Eine Person ist nicht mehr ansprechbar, und nun liegt es an Ihnen, zu helfen – in diese Situation will man nicht kommen, allzu lang her ist meist der letzte Erste-Hilfe-Kurs, nur noch an wenig kann man sich erinnern. Und doch muss sich jeder und jede darauf vorbereiten, eines Tages in solch eine Situation zu geraten.
Leider helfen dabei auch nicht die medialen Vorbilder, wie nun eine US-Studie im Fachmagazin "Circulation: Population Health and Outcomes" offenbart. Forschende der Universiät Pittsburgh hatten sich 169 TV-Episoden angeschaut. In weniger als 30 Prozent der fiktiven Fälle wurde die Reanimation entsprechend den in den USA geltenden Empfehlungen durchgeführt.
Auch sonst gebe das Fernsehen einen falschen Eindruck solcher Notfallsituationen, sagen die Forschenden. In den TV-Serien finden Notfälle oftmals in der Öffentlichkeit statt, dabei sollte man sich darauf einstellen, eine Reanimation in den eigenen vier Wänden durchzuführen, denn die Mehrzahl der Kreislaufstillstände außerhalb von Krankenhäusern passieren im privaten Bereich. Auch bedürften in der Fiktion vor allem junge Menschen einer Reanimation, in der Wirklichkeit sind es aber eher ältere.
Womöglich haben diese verzerrenden Vorbilder sogar konkrete negative Folgen. Denn die Studie offenbart: Im Fernsehen werden die Rettungsmaßnahmen vor allem an weißen Männern vorgenommen. Dies könnte die Bereitschaft von Menschen prägen, wem sie eine Reanimation geben, denn zumindest für die USA ist nachgewiesen, dass Frauen und Schwarze weitaus seltener lebensrettende Maßnahmen erhalten.
Solcherart deprimierende Fakten sorgen eher zusätzlich für Furcht und Überforderung vor einer Notfallsituation. Zu groß scheint die Gefahr, etwas falsch machen zu können. Dabei geben Fachgesellschaften eine klare Empfehlung, worauf sich Laien bei einer Reanimation konzentrieren sollten. Wenn Sie sich nur zwei Maßnahmen merken wollen, dann diese: Erstens – Notruf wählen. Zweitens – drücken, drücken, drücken.
Stellen Sie sich vor, Sie finden eine Person, die nicht ansprechbar ist. Achten Sie zunächst darauf, dass die Situation für Sie sicher ist, zum Beipiel nicht mitten auf einer Straße stattfindet. Dies vorausgesetzt, sprechen Sie die Person an. Reagiert sie nicht, dann zögern Sie nicht: Wählen Sie die Notrufnummer!
Allzu viele Menschen versuchen zunächst, die Situation vollständig zu verstehen, bevor sie das Notrufsystem belasten. Doch es gilt: Lieber einmal zu viel anrufen als einmal zu spät. Je schneller professionelle Hilfe eintrifft, umso besser. Und die Person am anderen Ende der Leitung wird Ihnen bei den folgenden Schritten behilflich sein. Sie wird Sie durch die nächsten Minuten führen, beraten, unterstützen. Sollte sich herausstellen, dass in der betreffenden Situation keine Rettungsmaßnahmen nötig sind, werden die Einsatzkräfte Verständnis dafür haben.
Der Rettungsdienst fordert Sie vermutlich auf zu prüfen, ob die hilflose Person normal atmet. Wenn nicht, heißt es: drücken, drücken, drücken. Dies sollten Sie auch befolgen, wenn Sie nicht sofort einen Rettungsdienst erreichen. Beginnen Sie zügig mit der Herzdruckmassage, und unterbrechen Sie diese möglichst wenig, bis die Sanitäter eintreffen.
Aber, so mögen Sie nun einwenden, im Erste-Hilfe-Kurs haben Sie einst eine genaue Routine noch weiterer, einzelner Schritte gelernt, die nacheinander auszuführen sind. Falls Sie diese noch beherrschen, Gratulation, wenden Sie das Gelernte gerne an. Doch viele Menschen erinnern sich nur vage an die Vorgaben oder sorgen sich im Ernstfall, durch Abweichungen davon großen Schaden zu verursachen. In dem Fall heißt es: Vergessen Sie alles andere und konzentrieren Sie sich auf die Herzdruckmassage.
