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Einzigartige Metropole Viel besser als ihr Ruf: 72 Stunden in Mexiko-Stadt

Palast der feinen Künste
Von Neoklassizismus bis Art déco: Das Kulturzentrum Palacio de Bellas Artes zeigt einen wilden Architekturmix
© Richie Chan - Adobe Stock
Sie glauben, Mexiko-Stadt sei vor allem ein Moloch? Dann liegen Sie falsch. Die Riesen-Metropole bietet alles, wonach sich Städtereisende sehnen. Wir haben Tipps für drei Tage

Inhaltsverzeichnis

Glanz und Geschichte, Prunk und Paläste, wilde Architektur, eine international gefeierte Gastroszene, Hoch- und Subkultur. Mexico-Stadt gilt als zu groß, zu schmutzig, womöglich als gefährlich. Dabei hat es alles, was eine Weltmetropole ausmacht.

Am besten verbringt man in dieser Stadt mindestens eine ganze Woche. Und wenn die Zeit dafür nicht reicht auf einer Mexiko-Rundreise? Dann kommt hier ein Kompaktprogramm für drei Tage.

Tag eins: Das Centro Histórico - wo alles begann

Tourguide und Architektur-Kenner Santiago Garcia de Vinuesa rät dazu, die Erkundung Mexico-Stadts im historischen Zentrum zu beginnen. Am Zócalo, dem gewaltigen Hauptplatz, liegt der Geburtsort der Kapitale: Tenochtitlán, die einstige Hauptstadt des Azteken-Reichs, deren Überreste heute unscheinbar daliegen. Die Ruinen des Templo Mayor werden hier überstrahlt von der größten Kathedrale des amerikanischen Kontinents, einst Symbol imperialer Macht der spanischen Eroberer.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts umfasste das heutige historische Zentrum im Prinzip die ganze Stadt. "Deshalb gibt es hier so viele versteckte Juwelen und Gebäude aus allen Epochen", sagt Santiago auf einem Streifzug. "Es ist ein hektisches Viertel, weil jeder zum Shoppen herkommt. Aber es ist auch sehr echt."

In Momenten der Überwältigung hält man am besten Ausschau nach Torbögen, die in Innenhöfe nobler Kolonialpalästchen führen - und dort zum Beispiel zum Restaurant Azul Historico (Isabel La Católica 30) des renommierten Küchenchefs Ricardo Muñoz Zurita.

Auf dem Weg in westliche Richtung passiert man eine Reihe imposanter Sehenswürdigkeiten, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden - nach der Unabhängigkeit, unter der Regentschaft von General Porfirio Díaz. Damals orientierte sich die Oberschicht an Frankreich. Es entstanden prächtige Bauten im Jugendstil wie der Palacio de Hierro - ein gehobenes Einkaufszentrum - und das noble Gran Hotel Ciudad de México mit seinem bunten Dach aus Tiffany-Glas.

Der Palacio Postal, das alte Hauptpostamt, erinnert wiederum an einen venezianischen Palast. Und das Kulturzentrum Palacio de Bellas Artes zeigt einen wilden Mix aus Architekturstilen, von Neoklassizismus über Art Nouveau bis Art déco - typisch für Mexiko-Stadt.

Mexico-Stadts Architektur vereine so viele verschiedene Stile, weil die Führer der Stadt sich so vieler Einflüsse bedient hätten, sagt Santiago. Sie wollten die Stadt europäischer machen. Sie ließen sich vom Lifestyle amerikanischer Vorstädte inspirieren. Aber sie schauten auch in die präkolumbianische Vergangenheit, um Identität zu finden. "All das, während man versuchte, modern und kosmopolitisch zu sein."

Bar-Hopping und Partys

Wer abends nicht müde ist, sollte für mindestens einen Drink ins angesagte Viertel Roma. Dort empfiehlt sich ein Mezcal-Cocktail mit rauchiger Ananas in der Licorería Limantour, die auf der Liste der 50 besten Bars der Welt 2022 den vierten Rang belegte.

Zum Tanzen geht es anschließend in die Zona Rosa, Partyviertel und Magnet für die LGBTQ-Gemeinschaft. Hier liegen viele Schwulenbars und -clubs. Tagsüber locken die Kunstgalerien in der Nachbarschaft. Antiquitätengeschäfte präsentieren steinerne Löwen, Jesus-Gemälde, Mahagoni-Sekretäre mit goldenen Intarsien und Stühle im Louis-XIV-Stil. Zugegeben, nichts fürs Handgepäck.

Tag zwei: Kunst, Kultur und Kurioses

Wo sich der Reisende in der Fremde an Bekanntes erinnert, fühlt er sich gleich abgeholt. Kein Wunder, dass die Viertel Roma und Condesa mit ihren Brunch-Lokalen, Boutiquen und würdevoll abgerockten Häuserfassaden so viele Besucher anziehen. Man wähnt sich in Rom oder Barcelona, jedenfalls irgendwo in Europa. Beide Viertel sind komplett aufgewertet und für mexikanische Verhältnisse sehr teuer.

