Capgras-Syndrom Wenn Menschen ihre Nächsten für Doppelgänger halten

Menschen mit Capgras-Syndrom erkennen ihre Nächsten zwar, doch sie halten sie für Betrüger, für Doppelgänger
Menschen mit Capgras-Syndrom erkennen ihre Nächsten zwar, doch sie halten sie für Betrüger, für Doppelgänger
© lambada / E+ / Getty Images
Menschen mit Capgras-Syndrom erkennen ihre Partner, ihre Eltern – und halten sie trotzdem für Betrüger. Forschenden erlaubt das Phänomen einen verblüffenden Blick ins Gehirn

Drei Wochen lang lag David Silvera im Koma. Ein Verkehrsunfall hatte den 30-jährigen US-Amerikaner kopfüber auf den Highway geschleudert und sein Leben aus der Bahn gerissen. Silvera hatte seinen rechten Arm verloren. Das rechte Scheitelbein, vorn am Schädel, war gebrochen. Das Gehirn erschüttert. Die Welt: erst einmal dunkel. 

Als David Silvera erwachte, begann ein mühsamer Rückweg: Sprache, Orientierung, Denken. Monat um Monat kehrte er zu seinem alten Ich zurück. Nach einem Jahr war der junge Mann wieder voll auf den Beinen. Wer ihm begegnete, sah keinen Umnachteten. Sondern einen normalen Kerl, der rechnen und schreiben konnte, kognitiv auf der Höhe. Und dessen Blick auf die Welt dennoch auf seltsame Weise verstellt war. 

Denn da standen sie vor ihm: seine Eltern. Sie hatten am Krankenbett gesessen, hatten ihn durch die Reha begleitet. Doch Silvera war überzeugt, dass es sich bei diesen Menschen um Doppelgänger handelte. "Dieser Mann sieht exakt aus wie mein Vater", sagte Silvera zu einem behandelnden Neurologen. "Aber er ist es wirklich nicht. Er ist ein netter Typ, aber er ist nicht mein Vater, Doktor." 

Das Capgras-Syndrom lässt Betroffene Misstrauen gegenüber vertrauten Menschen empfinden

Auf die Frage, aus welchem Grund ein Fremder sich als sein Vater ausgeben sollte, geriet Silvera kurz ins Grübeln, suchte nach einer Logik hinter dem Absurden. Vielleicht, so spekulierte er, habe sein echter Vater jemanden bezahlt, der sich um David kümmern solle, der all die Angelegenheiten regeln solle, die seit dem Autounfall anstanden. Es war gerade so, als versuche Silveras Gehirn einen Riss zu überbrücken, der in der neuen Wirklichkeit klaffte. 

Und doch gab es eine Tür, die in die alte Welt führte: das Telefon. Sobald David Silvera die Stimmen seiner Eltern hörte, war das Misstrauen verflogen. Am Hörer war der Vater wieder sein Vater, die Mutter wieder seine Mutter. Sobald David die beiden aber sah, kippte die Nähe. Und machte jener erschütternden Gewissheit Platz. 

Könnte man den Wahn des Sohnes vielleicht durch einen simplen Trick beheben, fragte sich Silveras Vater. Kurzerhand trat er den Versuch an und gab seinem Sohn recht, indem er mit fester Stimme sagte: "Der Mann, der all die Zeit bei dir gewesen ist, war tatsächlich ein Hochstapler. Aber nun habe ich ihn fortgeschickt. Nach China." Und tatsächlich, der Plan schien aufzugehen. Auf die Frage, wer ihn an diesem Tag in die Klinik gebracht habe, antwortete Silvera: "Mein Vater." Und wer sich zuvor um ihn gekümmert habe? "Dieser andere Mann. Er sah meinem Vater sehr ähnlich, aber jetzt ist er weg." Doch es dauerte bloß eine Woche, da kehrte der Wahn zurück. Der Hochstapler, so erklärte Silvera, sei erneut aufgetaucht. 

Was der junge Mann erlebte, war kein Einzelfall, sondern Folge einer bekannten, wenn auch seltenen Störung. In der Psychiatrie trägt das Phänomen einen Namen: Capgras-Syndrom. Benannt ist es nach dem französischen Psychiater Joseph Capgras, der 1923 erstmals eine Patientin beschrieb, die überzeugt war, ihr Ehemann, ihre Kinder und selbst entfernte Bekannte seien im Lauf der Jahre durch identisch aussehende Doppelgänger ersetzt worden. Capgras sprach von einer "illusion des sosies", der Doppelgänger-Illusion. 

Menschen mit diesem Syndrom erkennen vertraute Gesichter durchaus. Sie wissen, wie Vater, Mutter oder Partner aussehen. Und doch bestreiten sie deren Identität. Denn beim Betrachten der Verdächtigten will sich etwas Entscheidendes nicht einstellen: das Gefühl der Vertrautheit. Der Blick sagt Ja, das innere Erleben aber sagt Nein. Aus diesem Widerspruch entsteht eine Gewissheit, die für Außenstehende kaum nachvollziehbar ist: Wenn alles aussieht wie früher, sich aber vollkommen anders anfühlt, dann – so die zwingende Logik der Betroffenen – muss etwas nicht stimmen. Dann kann dieser Mensch nicht der sein, für den er sich ausgibt. 

Selten, aber folgenreich: Mitunter kippt der Wahn in Richtung Gewalt

Das Capgras-Syndrom gehört zu den sogenannten wahnhaften Fehlidentifikationssyndromen. Zwar tritt es höchst selten auf, vermehrt wird es im Zusammenhang mit Schizophrenien, schweren Depressionen oder neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer beschrieben. Doch hin und wieder – wie im Fall von David Silvera – folgt es auf Hirnverletzungen. In manchen Fällen kippt der Capgras-Wahn auch in offene Bedrohung. 

