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Den Menschen verstehen

Glaube „Die Religion sagt: ›Du sollst‹ – die Spiritualität sagt: ›Du darfst‹!“

Woran erkennen wir, ob und welcher Glaube am Besten zu unseren Bedürfnissen passt? Der Religionspsychologe Sebastian Murken erklärt, wie das Vertrauen in höhere Mächte uns stärkt – und wann es uns schaden kann
Sebastian Murken

Sebastian Murken ist Psychotherapeut und Professor für Religionswissenschaft sowie Religionspsychologie an der Philipps-Universität Marburg

Jedes Jahr gibt es zahlreiche Kirchenaustritte. Geht das Bedürfnis zu glauben verloren?

Prof. Sebastian Murken: Das denke ich nicht. Die Austritte belegen eher, dass die Kirche als Institution viele Mitglieder nicht mehr überzeugt. Über den Glauben selbst sagt das kaum etwas aus: Die Religionsforschung zeigt, dass Glaube nur wenig mit der Mitgliedschaft in der Kirche korreliert. Das heißt: Wir finden sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kirchen das gesamte Spektrum von tiefgläubigen bis zu unreligiösen Menschen.

Warum dann die Austritte?

Oftmals, um die Steuer nicht mehr bezahlen zu müssen. Auch die Inhalte des Glaubens haben für viele an Alltagsrelevanz verloren. Dennoch gehört noch immer mehr als die Hälfte der Bevölkerung den beiden großen Kirchen an – auch wenn nur wenige regelmäßig den Gottesdienst besuchen. Das Verhältnis zur Kirche ist oft eher ein Ausdruck von Tradition als von tiefem Glauben. Die Mitglieder schätzen etwa die karitative Rolle der Kirchen.

Haben Menschen eine Art Grund­bedürfnis nach Religion?

So sehen es wahrscheinlich die Theologen. Als Religionspsychologe versuche ich dagegen Religion als ein Phänomen der Seele zu verstehen und mit Mitteln der Psychologie zu untersuchen. Religionspsychologie gibt somit Antworten auf die Fragen: „Was macht die Religion mit den Menschen? Und was machen die Menschen mit der Religion?“. Aus dieser Perspektive existiert kein genuines Bedürfnis nach Spiritualität oder Religion. Zweifellos aber finden zentrale psychologische Bedürfnisse des Menschen seit Urzeiten in Religion und Spiritualität ihre Antwort.

Um welche handelt es sich?

Eines der Kernbedürfnisse des Menschen ist der Wunsch nach Kon­trolle: Wir benötigen das Gefühl, dass wir nicht in einer chaotischen, unvorhersehbaren Welt leben – sondern dass wir unsere Umwelt verstehen, dass die Dinge eine kontrollierbare Vorhersagbarkeit in sich tragen, die uns Sicherheit verschafft.

Eines der dramatischsten und unkontrollierbarsten Ereignisse in unserer Welt ist der Tod: Wir wissen nicht, wann er uns oder andere trifft oder was danach kommt. Es war daher eine zentrale Aufgabe der menschlichen kulturellen Evolution, unsere Sterblichkeit erträglich zu machen. Religion leistet das: Durch Mythen und Erzählungen von einer jenseitigen Welt, von Auferstehung oder Wiedergeburt wandelt sie den Tod zu einem kontrollierbareren Ereignis. Auf ähnliche Weise kann Religion uns helfen, auch weitere psychische Grundbedürfnisse zu befriedigen: Etwa jenes, von anderen wahrgenommen und gesehen zu werden, oder das Bedürfnis nach Verbundenheit und Zu­gehörigkeit.

Weil die Mitglieder einer Gemeinde sich gegenseitig umeinander kümmern?

Das ist die einfachste Form, aber Religion beantwortet dieses Bedürfnis auf verschiedenen Ebenen. Neben der Verbundenheit der Menschen untereinander in der Glaubensgemeinschaft spielt vor allem die Zugehörigkeit zu Gott eine wichtige Rolle: Es verschafft Sicherheit, wenn wir uns in wohlwol­lenden, starken Händen wissen, oder wir uns als Teil eines von Gott aus­erwählten Volks verstehen.

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Können religiöse Menschen ihre psychologischen Grundbedürfnisse demnach besser befriedigen als nicht gläubige Menschen?

Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Wie fast alles im Leben bringt auch Religiosität sowohl psychischen Nutzen als auch Kosten mit sich. Was dabei für den Einzelnen überwiegt, hängt sowohl von der jeweiligen Glaubensgemeinschaft und ihren Glaubens­inhalten ab als auch von den spezifischen Bedürfnissen des Individuums.

