Bei scheinbar unlösbaren Problemen erhalten wir oft den Rat, eine Nacht darüber zu schlafen. Dahinter steht die Idee, dass wir im Schlaf Informationen verarbeiten und mit Erfahrungen und Wissen verknüpfen, um zu neuen Lösungen zu kommen. Dass ausreichend Schlaf für das Gedächtnis wichtig ist, ist schon länger bekannt. Aber gewinnen wir durch das wilde Assoziieren im Traum tatsächlich auch neue Einsichten? Bislang sind wissenschaftliche Studien, die das untermauern, rar.
Schließlich ist es naturgemäß schwierig zu untersuchen, inwiefern Träume zum Erkenntnisgewinn beitragen. Dazu müsste man die Versuchspersonen im richtigen Moment wecken, um festzustellen, ob sie von einem ungelösten Problem geträumt haben. Am nächsten Morgen sind die Nachtfantasien oft wieder vergessen.
Genau das haben Forschende der amerikanischen Northwestern University jetzt aber in einem sorgfältig geplanten Experiment getan. Dabei fokussierten sie sich auf Klarträumende. Das Ergebnis ihrer Studie, das im Fachmagazin "Neuroscience of Consciousness" erschienen ist, scheint nahezulegen, dass wir tatsächlich relevante Erkenntnisse im traumreichen REM-Schlaf gewinnen.
Klarträumer können im Traum mit Außenstehenden kommunizieren
Menschen, die Klarträume erleben, auch "luzide Träume" genannt, sind sich des Träumens im Traum selbst bewusst. Sie können dessen Inhalte sogar aktiv steuern. Vor allem aber erinnern sie sich nach dem Aufwachen häufig sehr deutlich daran und können sogar während des Traums durch vorher vereinbarte Zeichen mit Außenstehenden kommunizieren. Das wollten sich die Forschenden zunutze machen und baten 20 Klarträumende ins Labor.
Zunächst gaben sie den Probanden jeweils drei Minuten Zeit, um mehrere schwierige Rätsel zu lösen. Zu jedem Rätsel wurde ein eigener Soundtrack abgespielt. Die Methode heißt "Targeted Memory Reactivation" ("gezielte Gedächtnisreaktivierung"). Sie wird eingesetzt, um abstrakte Informationen, in diesem Fall ein Rätsel, mit sensorischen Hinweisreizen wie einem Geräusch zu verknüpfen.
Im Schlaf wurden den Probanden die Geräusche erneut vorgespielt
Als sich die Probanden nachts im Labor schlafen legten, wurde mittels eines Polysomnografen überwacht, wann sie träumten. Zudem wurden sie vor dem Einschlafen instruiert, an den entsprechenden Rätseln im Traum weiterzuarbeiten, wenn sie den dazugehörigen Ton hörten. Gegen vier Uhr wurden sie geweckt und zum Klarträumen angeleitet, was allerdings nur knapp einem Drittel gelang.
Sobald die Probanden anschließend wieder in eine traumreiche REM-Schlafphase glitten, bekamen sie die Hälfte der Soundtracks zu den noch ungelöst gebliebenen Rätseln vorgespielt. Auf diese Weise sollte das Gehirn an die Rätsel erinnert werden. Die andere Hälfte der ungelösten Rätsel diente als Kontrolle.
Jene Probanden, die beim Erklingen der Geräusche klarträumten, gaben zudem durch vorher vereinbarte Signale zu verstehen, dass sie das Geräusch vernommen hatten und sich im Traum dem Problem widmeten; zum Beispiel durch gezielte Augenbewegungen von links nach rechts oder wiederholtes, schnelles Ein- und Ausatmen. Nach der Traumphase wurden alle Probanden erneut geweckt und zu ihren Träumen befragt.
Geträumte Rätsel wurden deutlich häufiger gelöst
Offenbar ging die Strategie auf: 75 Prozent der Probanden gaben nach dem Aufwachen an, von den noch ungelösten Rätseln geträumt zu haben. Am häufigsten kamen wie erhofft die durch Geräusche induzierten Rätsel in den Träumen vor.
Am nächsten Morgen durften sich die Teilnehmenden erneut den kniffligen Aufgaben widmen. Dabei lösten sie 42 Prozent der Rätsel, die ihnen im Traum erschienen waren. Im Vergleich zu nur 15 Prozent Lösungsrate bei Rätseln, die nicht Gegenstand eines Traumes waren. Ein erstaunlicher Unterschied.
Die Forschenden räumen allerdings selbst ein, dass ihr Experiment nicht zweifelsfrei belegt, dass tatsächlich das Träumen zur Problemlösung geführt hat. Denkbar sei auch, dass vor allem jene, die besonders engagiert und neugierig auf des Rätsels Lösung waren, mit höherer Wahrscheinlichkeit davon träumten. Dann wäre der Ehrgeiz sowohl die Ursache für das Träumen als auch für das Finden der Lösung. Auch war die Zahl der Versuchsteilnehmer recht klein. Trotz dieser potenziellen Einschränkung sind die Forschenden zuversichtlich, dem Sinn des Träumens näher auf die Spur gekommen zu sein.
Wenn Traumfiguren bei der Lösungssuche helfen
Karen Konkoly, Hauptautorin der Studie, sagt in einer Pressemitteilung, sie habe vor allem überrascht, wie sehr die akustischen Signale auch "normale" Träume beeinflussten, nicht nur Klarträume: "Auch ohne Luzidität bat ein Träumer eine Traumfigur um Hilfe bei der Lösung des Rätsels, das wir ihm vorgaben. Ein anderer erhielt ein "Bäume"-Rätsel und wachte auf, als er davon träumte, durch einen Wald zu laufen. Eine weitere Träumerin erhielt ein Rätsel über einen Dschungel und wachte aus einem Traum auf, in dem sie im Dschungel fischte und über dieses Rätsel nachdachte."
Das sei vor allem deshalb faszinierend, so Konkoly, weil es zeige, dass sich auch nichtluzide Träume durch vorherige Instruktionen und Geräusche während des Schlafs teilweise steuern lassen. Mehr noch: Für die Lösungsfindung am nächsten Tag waren einfache Träume mit Rätselfragmenten sogar vorteilhafter als kontrollierte Rätselarbeit im Klartraum. Womöglich lassen sich Träume mit den richtigen Strategien gezielt nutzen, um auf neue Einfälle zu kommen und kreativer zu werden.
Als Nächstes wollen die Forschenden untersuchen, inwiefern sich die Emotionsverarbeitung und allgemeine Lernprozesse im Schlaf von außen beeinflussen lassen. Konkoly hofft, so noch mehr über die Funktion von Träumen herauszufinden. "Wenn Wissenschaftler definitiv sagen können, dass Träume für die Problemlösung, Kreativität und Emotionsregulation wichtig sind, werden die Menschen Träume hoffentlich als Priorität für die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden ernst nehmen."