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Erdzeitalter Anthropozän: Wie der Mensch die Erde formt und so ein neues Zeitalter schafft

Blick auf Dubai - Sinnbild für das Anthropozän
Megycity Dubai: Wo früher nur Sand und Wüste herrschten, ragen heute mächtige Wolkenkratzer in den Himmel
© stefanholm - Adobe Stock
Künstliches Licht, Industrialisierung, Veränderung der Erdoberfläche, Klimawandel – die Auswirkungen menschlichen Handelns auf die Erde sind groß und offensichtlich. Grund genug für die Wissenschaft, über das offizielle Einläuten einer neuen Erdepoche nachzudenken: Anthropozän, das Zeitalter des Menschen

Verglichen mit den Dinosauriern ist der Mensch als Homo sapiens erst seit Kurzem auf der Erde unterwegs: Rund 300.000 Jahre. Der Dinosaurier bringt es immerhin auf rund 250 Millionen Jahre. Und betrachtet man sich die jüngste Eiszeit, schmilzt der vermeintliche Vorsprung des Menschen in der Hitliste der Evolution noch stärker.

Erst vor etwa 11.700 Jahren zog sich der Eispanzer nach gut 100.000 Jahren Dauerfrost über den Kontinenten zurück und ermöglichte damit den Menschen ihre Entwicklung bis zum heutigen Stand.

Holozän markiert das Ende der Eiszeit

Damit begann das Holozän als aktuelle Epoche und Warmzeit des Planeten. Der Begriff stammt aus dem Altgriechischen, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts vom französischen Zoologen Paul Gervais geprägt und bedeutet sinngemäß "das Neue".

Neben Erdepochen als kurzen Zeiträumen gibt es noch Erdperioden als längere Zeiträume und Erdzeitalter als Begriff für die vier langen Abschnitte der Erdgeschichte: Erdfrühtum, Erdaltertum, Erdmittelalter und Erdneuzeit.

Anthropozän als nächster Schritt im Erdzeitalter

Aktuell leben wir demnach in der Erdneuzeit, in der Periode "Quartiär" und in der Epoche "Holozän" – noch. Denn wenn es nach der Subcommission on Qaternary Stratigraphy (SQS) geht, dann wird dieser Begriff alsbald Geschichte sein und vom "Anthropozän" abgelöst: der neuen, menschengemachten Epoche im Erdzeitalter. Die Wortkombination entstammt aus dem Griechischen von Anthropos für "Mensch" und kainos für "neu".

Immerhin stimmten auf einer Konferenz dazu im Jahr 2019 insgesamt 29 Mitgliederinnen und Mitglieder von insgesamt 34 Stimmberechtigten für diese mögliche inhaltliche Namensänderung. Der Einfluss des Menschen auf die Erde sei global nachweisbar und teilweise unumkehrbar.

Das letzte Wort dazu hat nun die International Union of Geological Sciences (IUGS), die den Vorschlag ratifizieren, also für verbindlich, erklären kann. Was aber sind die Gründe und Auslöser für den diskutierten Umschwung aus dem Holozän ins Anthropozän?

Paul J. Crutzen prägte den Begriff "Anthropozän"

Aufgebracht hat den Begriff der niederländische Chemiker, Atmosphärenforscher und Nobelpreisträger Paul J. Crutzen (1933 – 2021). Er sprach auf einer Konferenz in Mexiko von einem neuen Zeitalter des Menschen. "Wir Menschen sitzen jetzt am Steuer....wir sind uns jetzt bewusst, was wir da machen", so Crutzen. Die Einflüsse des Menschen auf die Erde seien nicht mehr übersehbar und langfristig vorhanden. Damit sei der Mensch ein geologischer Faktor geworden.

Tatsächlich werden die unterschiedlichen Zeiträume der Erdgeschichte vor allem anhand von Ablagerungen und Spuren in Sedimenten wie Bohrkernen oder in Gesteinsschichten bestimmt, datiert und festgelegt. Die Ära der Dinosaurier und auch die Zeitspanne ihrer Existenz bis zum Aussterben lassen sich auf diese Art nachvollziehen.

