Beethoven-Jahr Neunte Symphonie: Wie Beethoven die Musik revolutionierte

Im Beethoven-Jahr vor dem 250. Geburtstag des Komponisten wird kaum eine Feierlichkeit ohne Erinnerung an dessen wohl revolutionärsten Akt auskommen: Vollständig ertaubt leitet Ludwig van Beethoven 1824 in Wien die Uraufführung seiner Neunten Symphonie. Dem Publikum wird Unerhörtes geboten: ein Werk von ungeheurer Ausdruckstiefe, mit dem der Komponist die Grenzen klassischer Tonkunst durchbricht und endgültig zum Wegbereiter der romantischen Musik wird
Beethoven, 1820

Ludwig van Beethoven, 1820: Schon zu dieser Zeit hört der Komponist kaum noch etwas

Ein schlechtes Gedicht" nennt der Schriftsteller seine eigenen Verse, und der Komponist räumt ein, mit dem letzten Satz dieser Symphonie einen "Missgriff" begangen zu haben.

Für die Nachwelt aber verklären sich Text und Musik zu einer fast heiligen Schöpfung, zum "Evangelium der Menschheit", wie einer schreibt. Bis heute versetzt kaum ein Werk das Publikum in stärkere Erregung als das Finale der Neunten Symphonie von Ludwig van Beethoven, die vertonte Ode "An die Freude" des Friedrich Schiller.

Am 7. Mai 1824 sind fast alle 2400 Plätze des Wiener Theaters am Kärntnertor besetzt: Die Premiere von Beethovens neuer Symphonie ist angekündigt. Der Komponist, so ist zu hören, will persönlich dirigieren. Mehr als sechs Jahre sind seit seinem letzten Auftritt vergangen.

Längst hat sich herumgesprochen, dass er sein Gehör verloren hat. Nun steht der 53-Jährige vor einem Dirigierpult. Wie soll ein Ertaubter ein Orchester leiten?

Kritiker streiten: Ist Beethovens Neunte Symphonie nun Kunst oder eine Absonderlichkeit?

"Beethoven fuhr wie ein Wahnsinniger hin und her", erinnert sich ein Geiger. "Bald streckte er sich hoch empor, bald kauerte er bis zur Erde, er schlug mit Händen und Füßen herum, als wollte er allein die sämtlichen Instrumente spielen." Tatsächlich aber gibt der Komponist wohl nur zu Anfang der Sätze das Tempo vor - ansonsten haben die Musiker Anweisung, auf einen weiteren, neben ihm postierten Dirigenten zu achten.

So unerhört wie dieses Vorgehen ist an jenem Abend auch die Musik - vom ersten Satz der Symphonie, der in seinem unbestimmten Brodeln manchem anmutet, als stimme das Orchester noch die Instrumente, bis zum Finale, in dem Beethoven mit den Grundregeln der rein instrumentalen Gattung "Symphonie" bricht und einen Chor samt Solisten einsetzt, der in einer simplen, fast kindlichen Melodie Schillers Verse von der "Freude, schöner Götterfunken" singt.

Die Kritiker streiten: Ist das revolutionäre Tonkunst - oder der Beweis, dass der taube Sonderling den Verstand verloren hat? Konservative Kunstrichter haben sich schon früher an Beethovens "Absonderlichkeiten" gestört: seinem Hang zu übertriebener Länge, seiner Missachtung fester Regeln.

Den jungen Komponisten und Dichtern der Romantik aber gilt er als Genie. "Beethovens Musik bewegt die Hebel des Schauers, der Furcht, des Entsetzens, des Schmerzes und erweckt jene unendliche Sehnsucht, die das Wesen der Romantik ist", hat E. T. A. Hoffmann 1810 geschrieben.

In Wien macht sich Beethoven rasch einen Namen als Virtuose

Gassenjungen verspotten schon lange den pockennarbigen Mann, der oft in verwahrloster Kleidung durch die Straßen stapft, unablässig vor sich hin redet oder schallend auflacht.

In Wirtshäusern hält er lange Monologe, schimpft auf Kaiser und Adel, spuckt manchmal in die Hand und betrachtet sich den Auswurf. Einmal verhaftet ihn die Polizei, weil er wie ein Landstreicher wirkt und in fremde Fenster starrt.

Doch zugleich wird Beethoven in Europa verehrt. Könige verleihen ihm Orden, Verlage umwerben ihn, Adelige zahlen ihm Leibrenten, und für viele Musikliebhaber steht er auf einer Stufe mit Haydn und Mozart.

1792, ein Jahr nach Mozarts Tod, ist er nach Wien gekommen: ein 21-jähriges Wunderkind aus Bonn, das mit sieben Jahren sein erstes Konzert am Klavier gegeben, mit zwölf eine Komposition veröffentlicht hat.

Rasch macht er sich in Wien einen Namen als Virtuose - keine leichte Aufgabe in der Stadt der Klavierspieler. Mehr als 300 leben hier, und die besten treten in Zweikämpfen gegeneinander an. Beethoven aber überragt bald alle Konkurrenten.

Ein Schüler beschreibt die Wirkung seines Lehrers: "Er verstand es, einen solchen Eindruck auf jeden Hörer hervorzubringen, dass häufig kein Auge trocken blieb, während manche in lautes Weinen ausbrachen, denn es war etwas Wunderbares in seinem Ausdrucke." Nebenher vervollkommnet Beethoven bei Lehrern wie Haydn seine Kompositionstechnik. Die ersten zehn Jahre sind für ihn voller Triumphe, erst als Klavierspieler, dann auch als Komponist.

