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Neugier Wie wir unseren Geist bestmöglich fordern

Wer neugierig bleibt und seinen Geist fordert, kann das Altern des Gehirns wirksam aufhalten. Wie aber lässt sich die Neugier kultivieren? Mit einfachen Tricks, sagen Experten
Zwei alte Freunde sitzen am Flussufer mit VR-Brille

Ausflug in virtuelle Welten: Wer das Altern des Gehirns hinauszögern will, sollte häufig auch Ungewohntes ausprobieren

Immer wieder begegnen wir Menschen, die auch im hohen Alter geistig noch vital sind – etwa betagten Musikern, die ihr Instrument virtuos beherrschen. Oder Forschern, die weit über den Ruhestand hinaus weltweit an Konferenzen teilnehmen und Vorträge halten. Oder Literaten, die jenseits ihres 70. Geburtstags noch bedeutende Bücher schreiben.

Das Gehirn mancher Menschen arbeitet scheinbar bis zum Ende auf einem hohen Niveau. Im Gegensatz zu ihrem Körper ist dem Denkorgan dieser Geistesgrößen sein Alter kaum anzumerken.

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Was hält das Gehirn dieser Menschen jung? Und was können wir tun, um Ähnliches zu erreichen? In den letzten Jahren haben Neurowissenschaftler viel darüber gelernt, welche Faktoren beim Nachlassen unserer Geisteskräfte eine Rolle spielen und wie sich dieses Schwinden verhindern oder zumindest abmildern lässt. Sie haben festgestellt, dass Teile unseres Gehirns offenbar ein Leben lang Nervenzellen bilden – und dass es wohl viel formbarer ist als zuvor gedacht, also neue Fähigkeiten erlernen und durch Schäden eingebüßte wiedererwerben kann. Wir haben es meist selbst in der Hand, uns bis ins hohe Alter fit zu halten, die Geisteskraft zu stärken. Dafür sollten wir wissen:

  • wie unser Gehirn altert;
  • wie wir es fit halten können;
  • wie wir unseren Geist herausfordern.

I. Wie unser Gehirn altert

Bei allen Menschen nimmt die geistige Leistungsfähigkeit bereits mit dem 25. Lebensjahr ab. Anfangs ist vor allem das Arbeitsgedächtnis betroffen, das uns unter anderem hilft, Rechenaufgaben zu lösen.

Als Folge dieser mentalen Einbußen können sich Menschen zunehmend schwer konzentrieren. Später lassen auch andere Fähigkeiten langsam nach: Von ihrem 35. Lebensjahr an können sich die meisten beispielsweise nicht mehr so gut Namen anderer Leute merken.

Anatomisch sichtbar werden diese Veränderungen aber erst später: Während das Gehirn zwischen 20 und 50 Jahren eine nahezu konstante Größe hält, verliert es danach stetig an Volumen. Bis zum 80. Lebensjahr büßt es etwa zehn Prozent ein; danach beschleunigt sich der Abbau sogar noch ein wenig.

Im Verlauf dieses Prozesses schrumpft unter anderem die sogenannte graue Substanz. Im Gehirn sind dies all jene Bereiche, die vor allem von den eigentlichen Nervenzellen, den Neuronen, ausgefüllt werden. Im Lauf der Zeit kann ihre Zahl abnehmen, weil manche Zellen absterben. Vor allem aber füllen viele der noch intakten Neurone weniger Raum, weil sie schrumpfen und die Anzahl ihrer Verzweigungen (Dendriten) und Kontaktstellen (Synapsen) reduzieren.

Das liegt an normalen Alterungsprozessen, wie sie auch andere Körperzellen betreffen – aber ebenso an mangelnder Benutzung: also daran, dass die Zellen womöglich nicht genug gefordert werden.

II. Wie wir uns geistig fit halten

Experten nennen vor allem vier Verhaltensweisen, mit deren Hilfe wir der Alterung unseres Gehirns massiv entgegenwirken können:

  • ein aktiver Alltag mit viel Bewegung;
  • ein gesunder Umgang mit Stresssituationen;
  • ein offener Austausch mit anderen Menschen;

und ein reges Geistesleben, in dem man stets offen dafür bleibt, Neues zu lernen (im Folgenden ausgeführt).

Forscher konnten mithilfe von Gehirnscannern nachweisen, dass insbesondere das Erlernen neuer Hobbys positive Effekte auf die graue Substanz in unserem Kopf hat. Denn jedes Mal, wenn sich unser Denkorgan angeregt mit einer ungewohnten Aufgabe beschäftigt, sprießen (selbst noch bei 80-Jährigen) neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen – also jene winzigen Synapsen, über die Neurone miteinander kommunizieren.

In einem Experiment ermunterten Neurowissenschaftler 60 Jahre alte Probanden, das Jonglieren mit drei Bällen zu erlernen, und beobachteten deren Gehirnstruktur im Kernspintomografen.

Es stellte sich heraus, dass bei Probanden, die zu jonglieren lernten, die Masse der grauen Nervenzellsubstanz in mehreren Gehirnregionen zunahm – beispielsweise in der „Area MT“, die für die Verbindung visuell-räumlicher und motorischer Leistungen zuständig ist, sowie im Hippocampus und im Bereich des Nucleus accumbens, der ein Teil des Belohnungssystems ist und uns Wohlgefühle verschafft.