Der Mensch hinterlässt seine Spuren auf dem Planeten

Nach Ansicht von Geologinnen, Wissenschaftlern und Forschenden hinterlässt inzwischen auch der Mensch diese dauerhaften "Lesezeichen" als Fingerabdruck in der Erdgeschichte. Dazu gehören unter anderem:

  • Umwelteinflüsse wie Flugasche aus der industriellen Produktion
  • Kunststoffe und Mikroplastik
  • neue Stoffe wie Beton und Aluminium
  • radioaktive Strahlung aus der Zeit der oberirdischen Atomwaffentests

Paul J. Crutzen schreibt zu den Auswirkungen des menschlichen Handelns auf die Erde in einem vielzitierten Artikel aus dem Jahr 2002 in der Zeitschrift "Nature": "Durch die anthropogenen CO2-Emissionen könnte das globale Klima für viele Jahrtausende erheblich von seiner natürlichen Entwicklung abweichen. Es scheint daher angebracht, die gegenwärtige, in vielerlei Hinsicht menschlich geologisch dominierte Epoche als "Anthropozän" zu bezeichnen."

Der Klimawandel macht Erde und Menschen zu schaffen

Ein wichtiger Punkt ist der Klimawandel. Durch mehr CO2 aus der Industrialisierung in der Atmosphäre steigt nicht nur die weltweite Temperatur. Auch die Ozeane versauern wegen der zunehmenden Aufnahme von CO2 aus der Luft. Dadurch entsteht im Wasser Kohlensäure. Schalenbildende Tierarten wie Schnecken, Muscheln oder Plankton lösen sich auf und Korallen können bei zunehmender Versauerung keine Riffe mehr bilden.

Als Resultat werden in zukünftigen Gesteinsablagerungen diese Kalkschichten fehlen. Forschende sprechen in diesem Zusammenhang auch von der "Riff-Lücke". Eine solche Anomalie zeigt sich in der bisherigen Erdgeschichte vor jeder einschneidenden Veränderung des Weltklimas.

Die Landwirtschaft verändert die Oberfläche der Erde

Als weitere Indizien für eine menschengemachte Erdepoche werden die Verschleppung von Arten, das Artensterben und die Ausbreitung von Krankheiten durch neue Verkehrs- und Handelswege gesehen. Aber auch der Raubbau an Ressourcen wie die Überfischung oder der Verlust an natürlichen Flächen durch Städtebau und Landwirtschaft sind die Folge. NachBerechnungen des bekannten US-Umweltwissenschaftlers Erle C. Ellis sind aktuell rund 75 Prozent der bewohnbaren Erdoberfläche vom Menschen verändert, kulturell und technisch beplant.

Während die offiziellen Gremien noch in der Entscheidungsfindung sind, ob es überhaupt die neue Erdepoche Anthropozän geben soll, streiten Expertinnen und Experten weiterhin über den Beginn dieser Zeitrechnung. Einige sehen den Beginn des Anthropozäns in der Kolonialisierung der Neuen Welt im Jahr 1680 durch die Verbreitung von neuen Krankheiten unter den Ureinwohnern. Andere sprechen sich für den Beginn der Industrialisierung Anfang des 19. Jahrhunderts aus und wieder andere sehen die Radioaktivität der Atomtests im Kalten Krieg als den richtigen Zeitpunkt an.

Der Begriff "Anthropozän" steht in der Kritik

Dass ein solcher Begriff überhaupt notwendig ist, wird von Seiten der Geisteswissenschaft bezweifelt. So meint der deutsche Theologe und Philosoph Jürgen Manemann, dass der Begriff Anthropozän als selbstgewähltes Prädikat den Abstand des Menschen zur Natur eher noch betonen, hervorheben und vergrößern würde. Nötig seien stattdessen eine neue Humanökologie und die Transformation zur Kulturgesellschaft, um die Herausforderungen der Menschheits-Zukunft zu meistern.

Wann auch immer, ob überhaupt und verbunden mit welchem zeitlichen Startpunkt der Begriff Anthropozän eine offizielle Berechtigung bekommt –Namensgeber Paul J. Crutzen würde seine eigene Definition sicher mit einbezogen wissen wollen: Eine Aufforderung, die Stellung des Menschen zur Natur und im Kosmos neu zu bestimmen und verantwortlich mit den begrenzten natürlichen Ressourcen umzugehen.


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