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Alt und allein: Wen die Hitzewelle am meisten trifft

In Deutschland sterben jedes Jahr mehr Menschen an den Folgen von Hitze als im Straßenverkehr. Als besonders gefährdet gelten ältere oder kranke Menschen, die allein wohnen.
In Deutschland sterben jedes Jahr mehr Menschen an den Folgen von Hitze als im Straßenverkehr. Als besonders gefährdet gelten ältere oder kranke Menschen, die allein wohnen.
© mauritius images / STOCK4B
Jährlich sterben fast 7000 Menschen in Deutschland an den Folgen von Hitze. Gefährdet sind vor allem ältere alleinlebende Menschen. Was können Städte dagegen tun?
Stella Schalamon

Im Sommer 1995 erreichte eine Hitzewelle Chicago, die den Menschen in der Stadt bis heute im Gedächtnis geblieben ist: Auf bis 46 Grad Celsius stiegen die Temperaturen in der US-Stadt. Feuerwehrleute spritzten Schulkinder mit Wasser nass, Stromnetze fielen aus, Zugschienen verbogen sich. Mehr als 700 Menschen starben, besonders ältere, die allein gelebt hatten. Sie wurden Opfer der extremen Hitze.

Der Soziologe Eric Klinenberg hat die Katastrophe von Chicago untersucht. Er verglich zwei ähnliche Stadtteile, die unterschiedlich durch die Hitzewelle kamen. Im ersten zogen sich die Bewohner*innen, vor allem Ältere, in ihre Häuser zurück, als die Hitze kam. Sie waren es nicht gewohnt, nach den Menschen zu sehen, die in den Häusern neben ihnen lebten. In diesem Stadtteil kamen relativ viele Menschen ums Leben.  

Im anderen Stadtteil, ähnlich arm wie der erste, war die Überlebensrate hingegen höher als in vielen reicheren Vierteln. Hier gab es eine belebte soziale Infrastruktur aus Restaurants, Kirchen und Vereinen. Man kannte sich in der Nachbarschaft und achtete aufeinander, auch während der Hitzewelle.

Das Wetter in Chicago sei extrem gewesen, schlussfolgert Klinenberg. „Doch die tieferen Ursachen der Tragödie waren die alltäglichen Katastrophen, die die Stadt toleriert, als selbstverständlich hingenommen oder offiziell vergessen hat.“

Neun Millionen Menschen gelten in Deutschland als gefährdet

In Deutschland sterben jedes Jahr fast 7000 Menschen an den Folgen von Hitze, mehr als doppelt so viele wie im Straßenverkehr. Als besonders gefährdet gelten ältere oder kranke Menschen, die allein wohnen. Das Recherchezentrum Correctiv schätzt ihre Zahl bundesweit auf neun Millionen.

Der Körper eines gesunden Menschen kann die derzeitigen Temperaturen noch aushalten. Ältere Menschen können jedoch nicht mehr gut schwitzen, um abzukühlen. Bei kranken Menschen verschlimmert Hitze die Symptome. In den nächsten Jahren werden die Hitzeperioden durch den Klimawandel zunehmen, die Temperaturen weiter steigen. Besonders schlimm ist es in den Städten, wo Asphalt und Beton verhindern, dass Wasser verdunsten oder Luft zirkulieren kann, um sie zu kühlen. Wie können sozial isolierte Menschen dort besser geschützt werden?

Kurzfristige Maßnahmen können die Hitzewelle nicht abwenden, aber helfen, sie besser zu überstehen. Städte müssen nicht nur grüner werden, sondern auch sozialer. Kommunen in Frankreich sind ein gutes Beispiel. Nach dem extremen Hitzesommer 2003, in dem dort mindestens 20.000 Menschen starben, manche von ihnen erst Tage später tot in ihren Wohnungen entdeckt wurden, haben sich die Kommunen verpflichtet, zu helfen. Gefährdete Menschen können sich in ihrer Stadt anmelden. Wenn die Temperaturen steigen, rufen Sozialarbeiter*innen täglich bei ihnen an, versorgen sie mit Ventilatoren oder Wasser. Rathäuser bieten kühle Räume an, in denen man sich während der hohen Hitze tagsüber aufhalten kann.

Hitzebedingte Übersterblichkeit in Frankreich stagniert

„Die hitzebedingte Übersterblichkeit konnte bei den über 75-Jährigen relativ stabil gehalten werden – ein Indiz dafür, dass die Maßnahmen des Hitzeaktionsplans greifen“, sagt Dea Niebuhr, Professorin für Health Technology Assessment und Gesundheitssystemdesign an der Hochschule Fulda. Allerdings melden sich die Menschen freiwillig an. Sehr stark gefährdete Personen, die oft sozial isoliert leben und einen geringen sozioökonomischen Status haben, erreiche man so kaum.

In Deutschland haben erste Städte wie Köln, Mannheim und Augsburg ähnliche Pläne wie in Frankreich entwickelt. Doch nur jeder fünfte Landkreis verfügt laut Recherchen von ZEIT ONLINE über ein Konzept, wie gefährdete Gruppen während Hitzeperioden geschützt werden können. Ein bundesweites war nie vorgesehen.

Was man bei Hitze für Mitmenschen tun kann? Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe rät Bürger*innen bei hohen Temperaturen auf die Menschen in ihrem Umfeld zu achten, die zu den besonders gefährdeten Personengruppen zählen. Um bei gesundheitlichen Problemen rechtzeitig eingreifen zu können, solle man sie regelmäßig besuchen oder anrufen.


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