Eine Mittagsempfehlung ist das Fisch-Restaurant Contramar (Calle de Durango 200). Eine andere Adresse, die häufig empfohlen wird, ist der Mercado Roma (C. Querétaro 225). Die Halle mit Food Market (Tacos, Paella, Ceviche, vegane italienische Snacks und Smoothies) könnte so allerdings in nahezu jedem Hipster-Viertel von Bushwick bis Kreuzberg stehen, was sie im Grunde austauschbar macht.

Museums-Hopping

Nicht weit entfernt liegt der große Stadtpark Chapultepec. Wer dort die Flaniermeile mit den fliegenden Händlern meidet, findet Ruhe auf einsamen Spazierwegen. Springbrunnen plätschern, ein Pferdekarussell steht still, Eichhörnchen hopsen Bäume hinauf. Ein Arbeiter schläft in einer Schubkarre. Der Autolärm ist angenehm fern.

Chapultepec Park, Mexiko
Blick über die Skyline von Mexiko-Stadt vom Schloss Chapultepec
© Wolfgang Hauke - Adobe Stock

Zum Faulenzen ist die Gegend allerdings zu interessant. Rund um den Park befinden sich mehrere kulturelle Highlights, allen voran das imposante Nationalmuseum für Anthropologie (Museo Nacional de Antropología). Sehenswert sind auch die Museen für moderne und zeitgenössische Kunst (Museo de Arte Moderno und Museo Tamayo) und die Casa Barragán, einstiges Atelier des Architekten Luis Barragán.

Das Castillo de Chapultepec geht als Kuriosum durch. Einst von den spanischen Kolonialherren erbaut, diente das Schloss Maximilian I. ab 1864 als kaiserliche Residenz. Der Österreicher wurde wiederum von den Franzosen, die sich in Mexikos innere Angelegenheiten einmischten, als Marionetten-Regent eingesetzt. Und drei Jahre später umgebracht. Heute befindet sich im Schloss ein historisches Museum.

Auf der Suche nach dem besten Street Food

Abends auf Street-Food-Tour: Guide Clarissa Obregón schätzt, dass die Mehrheit der Mexikaner auf der Straße isst. Die meisten arbeiteten sechs Tage die Woche, die Zeit sei knapp. "Deshalb brauchen wir gutes Street Food." Und das findet man in Mexico-Stadt an jeder Ecke.

Los geht's in Condesa mit Tortas de cochinita pibil, Sandwich mit geschmortem Schweinefleisch. Weiter in Richtung San Rafael, einst Villenviertel, heute Mittelklasse: Ein Straßenverkäufer, der durch Youtube bekannt wurde, macht Tacos Campechanos mit Chorizo und Rind.

Dann ab in eine düstere Pulqueria, wo das gewöhnungsbedürftige Nationalgetränk Pulque aus fermentiertem Saft in drei Versionen serviert wird. "Wir sagen, es macht dich gesellig und ein bisschen horny", sagt Clarissa. "Und es heilt gebrochene Herzen." Na dann!

Auf dem Mercado de San Cosme geht's weiter mit frittierten Quesadillas, dann folgen Tamales, gefüllter Maisteig, und Atole, ein schwerer, heißer Drink ebenfalls aus Mais. Der Magen macht dicht, man isst aber weiter, weil's so vorzüglich schmeckt. Mezcal hilft.

Tag drei: Coyoacán und die Lagune von Xochimilco

Zeit für etwas Entspannung am dritten Tag. Dafür empfiehlt sich das eher gemütliche Viertel Coyoacán im Süden. Touristenmagnet ist dort das kobaltblaue Frida-Kahlo-Museum, auch Casa Azul genannt, Geburtshaus und Wirkungsstätte von Mexikos berühmtester Künstlerin.

Am Nachmittag kann man dann eine Tour durch die Kanäle von Xochimilco machen, einst angelegt für die Landwirtschaft, heute beliebtes Ausflugsziel. Rund 1500 Trajineras gondeln vorbei an künstlichen Inseln. Sie transportieren Großfamilien, Pärchen und Touristen. Auf den bunten Booten wird gefeiert, getrunken und geschmust. Je tiefer man in das Netz aus Wasserwegen hineinfährt, umso ruhiger wird es.

Grotesker Höhepunkt ist die Isla de las Muñecas, die Insel der Puppen, die - teilweise schaurig verwittert - zu Dutzenden in den Bäumen hängen. Der Legende nach ertrank hier ein Mädchen. Ein Fischer fand die Leiche und daraufhin immer wieder angetriebene Puppen, die er aufhängte, um den Geist des toten Mädchens zu vertreiben. Das hört sich unheimlicher an, als es vor Ort am Ende aussieht - genauso wie ein Besuch von Mexico-Stadt selbst.

dpa

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