Er ist tot. So viel steht fest. Sein Gehirn funktioniert nicht mehr. Er hat es eigenhändig umgebracht. Acht Monate zuvor hat Graham Harrison versucht, sich mit Strom das Leben zu nehmen. Nun steht der Mann aus dem englischen Exeter vor seinem Hausarzt und erklärt, er sei gestorben. Nicht im übertragenen Sinn. Nicht als Ausdruck tiefer Erschöpfung. Sondern buchstäblich.
Jede Behandlung sei sinnlos: Schließlich bräuchten Tote keine Medikamente. Der Hinweis, dass er sich bewege, atme und sprechen könne, erschüttert Harrisons Überzeugung nicht. Die Welt hat für ihn keine Bedeutung mehr, nichts bereitet ihm Vergnügen. Er sagt kaum ein Wort. Was gäbe es auch zu erzählen? Er riecht und schmeckt nichts mehr, isst bloß, wenn andere ihn dazu auffordern. Hin und wieder zieht es Harrison zum örtlichen Friedhof. Dort, so sagt er, fühle er sich den Toten näher als den Lebenden.
Graham Harrison leidet am Cotard-Syndrom. Menschen mit dieser psychiatrischen Störung sind überzeugt, nicht mehr zu existieren, bereits verwest zu sein oder einzelne Organe verloren zu haben. Sie fühlen sich wie wandelnde Leichen, weshalb im englischsprachigen Raum auch vom "Walking Corpse Syndrome" die Rede ist.
Es ist ein Phänomen, das Mediziner bis heute vor ein verstörendes Rätsel stellt: Wie kann ein Mensch lebendig sein und dennoch fest vom eigenen Tod überzeugt?
Mademoiselle X verspürte keinen Hunger – Tote essen nun einmal nicht
Erstmals beschrieben hat das Leiden der französische Neurologe Jules Cotard im Jahr 1880. Eine seiner Patientinnen – eine 43-jährige Dame, die Cotard "Mademoiselle X" nannte – behauptete, weder Nerven noch Gehirn zu besitzen, weder Magen noch Darm. Eine Seele habe sie ebensowenig. Von ihrem Körper, glaubte sie, seien allenfalls Haut und Knochen übrig. Hunger verspürte Mademoiselle X keinen. Tote, so ihre Logik, müssten schließlich nicht essen. Schließlich starb sie an den Folgen von Unterernährung.
Bis heute gilt das Cotard-Syndrom als extrem selten. Verlässliche Häufigkeitszahlen existieren nicht, auch weil es in psychiatrischen Diagnosekatalogen nicht als eigenständige Erkrankung geführt wird. Meist tritt der "nihilistische Wahn" im Zusammenhang mit schweren Depressionen – wie im Fall von Graham Harrison –, Psychosen oder neurologischen Erkrankungen auf. Es tritt nach Schlaganfällen, Hirnverletzungen, aber auch infolge von Demenzerkrankungen auf.
Wie das Gehirn einem derart radikalen Irrtum aufsitzt, ist bislang nur in Ansätzen verstanden. Doch einzelne Fälle liefern Hinweise und führen tief hinein in jene Hirnregionen, die uns das Gefühl vermitteln, ein zusammenhängendes Selbst zu sein.
Einer der aufsehenerregendsten Hinweise stammt ausgerechnet von Graham Harrison selbst. Der Neurologe Adam Zeman von der University of Exeter untersuchte sein Gehirn mithilfe einer Positronen-Emissions-Tomografie – einer Methode, die sichtbar macht, wie aktiv verschiedene Hirnregionen arbeiten. Die Aufnahmen offenbarten einen verblüffenden Befund: In weiten Teilen von Harrisons Stirn- und Scheitellappen war der Stoffwechsel drastisch heruntergefahren. Solche Muster kennt man sonst eher von Menschen unter Narkose oder im Wachkoma.
Besonders betroffen waren Regionen, die Neurowissenschaftler mit Selbstwahrnehmung und dem Nachdenken über sich selbst in Verbindung bringen. Vereinfacht gesagt: Jene Netzwerke, die normalerweise permanent das Gefühl erzeugen, ein stabiles Ich zu sein, waren bei Harrison nahezu inaktiv.
Einige Forscher vermuten deshalb eine fatale Entkopplung im Gehirn. Ähnlich wie beim Capgras-Syndrom – bei dem Menschen glauben, Angehörige seien durch Doppelgänger ersetzt worden – könnte auch beim Cotard-Syndrom die Verbindung zwischen Wahrnehmung und emotionaler Vertrautheit gestört sein. Betroffene erkennen ihr eigenes Gesicht im Spiegel zwar noch. Doch das vertraute Gefühl, wirklich sie selbst zu sein, könnte ausbleiben. Aus dieser irritierenden Leerstelle entsteht womöglich die ungeheure Erklärung: Wenn sich das eigene Leben nicht mehr real anfühlt, muss man bereits tot sein.
Das Phänomen offenbart, wie fragil das Konstrukt des eigenen Ich ist
Gesichert ist diese Theorie nicht. Das Syndrom ist schlicht zu selten, größere Studien fehlen. Vieles basiert auf Einzelfallberichten. Und doch zeigt sich, wie fragil jene Gewissheit sein kann, die den meisten Menschen als völlig selbstverständlich erscheint: die Überzeugung, überhaupt jemand zu sein.
Trotz der dramatischen Symptome können Mediziner das Cotard-Syndrom behandeln. Entscheidend ist vor allem die zugrunde liegende Erkrankung. So können bei Betroffenen mit schweren Depressionen oder Psychosen entsprechende Antidepressiva, Neuroleptika oder eine Kombination aus beidem helfen, dass die Wahnsymptome schwächer werden oder gänzlich verschwinden.
Auch Graham Harrisons Überzeugung, tot zu sein, gehört inzwischen der Vergangenheit an. Mithilfe von Medikamenten und Psychotherapie gelang es ihm, seine schwere Depression weitgehend zu überwinden. Heute lebt er wieder selbstständig — und kann sich nach Jahren der inneren Leere wieder am Leben erfreuen. Sein Fazit ist die lakonische Umkehrung seiner früheren Gewissheit: Es erfülle ihn heute vor allem mit Freude, dass er nicht tot sei.