Die Beobachtungen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität von St. Andrews, Schottland, bestätigten Berichte von Seefahrern aus dem 19. Jahrhundert. Demnach sollten Pottwale mit dem Kopf gezielt Objekte gerammt und Schiffe unrettbar zerstört haben. Der bekannteste Fall ist der Untergang des 27 Meter langen Walfangschiffs "Essex". Das Segelschiff soll im Jahr 1820 vor den Galapagosinseln durch zwei Kopfstöße eines großen Pottwalbullen so schwer beschädigt worden sein, dass es sank.
Zufällig dokumentiertes Artverhalten
Zwischen 2020 und 2022 filmte das Forschungsteam um Alec Burlem mithilfe von Drohnen vor der Küste der Azoren und der Balearen. Dabei zeichnete es zufällig auch auf, wie sich einige junge Tiere gegenseitig Kopfstöße verpassten. Insgesamt wurden drei solcher Ereignisse gefilmt. Der Aufprall erfolgte entweder Kopf gegen Kopf oder Kopf gegen Körper, teils mit beträchtlicher Wucht.
Um die Funktion dieses Verhaltens verstehen zu können, sind laut den Forschenden weitere Beobachtungen nötig, insbesondere von großen Bullen. Derzeit verfolgen sie die Hypothese, dass solche Kopfstöße Teil des Konkurrenzkampfes zwischen Männchen sein könnten. Die Jungtiere könnten diese Verhaltensweise spielerisch trainieren, so wie es bei Rangeleien vieler heranwachsender Säugetiere der Fall ist.
Fachleute spekulieren über die Ursachen
Gegenstimmen betonen jedoch, die Kopfstöße seien zu diesem Zweck evolutionär unsinnig. Denn die Verletzungsgefahr für die 40 bis 60 Tonnen schweren Tiere ist groß. Schon beim Spiel können sich kleinere Tiere verletzen, wenn sie seitlich von einem größeren gerammt werden. In den massigen Schädeln der Pottwale befinden sich wichtige Organe zur Erzeugung von Lauten für die soziale Kommunikation, und ihre riesigen Gehirne sind noch weitgehend unerforscht. Pottwale verständigen sich über Klicksequenzen, sogenannte Codas. So können sie sich bei der Nahrungssuche und bei der Aufzucht der Jungtiere unterstützen. Ihre zur Echoortung produzierten Töne können Walforscher noch in etwa fünf Kilometer Entfernung aufspüren.
Weitere Forschung ist erforderlich
Der Lebensraum von Pottwalen ist die Tiefsee vom Äquator bis zu den Polen, fernab der Küsten. Geschlechtsreife Bullen bilden zunächst Junggesellengruppen und ziehen später als Einzelgänger durch die Meere. Forschende halten es für denkbar, dass die mit zunehmender sexueller Reife aggressiver werdenden Jungbullen aus ihrem Familienverband ausgeschlossen werden, wenn sie Gruppenmitglieder häufiger mit Kopfstößen traktieren.