Jede Frau in Deutschland kauft sich in ihrem Leben 145 Taschen oder bekommt sie geschenkt, lautet eine Schätzung. Handtaschen sind Kult, Alltagsgegenstand, individueller Stil, Überlebenshilfe. Manchmal könnte man das Gefühl haben, dass man in der eigenen Handtasche wohnt, so sehr spiegelt sie das Leben wider.
Genug Gründe, diesem gewöhnlich-ungewöhnlichen Ding eine Ausstellung zu widmen. Die startete gerade im Knauf-Museum Iphofen bei Würzburg und läuft noch bis zum 8. November 2026. Wir haben uns mit Museumsleiter Markus Mergenthaler unterhalten, der die Ausstellung zusammen mit der Kunst- und Modehistorikerin Adelheid Rascher kuratiert hat. Unter anderem darüber, welche begehrten Designs schon 80 Jahre alt sind und wieso das Innerste von Handtaschen für andere tabu ist.
GEO: Herr Mergenthaler, im Band zu Ihrer Ausstellung steht, in Deutschland dürften zwischen 200 und 400 Millionen Handtaschen in Schränken schlummern. Das sind ja irre Zahlen. Was macht die Faszination von Handtaschen aus?
Markus Mergenthaler: Ich glaube, Karl Lagerfeld hat einmal gesagt: Sie brauchen eigentlich bloß zwei teure Handtaschen, eine braune und eine schwarze. Heute dagegen ist der Bedarf nach unterschiedlichen Taschen sehr groß. Ich muss dazu sagen: Ich bin ein Mann und trage keine Handtasche. Aber ich kann die Faszination beobachten. Ich weiß, wie meine Frau reagiert, wenn sie eine neue Handtasche bekommt. Ganz wichtig ist die Form, das Material, das Design, die Farbe. Im Grunde sind es diese immer neuen Trends, die die Faszination ausmachen.
Aber warum gibt es ausgerechnet um diesen einen Gegenstand so einen Kult?
Das rührt vermutlich aus der Zeit, als die Handtasche zum Gürtel und den Schuhen passen sollte – weswegen man immer wieder neue Handtaschen brauchte. Und dann gibt es echte Klassiker, getragen von berühmten Frauen wie Lady Di oder Grace Kelly. Diese Taschen gibt es bis heute.
Sie sprechen von der Körperlichkeit von Handtaschen: Man trägt sie nah am Körper, hat sie immer dabei.
Ja, da steckt Leben drin. Manche tragen in der Handtasche auch die Ersatzreifen spazieren, nicht? (lacht). Ernsthaft: Jede Frau sucht sich ihre Handtasche, und nicht jede Tasche passt zu jeder Frau. Es gibt sogar figurenbetonende Handtaschen. Ich kann – entschuldigen Sie, wenn ich das so direkt sage –, einer dicken Frau keine riesige Handtasche in die Hand drücken. Sie braucht etwas Schmaleres, das zu ihr passt. Im Vorfeld der Ausstellung habe ich mich in die Taschenabteilung eines großen Modehauses gesetzt und einfach mal beobachtet. Was mich überrascht hat: Irgendwann bekommt man einen Blick dafür, welche Frau zu welcher Tasche greifen wird.
Die Handtaschen, die wir heute kennen, sind eigentlich eine Entwicklung der letzten 100 Jahre.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts veränderte sich die Kleidung der Frau. Bis dahin hat man sehr große, ausladende Kleider getragen, und die hatten häufig Innentaschen. Man konnte diverse Kleinigkeiten und Accessoires darin verstauen. Dann wurden die Kleider schmaler, schlichter und hatten keine Taschen mehr. Vielleicht kennen Sie Bilder von Frauen um 1900, die trugen oft einen Beutel am Handgelenk. Diesen Beutel würde ich zu den Vorläufern der Handtasche zählen. Übrigens waren darin noch keine Schminksachen: Schminken in der Öffentlichkeit war tabu, das hat man zu Hause gemacht. Die Handtasche an und für sich beginnt erst um 1900. Von damals ist auch unser ältestes Exponat.
