Kognitive Dissonanz Warum wir uns so leicht selbst betrügen

Sport treiben, gesünder Essen, umweltfreundlich Leben: Anspruch und Wirklichkeit klaffen in unserem Verhalten oft auseinander. Aber wir haben Strategien, damit umzugehen
Warum wir uns so leicht selbst betrügen

Fressattacken trotz guter Vorsätze: Solche schmerzvollen Widersprüche im Selbstbild lassen sich lindern - durch Dissonanzreduktion

In diesem Artikel
Kognitive Dissonanzen kennt jeder
Nachhaltiges Leben ist ein Tummelplatz der kognitiven Dissonanzen
Was Dissonanzen im Gehirn auslösen

Im Jahr 1954 war es mal wieder Zeit für einen Weltuntergang. Zumindest waren die Anhänger einer Sekte in Wisconsin überzeugt, eine Sintflut würde am 21. Dezember dieses Jahres alles Leben auf der Erde vernichten. Nur sie selbst würden von Außerirdischen gerettet. So prophezeite es ihnen ihre Anführerin.

Am Stichtag passierte, was passieren musste: gar nichts. Es gab nicht einmal Regen, von Aliens keine Spur. Doch die Gläubigen rieben sich nicht etwa die Augen und entlarvten den Humbug – sondern fühlten sich in ihrem Glauben bestätigt. Sie argumentierten, Gott habe nur ihren Glauben prüfen wollen.

Diese Anekdote verdanken wir dem amerikanischen Sozialpsychologen Leon Festinger. Der hatte sich undercover in die Gruppe eingeschleust, um zu verstehen, wie Menschen mit Wiedersprüchen zwischen ihren Überzeugungen und ihrem Handeln umgehen. Und entwickelte daraufhin seine Theorie der kognitiven Dissonanz.

Kognitive Dissonanzen kennt jeder

Bevor Sie jetzt weiter über die schräge Sekte schmunzeln: Kognitive Dissonanz kennen wir alle. Sie tritt zum Beispiel auf, wenn wir in den ersten Wochen des Jahres unsere Vorsätze Revue passieren lassen. Etwa, weniger Schokolade zu essen. Um festzustellen, dass unser Konsum noch genauso hoch ist wie in der Weihnachtszeit. Dass wir mehr Sport machen wollten, aber auch im neuen Jahr immer noch keine Zeit dafür finden.

Diesen unangenehmen Zustand kennt wohl jede(r). Und auch den Ausweg. Der Trick ist nämlich, dass wir die quälende Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit verringern – oder ganz eliminieren. Dissonanzreduktion nennen das Psychologen. Dafür gibt es eine reiche Auswahl an Strategien.

Das Einfachste wäre zwar, weniger Schokolade zu essen. Aber nur wenige Menschen sind so diszipliniert. Da wir ungesunde Gewohnheiten ungern aufgeben, ist es leichter, den Wiederspruch kleinzureden, uns abzulenken – oder gezielt Informationen zu suchen, die das dissonante Verhalten in ein besseres Licht rücken. Gab es da nicht diese Studie, die zeigte, dass Kakao gut ist fürs Herz? Und zweimal die Woche laufen, das bringt doch ohnehin nichts! Außerdem bin ich gar nicht zu dick!

Nachhaltiges Leben ist ein Tummelplatz der kognitiven Dissonanzen

Auch Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen erzeugen regelmäßig kognitive Dissonanzen. Klar, ist Fliegen schlecht fürs Klima. Aber die Fernreise muss trotzdem sein. Nur dieses eine Mal. Dafür haben wir ja kein eigenes Auto – und kompensieren auch noch mit Atmosfair. Außerdem: Ist das eigentlich so sicher, dass der Klimawandel menschengemacht ist? Und wie steht es um den Eigenheim-Neubau im Grünen? Klar, dafür wurde Fläche vernichtet, viel Materie bewegt und Energie aufgewendet. Aber immerhin hat das Passivhaus ja eine Solaranlage auf dem Dach. Damit bringen wir doch die Wirtschaft und die Energiewende voran.

Forscher glauben, dass die Strategie der Dissonanzreduktion nicht nur wichtig für unsere Selbstachtung ist. Sie hilft uns auch dabei, gesund zu bleiben (vor allem dann, wenn sie dazu führt, dass wir tatsächlich mehr Sport machen und weniger Schokolade zu essen). Forscher haben jetzt sogar entdeckt, was genau im Hirn passiert, wenn wir Dissonanzen empfinden – und reduzieren.

Was Dissonanzen im Gehirn auslösen

Der Neurowissenschaftler Keise Izuma vermutet das „Dissonanzzentrum“ in einer Hirnregion, die Forscher den posterioren Teil des mediofrontalen Kortex (pMFC) nennen. Ein Areal, das offenbar dafür zuständig ist, Dinge zu vermeiden, die nachteilige Konsequenzen haben könnten.

Um seine Vermutung zu bestätigen, legte Izuma 52 Versuchsteilnehmern einzelne Bilder vor, deren Schönheit sie auf einer Skala von 1 (hässlich) bis 8 (sehr schön) bewerten sollten. Anschließend präsentierte Izuma den Probanden diese jeweils in Paaren, aus denen sie das schönere auswählen sollten. Nicht in jedem Fall stimmte die zweite mit der anfänglichen Bewertung überein. Was die Probenden offenbar störte. In einer zweiten Runde wurden deshalb die ursprünglichen Bewertungen entsprechend korrigiert.

Izuma konnte diese Dissonanzreduktion „ausschalten“ – indem er den pMFC mit starken Magnetfeldern lahmlegte. Die Folge: Die Probenden verspürten nicht mehr den Wunsch, ihre Bewertung nachträglich anzupassen. Izuma konnte damit zeigen, wie die Dissonanzreduktion auf der Ebene des Gehirns funktioniert, die Festinger zuerst beschrieben hatte.

Der Weltuntergang blieb 1954 zwar aus. Aber was tun mit dem Klimawandel und der globalen Übernutzung von Ressourcen? Bleibt zu hoffen, dass die Menschheit nicht den einfachsten, sondern den oft schwersten Weg der Dissonanzreduktion wählt – und ihr Verhalten ändert.

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