Das ist ähnlich wie in einer Partnerschaft: Wer mit jemandem zusammenlebt, zieht daraus ebenfalls psychischen Gewinn, muss aber auch Kosten tragen. Ob eine bestimmte Person mit der Partnerschaft besser lebt als ohne, lässt sich nur beurteilen, wenn wir wissen, wie das Zusammenleben konkret gestaltet wird – und wie das Leben der Person ohne Partner aussähe.

Grundsätzlich können wir unsere psychologischen Grundbedürfnisse auch aus anderen Dimensionen als dem Glauben stillen. Freunde und Familie können ebenfalls Verbundenheit gewähren und das Leben bedeutsam machen. Andere Menschen empfinden die Auseinandersetzung mit der Natur als sinnstiftend oder auch ihre Arbeit.

Manchen Studien zufolge können die Kraft und das Vertrauen, die religiöse Menschen aus ihrem Glauben beziehen, sogar bei der Heilung von Krankheiten helfen.

Menschen, die sich im Glauben sicher gehalten fühlen, profitieren davon im Umgang mit schweren Krisen oder Krankheit mitunter tatsächlich. Aber daraus folgt nicht, dass jede Form der Religiosität in so einer Situation für jeden hilfreich ist. Die Wechselwirkungen zwischen Glaube und Gesundheit habe ich selbst unter anderem mit Brustkrebs-Pa­tientinnen untersucht. Dabei zeigte sich, dass manche der Frauen darunter litten, dass sie ihre Krankheit als eine Strafe empfanden. Sie fragten sich: „Warum hat Gott mir Krebs geschickt, für welche Sünde?“ Solche Gefühle sind für die Verarbeitung einer Krankheit eher nicht hilfreich. Entscheidend ist, welche Faktoren im Einzelfall tatsächlich wirken: Wenn eine Glaubensgemein- schaft uns etwa ein soziales Netzwerk ver- schafft, das uns Unterstützung bietet, ist das in Krisen sehr hilfreich. Das ist aber eben nicht in jeder Gemeinde oder bei jedem Einzelnen der Fall.

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Was ist der Unterschied zwischen Religion und Spiritualität? Lassen die Begriffe sich trennen?

Spiritualität hat mit Religion gemeinsam, dass beide sich auf eine transzendente Ebene beziehen. Das bedeutet, dass beide davon ausgehen, dass unsere sinnlich erfahrbare, sichtbare Welt nicht alles ist, was es gibt – sondern dass jenseits davon eine darüberhinausgehende Dimension existiert.

Diese Dimension wiederum ist mit dem Diesseits verknüpft: Ein Gebet, ein Segen oder Ähnliches kann aus der einen Sphäre in die andere hineinwirken. Das ist von entscheidender Bedeutung, denn ohne eine Verbindung hätte die transzendente Welt keine Relevanz für unser Leben im Diesseits. Der Unterschied zwischen Reli­gion und Spiritualität liegt nun darin, wie die Verknüpfung der Sphären gedacht und erlebt wird.

Können Sie das näher erläutern?

In den etablierten Religionen ist die Verbindung zwischen dem Diesseits und dem Jenseits institutionalisiert und detailliert festgelegt. Durch überlieferte Schriften – die Bibel, den Koran oder die Veden – wissen die Gläubigen sowohl über die göttliche Welt Bescheid als auch darüber, wie sie sich nach Gottes Willen verhalten sollen, um ihr Heil zu finden. Die Schriften enthalten Regeln und Vorstellungen darüber, wie die Gesellschaft geordnet sein und wie der einzelne Mensch handeln soll. Menschen, die sich als spirituell, aber nicht religiös bezeichnen, beziehen sich ebenfalls auf eine transzendente Welt und sehen die Möglichkeit, in Beziehung zu einer Wirklichkeit hinter dem Sichtbaren zu treten. Anders als bei den Religionen fehlt der Spiritualität aber eine Erwartungshaltung an die Gläubigen – also die moralische Pflicht, sich gemäß einem göttlichen Regelwerk zu verhalten. Wo die Religion sagt: „Du sollst“, sagt die Spiritualität: „Du darfst, wähle selbst“.

Dies ist eine stark geküzte Fassung. Das gesamte Interview mit Sebastian Murken lesen Sie in "GEO Wissen Nr. 70 - Die Kraft der Spiritualität" - hier im GEO Shop bestellen.