Denn wann immer wir eine neue Fähigkeit einüben, verändern sich Nervenzellen, passen sich Areale im Gehirn an die neuen Anforderungen an. Oft sprießen schon nach wenigen Stunden oder Tagen zwischen den Neuronen neue Zellfortsätze, die Kontakte zu anderen Zellen aufnehmen und dort neue Synapsen ausbilden. Im Verlauf von Wochen und Monaten wird die Signalübertragung immer effektiver – und das Netz jener Neurone, die mit der neu erworbenen Fähigkeit betraut sind, verzweigt sich mehr und mehr.

Doch es nimmt dadurch nicht nur das Volumen der grauen Substanz zu, sondern es verbessert sich darüber hinaus auch die Leitungsfähigkeit der beteiligten Nervenzellfortsätze, da der Körper sie vermehrt mit einer besonderen Isoliersubstanz ummantelt. Auch bilden sich winzige Blutgefäße und Stützgewebe, die die Versorgung der Nervenzellen verbessern.

Zu solchen Veränderungen kommt es nicht nur beim Jonglieren: Alle Anpassungen, bei denen das Gehirn sich anstrengt und Neues lernt, haben ähnlich positive Auswirkungen auf unser Denkorgan.

Durch geistiges Training kann das Altern des Gehirns also wirksam aufgehalten werden. Wer geistig fit bleiben will, tut somit gut daran, aufgeschlossen und wissbegierig zu sein. Dafür sollte er vor allem einen Charakterzug lebenslang kultivieren: sein Interesse für Neues.

III. Loblied auf die Neugier

Doch mit welchen Tricks kann man die Neugier stimulieren? Und: Lässt sich eine mit der Zeit möglicherweise ein wenig verloren gegangene geistige Offenheit wiederbeleben?

Experten geben eine Reihe von Tipps, die dabei helfen, das Interesse für Neues in sein Leben zurückzuholen: Um beispielsweise einen offenen Blick auf die Welt zu üben, empfiehlt der US-Psychologe Todd Kashdan, nach dem Ungewohnten in Alltagshandlungen zu suchen.

Etwa: Gibt es einen Aspekt beim Kochen, den man noch nie beachtet hat? Könnte man zum Beispiel eine immer gleich zubereitete Speise mit einer neuen Würzmischung variieren? Oder vielleicht ein ganz neues Rezept ausprobieren?

Lassen sich auf der gewohnten Fahrt zur Kirche oder in die Stadt noch nie beachtete Fassaden, Geschäfte oder Nebenstraßen entdecken? Und welche Pflanzen wachsen eigentlich da am Wegesrand?

Solche Fragen mögen trivial erscheinen. Und doch können sie den Anfang einer Entwicklung darstellen, die mehr und mehr Entdeckungsfreude in den täglichen Trott bringt.

Oft kommt ein psychologischer Mechanismus in Gang: Wer erst einmal beginnt, sich für etwas zu interessieren, wird ganz von allein wissbegieriger.

Die Neugier stachelt sich gleichsam selbst an. Denn das Verlangen danach, den Dingen auf den Grund zu gehen, wächst besonders stark, wenn wir uns bereits Vorwissen angeeignet haben – darin aber Lücken erkennen.

Ein Beispiel: Wer überhaupt nichts über Vögel weiß, den mag ein gefiederter Besucher auf der Terrasse mit hoher Wahrscheinlichkeit ziemlich kaltlassen. Kennt er dagegen bereits ein paar heimische Vogelarten, will er wissen: Was für ein Federtier ist gerade gelandet? Besonders neugierig wird man, wenn man die Art noch nicht kennt.

Wissenschaftler haben zudem herausgefunden: Bestmöglich lässt sich das Gehirn immer dann stimulieren, wenn man seine Neugier auf ein Hobby richtet, das zugleich fordert und abseits der vertrauten Komfortzone liegt.

Das heißt: Ein zahlenorientierter Buchhalter, der noch nie auf dem Tanzboden stand, profitiert besonders, wenn er den Tangotanz erlernt. Für einen ohnehin begeisterten Freizeittänzer bringt das Einstudieren eines neuen Tanzstils dagegen vergleichsweise wenig.

Er sollte sich vielleicht eher eine Fremdsprache aneignen, Schach spielen, ein Musikinstrument erlernen oder sich einem Laientheater anschließen.

Wer neugierig bleibt und seinen Geist fordert, kann das Altern des Gehirns also tatsächlich wirksam aufhalten. Gehirnforscher vermuten, dass ein geistig aktiver Lebensstil Erinnerungsvermögen und Denkschnelligkeit verbessert – und sogar das Einsetzen einer Demenz um mehrere Jahre hinauszögern kann. 

Nervenzellen leben umso länger, je mehr man sie benutzt. Es liegt also an uns selbst, unser Gehirn zu trainieren und es bis ans Lebensende in einem so guten Zustand zu erhalten, dass man den Eindruck hat: Dieses Organ altert nicht.

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