Teamwork im Ozean Eine erstmals gefilmte Pottwal-Geburt enthüllt erstaunliche Fürsorge der Herde

Teamwork im Ozean: Eine erstmals gefilmte Pottwal-Geburt enthüllt erstaunliche Fürsorge der Herde
© Aluma et al. Scientific Reports / Project CETI.
Project CETI
Erstmals wird die Geburt eines Pottwals detailliert gefilmt. Viele Tiere helfen demnach mit – das erinnert an Primaten und Menschen

Erstmals haben Forschende die Geburt eines Pottwals gefilmt und in beispiellosem Detail dokumentiert. Die in zwei Fachartikeln ausgewerteten Aufnahmen zeigen, wie eine Gemeinschaft von elf Pottwalen den Prozess unterstützt und das Baby unmittelbar nach der Geburt an der Wasseroberfläche hält, um die Atmung anzuregen. "Diese Erkenntnisse formen unseren Blick auf Walgesellschaften grundlegend um", sagte Co-Autor David Gruber von der City University in New York. "Wir sehen hier eine tief koordinierte soziale Fürsorge während eines der verletzlichsten Momente im Leben."

Gruber ist Gründer und Präsident des Projekts CETI (Cetacean Translation Initiative), das Pottwale untersucht und einen Sitz auf der Karibik-Insel Dominica hat. Vor der Küste der Insel erspähte eine Gruppe von Forschenden am Morgen des 8. Juli 2023 eine Gruppe von Pottwalen, die aus elf Tieren zweier eigentlich getrennt lebenden Familien bestand, acht ausgewachsene Tiere und drei Kälber. Unter anderem mit Aufnahmen von Drohnen und Mikrofonen dokumentiert die Gruppe in Artikeln in den Zeitschriften "Science" und "Scientific Reports" die dann folgende Geburt des Babys - und auch die Zeit danach. 

Bei der Geburt, die 33 Minuten dauerte, war die Mutter demnach von mehreren weiblichen Tieren umgeben. Am eindringlichsten war aber das Verhalten nach der Geburt: Binnen einer Minute hievten Wale beider Familien das Neugeborene mit ihren Köpfen und Rücken an die Wasseroberfläche und hielten es dort etwa eine Stunde lang - wohl um ihm das Atmen zu ermöglichen, bevor es gut selbstständig schwimmen konnte. 

Delfine und Grindwale als Zaungäste

Teilweise war der kleine Pottwal fast komplett aus dem Wasser gehoben, wie das Team berichtet. Fast alle Pottwale blieben in der Zeit dicht aneinander gedrängt. Möglicherweise sollte der enge Verbund ein Ertrinken des Neugeborenen verhindern, mutmaßt das Team. Möglicherweise diente er aber auch dazu, den kleinen Wal vor etwaigen Fressfeinden wie Haien zu schützen.

Eifrig umschwommen wurden die Pottwale während des Vorgangs von Zaungästen, die vermutlich von den Rufen der Tiere angelockt wurden: Fraser-Delfine (Lagenodelphis hosei) und Kurzflossen-Grindwale (Globicephala macrorhynchus). Erst etwa zwei Stunden nach der Geburt löste sich die Gruppe wieder auf.

Detailliertester Blick in wichtigen Moment im Leben eines Wals

Das Baby verblieb mit seiner Mutter "Rounder", seiner Halbschwester "Accra" und seiner Tante "Aurora". Wie das Team im Fachjournal "Scientific Reports" schreibt, wurde der junge Pottwal zusammen mit "Accra" und "Aurora" ein Jahr später wieder gesichtet.  "Das ist der detaillierteste Blick, den wir jemals in einen der wichtigsten Momente im Leben eines Wals hatten", sagte Co-Autor Shane Gero von der Carleton University in Ottawa, Kanada. "Weil dieser Familienverband seit Jahrzehnten untersucht wird, konnten wir sehen, was die Großmutter machte, wie sich die neue große Schwester verhielt und wie alle der Mutter und dem Neugeborenen halfen." 

Ein Über-Wasser-Halten nach der Geburt sei zuvor schon bei drei anderen Arten von Zahnwalen erfasst worden, erklärt das Team in "Scientific Reports": bei Kleinen Schwertwalen (Pseudorca crassidens), Schwertwalen (Orcinus orca) und Belugas (Delphinapterus leucas). Das Team vermutet daher, dass dieses Verhalten schon beim letzten gemeinsamen Ahnen dieser Arten verbreitet war, der vor mehr als 34 Millionen Jahren lebte. In "Science" schreiben die Autoren, ein solch komplexes Geburtshilfeverhalten erinnere an das Verhalten von Primaten und Menschen.