2022 wurde ein 28-jähriger Mann mit jahrelangem Cannabiskonsum in eine psychiatrische Klinik eingeliefert, nachdem er versucht hatte, seinen Nachbarn zu töten. Seit einigen Monaten schon war er auch seinen Eltern gegenüber immer aggressiver geworden, überzeugt davon, sie seien längst ermordet und durch Hochstapler ersetzt worden. Ein 24-jähriger US-Armeeveteran wiederum glaubte, seine Mutter sei durch Regierungsagenten ausgetauscht worden, die ihn zu Geständnissen über seine Militärzeit zwingen wollten; während des Klinikaufenthalts weitete sich der Wahn rasch auf die gesamte Familie aus. Und in Serbien entwickelten zwei Schwestern einen gemeinsamen Capgras-Wahn, griffen ihre Mutter an, brachen nach anfänglicher Besserung die Behandlung ab und wurden Jahre später erneut straffällig. 

Warum das Gehirn der Betroffenen zu jener verzerrten Gewissheit kommt, zum Gedanken an Hochstapler, Doppelgänger, Betrüger, versuchen Neurowissenschaftler seit Jahren zu ergründen. Und ihre Antwort führt tief hinein in die Mechanismen der Gesichtserkennung. Und in die Erkenntnis, dass Sehen allein nicht genügt, um einen Menschen als solchen zu erkennen.

Die derzeit überzeugendste Erklärung geht davon aus, dass das Gehirn die Wahrnehmung von Gesichtern über zwei getrennte Wege verarbeitet. Der erste ist der ventrale Pfad, die "Was-Bahn". Er führt vom visuellen Kortex in den unteren Schläfenlappen, zur Gesichtsregion. Hier analysiert das Denkorgan, wessen Gesicht wir sehen. Diese neuronale Bahn erlaubt die bewusste, kognitive Identifikation eines Menschen – Vater, Mutter, Partner. Bei David Silvera funktionierte sie einwandfrei. Er wusste, wie seine Eltern aussahen. Er erkannte jedes Detail.

Die zweite Route verläuft subtiler und ist für das Capgras-Syndrom entscheidend. Es ist der dorsale Pfad, die "Wie-fühle-ich-Bahn". Sie verbindet die Gesichtserkennungsareale mit dem limbischen System, insbesondere mit der Amygdala. Und hier entsteht das, was sich kaum in Worte fassen lässt: das Gefühl von Vertrautheit, Nähe, emotionaler Resonanz. Es ist jener leise innere Widerhall, der uns ohne Nachdenken vermittelt: Das ist meine Mutter.

Schweiß gibt Hinweise darauf, was im Gehirn der Betroffenen geschieht

Bei Menschen mit Capgras-Syndrom ist wahrscheinlich diese zweite Verbindung gestört. Die Folge ist ein neurobiologisches Paradox: Das vertraute Gesicht wird korrekt erkannt, aber es fühlt sich fremd an. Dass dieses Fehlen emotionaler Resonanz keine bloße Idee ist, sondern messbare Realität, zeigte sich auch bei David Silvera. Die behandelnden Neurologen führten einen einfachen physiologischen Test durch, der auf einem Prinzip beruht, das auch bei Lügendetektoren genutzt wird. Emotionale Erregung steigert kurzfristig den Schweißfluss und damit die elektrische Leitfähigkeit der Haut. Gesunde Menschen zeigen beim Anblick vertrauter Gesichter einen deutlichen Ausschlag. Silvera dagegen blieb völlig ungerührt, wenn er Fotografien seines Vaters betrachtete. Sein Körper reagierte nicht.

Doch weshalb ziehen manche Menschen mit Capgras-Syndrom daraus den drastischen Schluss, es müsse sich um Hochstapler handeln? Warum denken Betroffene nicht: Ich erkenne meine Mutter, aber mein Gefühl spielt mir Streiche?

Für einen Wahn, so eine Vermutung, braucht es mehr als eine irritierende Erfahrung. Es braucht zusätzlich ein Versagen jener Hirnmechanismen, die Einwände prüfen, Überzeugungen korrigieren oder im Zweifel ganz verwerfen. Genau jene Instanz im Kopf scheint bei Betroffenen nicht mehr zuverlässig einzugreifen. Hinweise, Widersprüche, Gegenbeweise: All das prallt an der einmal gefassten Erklärung ab.

Vermutet wird, dass dabei Hirnregionen im vorderen Stirnbereich eine Rolle spielen, die für kritisches Abwägen zuständig sind, für das Infragestellen eigener Annahmen, für die Fähigkeit zu sagen: "Vielleicht irre ich mich." Fällt dieses innere Korrektiv aus, bleibt die naheliegende, aber falsche Deutung bestehen. Auch wenn er nicht gerade plausibel ist, verfestigt sich der Gedanke an den Doppelgänger. Das Gehirn ist nicht mehr imstande, von der Vorstellung abzulassen.

Bei David Silvera blieb die Verunsicherung nicht auf seine Eltern beschränkt. Mitunter richtete sich der Zweifel auch gegen ihn selbst. Als ihm Ärzte ein älteres Foto zeigten – Silvera mit Schnurrbart, aufgenommen vor dem Unfall –, zögerte er nicht lange: Dieser Jemand gleiche ihm zwar, sei aber nicht er selbst, erklärte er. Manchmal sprach er im Alltag wie selbstverständlich von dem zweiten Ich. Einmal kam zum Beispiel ein Scheck bei ihm an. Der aber sei leider nicht an ihn adressiert, sagte Silvera, sondern an den "anderen David".