Wie sieht die Tasche aus?
Ein wenig wie eine kleine Reisetasche oder eine klassische Arzttasche, mit Klappverschluss oben. Die ersten Handtaschenhersteller waren eigentlich alle Koffermacher. Die damals riesigen Schrankkoffer zum Reisen wurden etwa von Louis Vuitton hergestellt. Erst in den 1920er-Jahren hat man bewusst Frauen mit Handtaschen ausgestattet. Und plötzlich gab es auch eine neue Vielfalt.
Inwiefern?
Die ersten Handtaschen waren aus Metall wie Silber und ganz schmal gehalten. Dank neuer Techniken konnte man es verweben, verknüpfen und sogar bedrucken. Es gab Handtaschen aus Stoff, manchmal mit kleinen Glasstiften verziert, oder komplett aus Perlen hergestellt.
Wieso kam die Handtasche ausgerechnet in dieser Zeit auf?
Wenige Männer kamen aus dem Ersten Weltkrieg zurück, und die Rolle der Frau veränderte sich total. Frauen waren jetzt berufstätig und übernahmen viele wichtige Aufgaben. Und mit diesen Aufgaben verband sich die Handtasche ganz praktisch, weil man mehr Dinge hatte, die man irgendwohin mitnehmen musste.
Unerreichbare Klassiker und neue Ikonen
Die Menschen waren ja auch früher schon mobil. Im Frühmittelalter hatte jeder in der Regel ein Tuch bei sich, in dem der Löffel und das Brot steckte.
Wenn ich ganz tief einsteigen möchte, müsste ich bei Ötzi anfangen. Denn auch der hatte eine Art Umhängetasche dabei. Wir haben bei uns im Haus eine Reliefsammlung, etwa aus der Zeit zwischen 2500 v. Chr. und 1000 n. Chr. Auf diesen Reliefs sieht man ebenfalls Menschen, magische Wesen oder Götterfiguren, die mit irgendwelchen Behältern ausgestattet sind. Ich denke zum Beispiel an die Genien aus Mesopotamien, die als Samensammler dargestellt werden. Unsere Besucher sagen dann: Schau, der hat seine Handtasche dabei. Aber das waren eigentlich Kessel. Wir haben mit dem Jahr 1920 einen klaren Schnitt gemacht, weil man irgendwo anfangen muss und weil man ab diesem Zeitpunkt tatsächlich von Handtaschen gesprochen hat. Die ersten waren übrigens sehr nachhaltig, wie man heute sagen würde.
Was meinen Sie damit?
Im Grunde waren diese ersten Handtaschen Recyclingprodukte aus den früheren Beuteln. Man hat die alten Metallteile verwendet, den typischen Geldbeutel-Schnappverschluss zum Beispiel, wenn Sie den noch kennen. Und dann hat man Silbergewebe daruntergelegt, sie mit neuen Stoffmustern versehen und mit Fransen oder Perlen verziert. Man hat in dieser Anfangszeit sehr viel herumexperimentiert. Eine Handtasche war ein Sammelsurium aus alten Taschen und anderen Dingen. Die Industrialisierung beginnt erst in den 1930er- und 40er-Jahren, mit Louis Vuitton und Gucci. Und der Hype ging erst richtig los in den 1950er-Jahren.
Damals sind Modelle entstanden, die bis heute heiß begehrt sind.
Genau. Ein Beispiel dafür ist ein Modell von Hermès, das hatte ursprünglich nur eine Nummer. Aber dann hat Grace Kelly, Schauspielerin und Fürstin Monacos, diese Handtasche sehr viel getragen. Weil sie sich vielleicht wohl damit gefühlt hat, sie ihr gestanden hat und weil es die Handtasche in zwei Farben gab, sie also hin- und herwechseln konnte. Und davon wurden dann sehr viele Fotos geschossen. Hermès hat die Tasche schließlich in "Kelly Bag" umbenannt, und das Modell wurde selbst zu einer Ikone. Das kann man über andere Taschen ähnlich erzählen, Gucci etwa oder das Modell Chanel 2.55 mit dem typischen Steppmuster, ebenfalls ein ganz berühmtes Ding. Manche Taschendesigns sind 80 Jahre alt und werden heute noch produziert.