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Ab 1801 aber flackert in seinen Briefen die Angst vor dem Taubwerden auf: "Meine Ohren, die sausen und brausen Tag und Nacht fort", schreibt er. Erste Symptome sind bereits einige Jahre zuvor aufgetreten - vermutlich leidet er an einem abnormen Knochenwuchs im Mittelohrbereich. Beethoven schwankt zwischen Selbstmordgedanken und Hoffnung, es siegt der Wille zum Widerstand:

"Ich will dem Schicksal in den Rachen greifen." Ein Ringen, wie es die Menschen in seiner Musik wahrnehmen, bestimmt fortan auch sein Leben. Beethoven sieht sich mehr und mehr als einsamer Kämpfer und Dulder: als Künstler, der nur dem Höheren verpflichtet ist. Und weil er zudem über einen guten Geschäftssinn sowie viele Gönner verfügt, wird ihm gelingen, was selbst Haydn und Mozart nie wirklich geschafft haben: als freischaffender Komponist anerkannt zu werden und den eigenen Lebensunterhalt sichern zu können, ohne feste Anstellung oder Pflichten.

In seinem Oeuvre will er nun "einen neuen Weg einschlagen". Nachdem er zuvor die Tradition der Wiener Klassik gemeistert und zu seinem eigenen Stil gefunden hat, beginnt ab 1802 die "heroische Periode" seines Schaffens. Unter Einfluss der französischen Revolutionsmusik hält der Ausdruck von Kampf, Tragik und deren Überwindung noch weit mehr als zuvor Einzug in seine Werke, allen voran in die Symphonien.

Besonders das Finale verhilft der Neunten Symphonie zu ihrer großen Wirkung

Das erste große Werk aus dieser Zeit, 1803 komponiert, heißt programmatisch "Sinfonia Eroica". Beethoven will es zunächst nach dem bewunderten Napoleon benennen. Als er aber erfährt, dass der sich zum Kaiser gekrönt hat, soll Beethoven das Titelblatt wütend zerrissen und ausgerufen haben: "Ist der auch nichts anders wie ein gewöhnlicher Mensch!"

Nach weiteren schweren Lebenskrisen - Beethoven lebt immer isolierter und gibt schließlich alle Hoffnung auf, jemals eine Ehefrau zu finden - geht der bald völlig ertaubte Komponist etwa ab 1818 in Form und Harmonik ganz neue Wege.

In der Spannung zwischen dem Festhalten an der klassischen Form und dem Drang, sie aufzulösen, wird besonders seine Neunte Symphonie zum Fanal für die romantische Musik. Für deren Finale greift Beethoven zu einem berühmten Poem, das er schon in seiner Bonner Zeit vertonen wollte.

Friedrich Schiller hat "An die Freude" 1785 verfasst. Es ist das Gelegenheitsgedicht eines 25-Jährigen, der von Freundschaft und einer gleichberechtigten Gesellschaft träumt, vier Jahre vor Beginn der Französischen Revolution.

Als sich Beethoven an die Ode erinnert, herrscht drückende Restauration, alle Träume scheinen ausgeträumt: die Revolution in Blut versunken, Napoleon aufgestiegen und geschlagen, Europa verwüstet, die alten Fürsten seit dem Wiener Kongress 1814/15 wieder an der Macht. Text und Musik der "Freude" bilden nun die Klammer um eine gescheiterte Utopie.

Dennoch, oder gerade deshalb, ist es vor allem das gesungene Finale, das der Symphonie zu ihrer ungeheuren Wirkung und ihrem weltweiten Ruhm verhilft. Die Komponisten der Romantik - von Robert Schumann über Richard Wagner bis zu Gustav Mahler - sind besonders von den ungekannten Dimensionen des Ausdrucks und der Bedeutungstiefe beeindruckt.

In ihren eigenen Werken werden sie die klassischen Formen und Strukturen immer mehr auflösen, die Harmonik ausweiten und dabei ganz andere Wege gehen als Beethoven selbst. Das Finale seiner Neunten Symphonie aber gilt ihnen als Signal zum Aufbruch in neue Musikwelten.

Kritiker verhöhnen zwar die "delirierenden Schwanengesänge". Die Musikliebhaber aber überschlagen sich bis heute in ihrer Begeisterung für die "Marseillaise der Menschheit" und die "Stimme des Absoluten". Und schon der Premierenabend ist ein grandioser Erfolg.

Doch Beethovens cholerisches Temperament zerstört auch diesen Triumph. Denn wenig später lädt er einige Mitstreiter zu einem Essen - eigentlich, um sich zu bedanken. Dann aber gibt er sich "kalt, bissig und krittlich in allen seinen Worten", wie sein Gehilfe Anton Schindler später berichtet, und erhebt sogar den Vorwurf, Schindler habe ihn bei der Abrechnung des Konzerts betrogen. Gekränkt verlassen die Gäste den Tisch. Der Komponist bleibt mit seinem Neffen allein zurück.

Drei Jahre später, am 26. März 1827, stirbt Ludwig van Beethoven mit 56 Jahren an Leberzirrhose, wohl eine Folge seines starken Alkoholkonsums. Zwei Wochen vor seinem Tod schreibt er noch nach Mainz, man möge ihm Rheinwein schicken. Als der endlich eintrifft, sagt er: "Schade, schade, zu spät." Es sind seine letzten Worte.

GEO EPOCHE Nr. 37: Die Deutsche Romantik
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