Die früher gelehrten Vorgaben haben sich als zu komplex und kleinteilig für Laien erwiesen. Beispiel: Puls suchen. Profis können einen Kreislaufstillstand in Sekundenschnelle sicher feststellen. Für Laien hingegen ist dies eine Herausforderung: Wo war noch mal der Punkt, wie lege ich meine Finger darauf? Ist da wirklich kein Puls, oder suche ich nur am falschen Ort? So verstreicht wertvolle Zeit. Falls Sie also nicht darin geübt sind, einen Puls zu messen: Lassen Sie es. Beginnen Sie direkt mit der Herzdruckmassage. Sie brauchen den Puls auch nicht zwischendurch zu checken. Vermeiden Sie jede Unterbrechung des Drückens.
Leichter überprüfen lässt sich der Atem. Doch selbst dieser ist für Laien nicht sicher einzuschätzen. Ist die Atmung normal oder nicht normal – und was bedeutet Letzteres überhaupt? Instinktiv will sicher niemand einem anderen eine Herzdruckmassage geben, der diese gar nicht braucht. Doch es sollte genau andersrum sein: Wenn auch nur der Verdacht besteht, dass die Person einen Kreislaufstillstand haben könnte und zu wenig Luft erhält, dann beginnen Sie unverzüglich mit der Herzdruckmassage. Gehen Sie nicht auf Nummer sicher, indem Sie wiederholt die Atmung checken. Schaden können Sie damit eher nicht, und angesichts der Möglichkeit, ein Menschenleben zu retten, ist das zu vernachlässigen und für Sie auch juristisch kein Risiko. Also: Verzetteln Sie sich nicht mit irgendwelchen Untersuchungen. Je früher Sie mit der Herzdruckmassage beginnen, umso besser sind die Überlebenschancen.
Aber, nächster Einwand, müssen Sie nicht Mund-zu-Mund-Beatmung durchführen? Der Deutsche Rat für Wiederbelebung empfiehlt: "Wenn Sie in Beatmung geschult sind, wechseln Sie zwischen 30 Kompressionen und 2 effektiven Beatmungen. Wenn Sie NICHT in Beatmung geschult sind, leisten Sie nur ununterbrochene Herzdruckmassage."
Viele Helfenden haben Hemmungen, ihre Lippen auf die anderer Menschen zu pressen. Oft gelingt es ihnen nicht auf Anhieb, die Münder korrekt abzudichten, etwa wenn eine Person einen gewaltigen Bart hat. Die Beatmung ist fehleranfällig. Wenn Sie damit vertraut sind, seien Sie mutig, drücken Sie 30 Mal und beatmen dann zweimal. Wenn Sie dadurch aber Zeit bei der Herzdruckmassage verlieren, dann bleiben Sie bei dieser. Sie tun allein dadurch schon sehr viel Gutes.
Im Idealfall sind Sie als Ersthelfer nicht allein. Sprechen Sie Menschen direkt an, verteilen Sie Aufgaben: Eine Person ruft den Notdienst, eine Person drückt, eine Person beatmet, eine Person sucht einen öffentlichen Defibrillator, kurz AED. Auch bei diesem gilt: Haben Sie keine Angst, das Gerät wurde eigens für Menschen wie Sie entworfen, die keine Erfahrung damit haben. Es erklärt Ihnen genau, was zu tun ist. Auch einen Stromschlag werden Sie nicht erhalten, wenn Sie sich an die Vorgaben halten.
Aber: Wenn Sie allein sind, machen Sie sich nicht auf die Suche nach einem AED, sondern konzentrieren Sie sich auf die Herzdruckmassage, am besten im Gespräch mit der Notrufleitstelle. Bis der Rettungssanitätsdienst eintrifft, halten Sie sich am Rhythmus des Bee-Gees-Songs: "Ah, ah, ah, ah, stayin' alive, stayin' alive …"