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Birma Der reuige Handlanger des Empire: Als George Orwell noch Eric Arthur Blair war

Eric Arthur Blair
Eric Arthur Blair ist noch keine 20 Jahre alt, als er sich 1922 für die britische Kolonialpolizei in Birma meldet. Seine Verstrickung in das imperiale System hinterlässt bei ihm ein Gefühl tiefer Schuld – und beeinflusst auch seine späteren Meisterwerke
© IMAGO / agefotostock
Als Autor George Orwell gelangt Eric Arthur Blair zu Weltruhm. Doch vorher verbringt er prägende Jahre als Kolonialpolizist in Birma

Er will den Elefanten nicht töten. Und eigentlich hat der junge britische Polizeioffizier auch keinen Grund mehr dazu: Das Tier, das eben noch den Markt im birmanischen Moulmein verwüstet und einen Arbeiter zertrampelt hat, steht jetzt friedlich grasend vor ihm.

Doch der Beamte seiner Majestät, hinter dem sich 2000 schaulustige Birmanen versammelt haben, verspürt enormen Druck. An diesem stickigen Tag im Jahr 1926 repräsentiert er das Empire, das britische Kolonialreich – und seine Untertanen erwarten, dass er sich entsprechend verhält. Deshalb muss er schießen. Es nicht zu tun, das hieße, sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Schließlich drückt er widerwillig ab. Die Birmanen jubeln, der Elefant stirbt. Sein Kadaver wird zerteilt.

Der Mann, der diese Szene zehn Jahre später beschreibt, gilt heute als einer der bedeutendsten Literaten des 20. Jahrhunderts. Es ist George Orwell, Autor von "1984" und "Farm der Tiere". Die Skizze beruht vermutlich auf einem Erlebnis aus seiner eigenen Vergangenheit. Denn bevor er zum Schriftsteller George Orwell wird, dem Kritiker des Totalitarismus, ist er Eric Arthur Blair, der Kolonialpolizist, ein Handlanger des Empire.

Eric Arthur Blair ist begabt

Blair wird am 25. Juni 1903 im nordindischen Motihari geboren, einer kleinen Stadt am Fuße des Himalaya, wo sein Vater, ein Kolonialbeamter, den Opiumanbau überwacht. Erics Mutter ist in Birma aufgewachsen, das sich die Briten im Jahr 1886 vollständig einverleibt haben. Bald nach Erics Geburt zieht sie mit dem Sohn und seiner Schwester nach England.

Wie viele Kinder seiner Zeit verschlingt der Junge die Bücher Rudyard Kiplings, die in ihm eine romantische Sehnsucht nach "dem Osten" wachsen lassen. Und er verinnerlicht die Lebenslüge des Imperialismus, die niemand in so elegante Verse gegossen hat wie der Autor des "Dschungelbuchs". Es sei die "Bürde des weißen Mannes", so dichtet Kipling, den unterworfenen Völkern den Weg in die Zivilisation zu weisen. Geschickt deutet er so die Ausbeutung zum Akt der Selbstlosigkeit um.

Eric ist begabt. Er schafft es in das Elite-Internat Eton, aber für ein Stipendium in Oxford oder Cambridge sind seine Noten am Ende zu schlecht. Deshalb absolviert er im Sommer 1922 die Prüfungen für die kolonialen Polizeitruppen. Als Stationierungswunsch gibt er Birma an, weil dort Verwandte seiner Mutter leben. Das südostasiatische Land wird in diesen Jahren von den Briten ausgeplündert, um die Belange der oft verarmten Birmanen dagegen kümmern sie sich nur wenig; seit dem Ersten Weltkrieg wächst daher die Unruhe in der Bevölkerung.

Als Orwell stirbt ist Birma unabhängig

Die Begegnung mit der kolonialen Wirklichkeit ist ein Schock für den jungen Mann. Blair, der sich in Eton als Rebell gefallen hat, ist jetzt Büttel eines unterdrückerischen Systems. Einer Despotie mit Diebstahl als ihrem eigentlichen Ziel, wie er später schreibt. Der Polizeialltag steht im Zeichen des Rassismus. "Bei einem Mann mit schwarzem Gesicht", so heißt es in einem seiner Werke, "ist ein Verdacht schon Beweis."

Sicher, Blair begeistert sich für Kultur und Natur, lernt die einheimische Sprache und ergeht sich in sexuellen Ausschweifungen mit Geliebten und Prostituierten. Aber das Gefühl der Entfremdung bleibt.

Im Jahr 1926 wird Blair von Moulmein nach Katha versetzt, einem ruhigeren Außenposten im Norden des Landes. Doch auch hier hasst er den Korpsgeist der anderen Weißen, den stumpfen Alltag zwischen Besäufnissen und Bridgeabenden. Und am meisten stört ihn, dass er seine wahren Gedanken über das Wesen des Imperialismus für sich behalten muss, um nicht als Verräter zu gelten.

Schließlich hat er genug: Im Sommer 1927 verabschiedet er sich in einen Heimaturlaub ohne Wiederkehr. Seine Schuldgefühle nimmt er mit. So ist die Schriftstellerkarriere, die er nun beginnt, auch eine Art von Sühne. Als George Orwell schreibt er über Arme und Unterdrückte. Und er stellt sich seiner Kolonialvergangenheit: 1934 erscheint sein Schlüsselroman "Tage in Burma".

Darin erzählt er die Geschichte seines Alter Egos John Flory. Ein Mann, der die Lüge des Empire durchschaut hat, aber zu schwach ist, daran etwas zu ändern. Am Ende begeht er Selbstmord.

Auch Orwell ist kein langes Leben beschieden. Als er 1948 sein Meisterwerk, den dystopischen Roman "1984", vollendet, ist er bereits schwer an Tuberkulose erkrankt. Im Januar 1950 stirbt der Autor. Seine alte Heimat Birma ist da schon seit zwei Jahren unabhängig.


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