Gleichzeitig mit den Designer-Handtaschen gab es auf einmal Massenmedien, Starkult, Hochglanzmagazine.
So ist es. Wenn Sie es aus Sicht des Marketings betrachten, ist das natürlich ein sehr raffinierter Schachzug: einem Modell einen Namen geben, es zum Knaller machen, damit jeder es haben will. Der Kracher schlechthin ist für mich die Birkin Bag, besser geht es nicht. Wir haben auch eine "Birkin". Letztens hatten wir Frauen in der Ausstellung, die wurden bei deren Anblick ganz nervös. So ein Hype um eine blöde Tasche – Entschuldigung, ich sage das jetzt mal so –, das ist einfach geniales Marketing.
Wieso ist ausgerechnet die "Birkin" so berühmt?
Deren Geschichte geht so: Die Schauspielerin und Sängerin Jane Birkin fliegt von New York nach Paris. Neben ihr sitzt zufälligerweise der Chefdesigner von Hermès. Birkin ist gerade Mutter geworden und beschwert sich bei ihm: Es gebe im Moment keine gescheite Handtasche für sie, weil sie so viel für ihr Kind dabei hat. Der Designer ruft sie zwei Wochen später an und sagt: "Ich habe dir eine gemacht." So kam die Birkin Bag in die Welt. Die ersten hatten übrigens ein Fach für Babyfläschchen.
Man kann eine "Birkin" nicht einfach kaufen.
Möchte man eine "Birkin" haben, muss man zuerst ein sehr guter Kunde bei Hermès sein. Man macht eine Anzahlung und wartet mehrere Jahre. Erst dann kriegt man eine Tasche zugewiesen, nicht mal die Farbe kann man sich aussuchen. Das scheint aber egal zu sein, Hauptsache, es ist eine "Birkin". Dabei gibt es eigentlich keinen Grund, warum das Angebot so knapp sein muss.
Ist eine Handtasche ein Ausdruck des Zeitgeists, in dem sie entsteht?
Selbstverständlich. Ein Beispiel: In den 1950er- und 60er-Jahren war es gang und gäbe, Taschen aus Krokodilleder zu besitzen, wir sind ja von der Zeit der Kolonien nicht weit entfernt. Heute würde kaum ein Mensch mit einer Krokodiltasche durch die Stadt laufen. Jede Dekade hat ihr Design, ihren Ausdruck. Ein Lieblingsding von mir: der sogenannte Space-Look, inspiriert vom Raumfahrtprogramm. Man nimmt damals Materialien, die man aus der Raumfahrt kennt, und fügt sie in verrückten Designs zusammen, Netze aus Metallkreisen zum Beispiel. In den 1970ern tauchen große Handtaschen mit Kunststoffgriffen auf, mit Mustern, die an eine schlechte Wohnzimmertapete erinnern. Zum Davonlaufen! Die 1980er schließlich mit der Birkin Bag und ganz extravaganten Designs, wo zum Beispiel eine Zeitschrift zu einer Handtasche umgearbeitet wird. Und nimmt man die 1990er bis zum heutigen Tag, entwickelt sich die Handtasche von einem Aufbewahrungsgegenstand zum Ausdruck von persönlichem Stil. Die Handtasche passt zur momentanen Stimmung, zur Jahreszeit. Eine Frau hat nun nicht mehr zwei Exemplare, sondern zehn – eine richtige Explosion des Angebots, der Formen und Materialien.
Und heute hängt man kleine Plüschmonster an die Handtasche. Ein Accessoire fürs Accessoire.
Man hat auch früher Handtaschen aufgepeppt, zum Beispiel Tücher drangebunden. Und Hermès hat schon in den 1930er-Jahren Schlösschen an die Taschen gehängt.
