel verändern", sagt Studienleiterin Ying Meng. Dazu zählen auch Kalzium- und Vitamin-D-Regelkreise, die für die Mineralisierung von Knochen und Zähnen entscheidend sind. Zudem beeinflusst Cortisol die Aktivität jener Zellen, die Knochen auf- und umbauen.

Die Autorinnen und Autoren interpretieren die frühen Zähne daher nicht als isoliertes Phänomen, sondern als mögliches Zeichen einer beschleunigten biologischen Entwicklung. Pränataler Stress könnte Prozesse des Alterns und Reifens vorziehen – mit bislang kaum erforschten Folgen für die langfristige Gesundheit.

Ein früher Hinweis, kein Alarmzeichen

Wichtig ist die Einordnung: Frühes Zahnen ist kein Krankheitsbild. Viele Kinder mit rascher Zahnentwicklung bleiben völlig gesund. Dennoch könnte das Durchbruchstempo der Zähne künftig als sensibler Marker dienen, um besonders belastete Lebenslagen früh zu erkennen.

Noch sind viele Fragen offen. Welche hormonellen Signalwege sind entscheidend? Spiegelt frühes Zahnen tatsächlich eine beschleunigte biologische Alterung wider? Und was bedeutet das langfristig für Stoffwechsel, Wachstum oder Zahngesundheit?

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Für Eltern liefert die Studie vor allem eines: eine zusätzliche Erklärung für ein alltägliches Rätsel. Wenn beim nächsten Krabbelgruppentreffen die Zähne gezählt werden, liegt der Grund für die Unterschiede womöglich nicht nur in Genen oder Beikostplänen, sondern in biologischen Prägungen, die lange vor dem ersten Löffelbrei begonnen haben.