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Zwischen den Fronten Wie Tiere in der ukrainischen Landwirtschaft unter dem Krieg leiden

Teteriw in der Nähe von Kiew: Das Dorf wurde nach dem Einmarsch der russischen Truppen komplett evakuiert. Zurück blieb diese Kuh
Teteriw in der Nähe von Kiew: Das Dorf wurde nach dem Einmarsch der russischen Truppen komplett evakuiert. Zurück blieb diese Kuh
© picture alliance/EPA/STR
Der russische Krieg gegen die Ukraine bringt unermessliches Leid für die Menschen in dem Land. Viele können ihre Tiere nicht mehr versorgen, die nun in den Trümmern ihrer Ställe sterben oder umherirren

Kühe, die verloren zwischen den Trümmern ihres Stalls stehen: Internet-Videos zeigen in diesen Tagen neben dem unermesslichen Leid der Zivilbevölkerung eine weitere, kaum beachtete Grausamkeit des russischen Krieges gegen die Ukraine: Millionen Tiere sind durch die russischen Angriffe und Besetzungen unmittelbar betroffen. Sie verhungern, verdursten, irren umher, werden von Bomben, Raketen und Gewehrkugeln verletzt oder getötet.

Noch im vergangenen Jahr lebten in der Ukraine mehr als 200 Millionen Hühner, fast drei Millionen Kühe und annähernd sechs Millionen Schweine. Doch durch die Invasion russischer Truppen sind viele Versorgungs- und Vertriebswege abgeschnitten. Vielerorts sind die wichtigsten Straßen und Brücken zerstört – entweder durch russische Bomben oder durch die ukrainische Armee, um den Vormarsch der feindlichen Truppen aufzuhalten. Viele Landwirte, vor allem im Osten des Landes, wissen nicht, wie sie ihre Tiere in den kommenden Wochen versorgen sollen.

Millionen Hühner verendeten oder mussten notgeschlachtet werden

Besonders kritisch ist die Situation in der Geflügelwirtschaft. "Die Tiere leiden jetzt noch mehr als ohnehin schon", berichtet Sabine Schaper von der Tierschutzorganisation Vier Pfoten. Ein Beispiel ist die größte Legehennenfarm Europas in der Region Cherson im Süden des Landes. "Der Betrieb war nach einem Angriff vollständig von der Stromversorgung abgeschnitten, Millionen von Hennen verendeten", sagt Sabine Schaper. Seit Beginn des Krieges seien mindestens drei Millionen Hühner notgetötet worden. Auch in der Fleisch- und Milchwirtschaft sei die Situation "schockierend".

Kürzlich wandte sich der Verband der ukrainischen Schweinehalter mit einem Hilferuf an Fachorganisationen in aller Welt. Der Verband vertritt die 1400 Schweinehalter im Land. Viele Betriebe befinden sich demnach in unmittelbarer Nähe von Kriegsgebieten. Einige von ihnen seien komplett isoliert. Und manchen Tierhaltern bleibe nichts anderes übrig, als ihre Tiere einzuschläfern. Der Zugang zu Futterzusatzstoffen und Tierarzneien sei sehr eingeschränkt.

Kühe können ohne Strom nicht gemolken werden

Auch der niederländische Landwirt Kees Huizinga, der 2002 seinen Betrieb in der Ukraine gründete, versucht, seine 2000 Milchkühe und 450 Sauen weiter zu füttern und medizinisch zu versorgen. Viele seiner Mitarbeiter kämpfen in der ukrainischen Armee. Auf Twitter erklärt er: "Wir haben noch Strom und können zum Glück noch melken." Huizinga hat zwar in den vergangenen Monaten einen Vorrat an Stroh, Heu und Mais angelegt. Doch das Sojaschrot für die Schweine, berichtet der Landwirt, reiche nur noch für ein paar Wochen. Und dann? Möglicherweise müssen massenhaft Tiere notgeschlachtet werden. Doch in den Schlachthöfen und Verarbeitungsbetrieben fehlt wie überall Personal – wegen des Krieges.

Die schwierige Lage in der Milchviehhaltung beschrieb Alex Lissitsa, Präsident der Vertretung der ukrainischen Agrarwirtschaft, schon am 11. März im Bayerischen Rundfunk: Es fehle an Futter und tierärztlicher Versorgung, auch in seinem eigenen Betrieb. "Kurz gesagt, ist es eine Katastrophe." Zudem falle immer wieder der Strom aus. Und für die Notaggregate stehe nur für wenige Tage Treibstoff zur Verfügung.

Für die Kühe ist das nicht unmittelbar lebensbedrohlich. Doch werden Milchkühe nicht regelmäßig gemolken, kann es zu schmerzhaften Euterentzündungen kommen. Lissitsa berichtete auch von einem Milchbauern in der Nähe von Kiew, dessen Ställe von russischen Bomben getroffen wurden. Die Kühe liefen nun auf den Feldern umher.

Zerbombte Ställe, tote Tiere, die herumliegen

"Die Lage ist sehr ernst", berichtet auch Mariya Yaroshko aus Kiew. "Wir bekommen immer mehr Berichte über zerstörte Betriebe, und die Tiere leiden unter den Bombardierungen", sagt die kommissarische Leiterin des Deutsch-Ukrainischen Agrarpolitischen Dialogs. Sie berichtet von Bildern, auf denen tote Tiere zu sehen sind, die einfach herumliegen. Von zerbombten Pferdeställen. In der Region Tschernihiw hätten die russischen Besatzer einen Landwirt und seine Mitarbeiter drei Wochen lang nicht zu ihren Kühen gelassen. Die Tiere dort seien vermutlich verhungert – oder an ungeeignetem Futter verendet.

Offizielle Zahlen aus Kiew zu zerstörten Betrieben gibt es nicht, von Opferzahlen unter den Tieren ganz zu schweigen. "Und was in den Kampfgebieten oder in den besetzten Gebieten passiert", sagt Mariya Yaroshko, "werden wir erst erfahren, wenn die Menschen zurückkehren können."

Die Tierhalter in den umkämpften Gebieten helfen sich gegenseitig mit Futter aus oder melken von Hand, wo der Strom ausgefallen ist, berichtet die gelernte Tierärztin. Zudem koordiniere das ukrainische Agrarministerium die gegenseitige Hilfe. Trotzdem wussten sich offenbar viele kleine Landwirte, die flüchten mussten, nicht anders zu helfen, als ihre Tiere auszusetzen. Immerhin: Wo es keinen Frost mehr gibt, hätten zumindest einige der Tiere eine Chance zu überleben, sagt Mariya Yaroshko.

Auch Julia Molokova aus Irpin, nahe Kiew, ließ ihre fünf Pferde frei – damit sie nicht unter Trümmern oder im Feuer sterben. In der Gegend gab es schwere Gefechte. In der ungewohnten Freiheit trabten die Pferde tagelang einem ungewissen Schicksal entgegen. "Bitte betet für meine Pferde", bat sie ihre Leser*innen auf Facebook.

Zumindest diese Tiere hatten Glück: Sie sind inzwischen wieder bei ihrer Besitzerin.


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