Heute beschäftigen "Superfakes" sogar den Zoll. Was macht sie aus?
Das sind Handtaschen, die extrem gut gefälscht sind. Die Klassiker sind wahnsinnig teuer, sie können gebraucht noch 80.000 Euro kosten. Für Fakes zahlt man einen Bruchteil. Ich habe das selbst ausprobiert. Zu Nikolaus wollte ich meiner Frau etwas schenken und bestellte ihr eine Birkin Bag in China für 80 Euro. Tatsächlich lag sie innerhalb einer Woche an der Haustür. Später habe ich sie neben die Original-Birkin aus unserer Ausstellung gestellt. Man bemerkt schon einen Unterschied: Auf dem Fake steht kein Markenlogo, und das Zertifikat fehlt – eine wertvolle Tasche wie die Birkin hat sozusagen einen Personalausweis mit Nummer, Produktionsjahr und dem Namen der Person, die sie verpackt hat. Auch das Leder der chinesischen Tasche ist etwas steifer. Aber die Innenausstattung ist genau gleich. Wenn Sie die beiden Taschen nebeneinander sehen und sie nicht anfassen – dann fällt es überhaupt nicht auf.
In der Popkultur erscheinen Handtaschen immer wieder als rätselhaftes Ding. Hermine in "Harry Potter" zaubert aus ihrer eine ganze Welt. Wieso ist die Handtasche so ein Mysterium?
Weil sie für Männer tabu ist. Was eine Frau in ihrer Handtasche herumträgt, geht einen Mann nichts an. Das Innenleben einer Handtasche füllt sich mit den merkwürdigsten Dingen: Eintrittskarten, Spiegel, Kopfschmerztabletten, benutzten Tempo-Taschentüchern, Schminkaccessoires, Quittungen, Schnullern, Schlüsseln, Süßigkeiten. Es gibt sogar Fusselbälle, die das Innere reinigen sollen.
Sie meinen, Handtaschen haben etwas Intimes, aber auch ein wenig Schmuddeliges an sich?
Für einen Film in der Ausstellung haben wir Frauen gebeten, den Inhalt ihrer Handtasche auszukippen. Manche Frauen waren selbst erstaunt, was sie alles darin gefunden haben. Die haben regelrecht Archäologie in ihrer Handtasche betrieben. Das ist amüsant, weil man sich darin wiedererkennt. Wir wollten aber auch niemanden vorführen, deshalb blieb unser Experiment anonym.
Wieso schleppen Frauen so viel mit sich herum, wenn Männer scheinbar mit Portemonnaie und Schlüssel auskommen?
Ich denke, das hat mit der Rolle der Frau zu tun. Früher ging eine Dame abends aus und hatte nicht viel mehr als ein Taschentüchlein und die Tanzkarte dabei. Das Geld steckte der Mann ein, denn er bezahlte. Heute ist eine Frau selbstständig, besitzt mehr Dinge. Jetzt könnten Sie dagegenhalten: Aber wie hat sich die Rolle des Mannes verändert, warum hat der nicht mehr dabei? Ganz einfach: Die Frau organisiert neben ihrem Job häufig noch die Familie. Sie geht nach der Arbeit in die Apotheke, in den Supermarkt, die Kinder abholen.
Also ist die Vielfalt von Handtaschen nicht nur geniales Marketing von Modedesignern, sondern hat ganz lebensweltliche Gründe?
Auf jeden Fall. Ich profitiere ja selbst davon: Ich mag es nicht, wenn die Hosentaschen von der Geldbörse und anderen Dingen ausbeulen. Wenn man eine Frau mit Handtasche hat, kann man ihr alles in die Hand drücken und sagen: "Steck das mal ein." Braucht man es wieder, schreit man danach: "Hast du mal den Autoschlüssel, die Geldbörse?" Die Zeiten, in denen Frauen ans Heim gebunden waren, sind Gott sei Dank vorbei. Frauen sind heute eigenständige Manager mit vielen Tätigkeiten und Aufgaben – und die brauchen Platz.