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Ostantarktische Eisschild Mit Abstand größte Eismasse der Erde weniger stabil als lange Zeit gedacht

Forschende stehen am Rand des Mawson-Gletschers
Forschende am Rande des Mawson-Gletschers in der Ostantarktis
© Richard Jones
Der Ostantarktische Eisschild – die mit Abstand größte Eimasse der Erde – galt lange als stabil. Doch in der Vergangenheit ließ er den Meeresspiegel wiederholt um mehrere Meter steigen. Daraus leiten Forschende Prognosen für die Zukunft ab

Der Ostantarktische Eisschild ist weniger stabil als lange Zeit gedacht. Sollte die Menschheit die Ziele des Pariser Klimaabkommens erfüllen und die Erderwärmung auf maximal zwei Grad Celsius begrenzen, wird diese mit Abstand größte Eismasse der Erde einer Studie zufolge nur wenig abschmelzen. In diesem Fall würde der dadurch verursachte Anstieg des Meeresspiegels bis zum Jahr 2500 demnach weniger als einen halben Meter betragen. Sollte sich die Erde aber stärker erwärmen, könnte der Meeresspiegel um einige Meter steigen, wie ein internationales Forschungsteam um Chris Stokes von der University of Durham im Fachblatt "Nature" schreibt.

Die Ostantarktis enthalte genügend Eis, um den Meeresspiegel um 52 Meter steigen zulassen, schreibt das Team. Zum Vergleich: Der - viel kleinere - Westantarktische Eisschild würde das Meeresniveau bei vollständigem Abschmelzen "nur" um gut 5 Meter steigen lassen. Von 1992 bis 2017 verlor die Westantarktis 2000 Gigatonnen (Milliarden Tonnen) Eis, was einem Anstieg des Meeresspiegels um 6 Millimeter entspricht. Der Eisverlust geht vor allem auf warme Meeresströmungen zurück.

CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre zuletzt vor etwa 3 Millionen Jahren auf einem ähnlichen Niveau

Im Gegensatz zum westlichen Teil des Kontinents galt das Eis der Ostantarktis lange Zeit als sehr stabil. Das Team um Stokes analysierte nun das Verhalten des Eisschildes in den vergangenen Jahrmillionen und leitete aus diesen Erkenntnissen Prognosen für die Zukunft ab - jeweils in Abhängigkeit von verschiedenen Szenarien zu Emissionen von Treibhausen.

Demnach lagen die Konzentrationen des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) in der Atmosphäre zuletzt vor etwa 3 Millionen Jahren auf einem ähnlichen Niveau wie heute, also über 400 ppm (Teilchen pro Million Teilchen). Damals lagen die Temperaturen 2 bis 4 Grad Celsius über den heutigen - also etwa so hoch wie für Ende dieses Jahrhunderts prognostiziert. Der Meeresspiegel lag jedoch 10 bis 25 Meter über dem heutigen. Das lag zwar auch am Rückgang des Eises auf Grönland und in der Westantarktis. Doch Sediment-Analysen des Meeresbodens um die Ostantarktis deuten darauf hin, dass auch dieser Erdteil damals mehrere Meter zum Anstieg der Meere beitrug.

Und vor 400.000 Jahren zog sich der Eisschild nach einer Erderwärmung von 1 bis 2 Grad vermutlich um etwa 700 Kilometer zurück - was den Meeresspiegel um 3 bis 4 Meter steigen ließ. Zum Vergleich: Seit Beginn der Industrialisierung ist die mittlere Erdtemperatur um etwa 1,1 Grad gestiegen, so der Weltklimarat (IPCC).

"Nicht so stabil und geschützt wie wir früher dachten"

"Die Schlüssellektion aus der Vergangenheit ist, dass der Ostantarktische Eisschild sehr empfindlich selbst auf relativ bescheidene Erwärmung reagiert", wird Ko-Autorin Nerilie Abram von der Australian National University in Canberra in einer Mitteilung zur Studie zitiert. "Er ist nicht so stabil und geschützt wie wir früher dachten."

Anders ausgedrückt: Sollten die Treibhausgas-Emissionen weiter auf hohem Niveau verharren, könnte allein dieser Eisschild den Meeresspiegel bis zum Jahr 2300 um 1 bis 3 Meter und bis 2500 um 2 bis 5 Meter steigen lassen. Schon jetzt deuten Studien darauf hin, dass Teile des Eisschildes wie Wilkesland Eis verlieren.

Um vorherzusagen, ab welchen Schwellenwerten Teile des Eisschilds ihre Stabilität verlieren, reiche das gegenwärtige Verständnis nicht aus, räumt das Team ein. Doch falls es gelinge, die Erderwärmung unter 2 Grad zu halten, bleibe der Anstieg des Meeresspiegels durch den Ostantarktischen Eisschild in den kommenden Jahrhunderten deutlich unter einem Meter. "Das Schicksal des größten Eisschilds der Erde liegt zum großen Teil in unseren Händen", schließt das Team.

Die Studie nutze die jüngsten Daten und Modelle, um Prognosen zur Zukunft der Ostantarktis zu treffen, sagt Robert Larter vom British Antarctic Survey, der nicht an der Arbeit beteiligt war. Zwar seien die Vorhersagen angesichts der langen Zeiträume über Jahrhunderte mit großen Unsicherheiten verbunden. Dennoch unterstrichen sie das Potenzial der Region, bei anhaltend hohen Emissionen von Treibhausgasen den Meeresspiegel um mehrere Meter ansteigen zu lassen.

Walter Willems, dpa

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