Verbrechen aller Art üben auf uns Menschen eine besondere Faszination aus – und so manche Geschichte lauert sogar gleich hinter dem Gartentor. Elke Schwarzer wirft in ihrem Buch "Mord im Nacktschnecken-Milieu: Mysteriöse Kriminalfälle in deinem Garten" einen Blick in den Mikrokosmos zwischen Beet und Topf. Insgesamt 20 Fälle von Vandalismus bis zu heimtückischem Mord sind darin zu lösen. Lesen Sie bei uns exklusiv einen Fall aus dem Buch.
Was geschah
Das Abendessen musste noch mit Salbei aus dem Garten verfeinert werden. Aber da hatte wohl schon jemand dieselbe Idee gehabt ...
Die obersten Blätter waren ganz zerpflückt und grobschlächtig zerfleddert. Wer auch immer die Pflanze so zugerichtet hatte, brachte wohl nur das große Besteck mit und hatte keinerlei Gespür für Ästhetik – schließlich schneidet man immer direkt über einem Blattpaar ab und reißt nicht kreuz und quer an der Pflanze herum. Gärtnerische Erfahrung hatte der Dieb ja wohl eindeutig nicht. Aber einen guten Geschmack.
Tatort
Kräutergarten und Staudenbeet. Quer durch den Garten wurden die Blätter verschiedener Pflanzen zerfleddert und angebissen. Besonders auffällig ist der Schaden an einigen Küchenkräutern. Hier blieb der Schnittlauch immerhin unversehrt, genauso wie Sauerampfer und Meerrettich.
Indizien
- die obersten Blätter, manchmal auch seitlich am Stängel befindliche, sind zerfleddert
- es sind keine Kotspuren zu entdecken
- auffällig ist, dass immer nur aromatisch duftende Kräuter und Stauden betroffen sind, wie Zitronenmelisse, Salbei, Süßdolde, Lavendel, Bergminze, Currykraut, Minze, Oregano, Wohlriechendes Flohkraut, Gundermann, Fenchel oder Gold-Schafgarbe
- Pflanzen mit Senfölglykosiden wie Kohl und Senf oder Gewächse mit Oxalsäure wie Ampfer werden nicht angerührt
- der Vandalismus findet nur in einer kurzen Zeit im Frühjahr statt, nie im Sommer oder Herbst
Zeugen
- An einigen der geschädigten Pflanzen vermeldeten Zeugen tags zuvor einen Befall durch Schnecken, aber eben nicht an allen
- An einigen Kräutern wurde auch Raupenfraß gesichtet
- Die Gärtnerin meinte aus dem Augenwinkel gesehen zu haben, wie ein kleiner blauer Vogel aus dem Kräuterbeet flog
- Die Blaumeise hatte tatsächlich einen verdächtig grünen Schnabel
- Nachbars Kater wurde dabei beobachtet, wie er sich in der Katzenminze wälzte
Verdächtige
Die Indizien geben Rätsel auf: Der Täter war sehr gewissenhaft und hat keinerlei Spuren am Tatort hinterlassen – ein echter Profi. Weder ist an allen verstümmelten Pflanzen Schneckenschleim zu finden noch der Kotkrümel einer Raupe. Der Übeltäter ist offenbar nicht auf eine bestimme Staude festgelegt, sondern scheint nur nach dem Geschmack zu gehen. Gesucht wird also ein Connaisseur, der gern Blätter zerstückelt. Doch was ist sein Motiv?
Die Ermittler haben vier Hauptverdächtige ausgemacht und jeweils ein Profil erstellt (klicken Sie sich mit den Pfeilen durch die Liste der potenziellen Täter):
Hauptverdächtige
Hauptverdächtige
Fahndung (Auflösung)
Bei so vielen verschiedenen Pflanzen war es schlicht unmöglich, sie alle einer Kameraüberwachung zu unterziehen. Also wurde mit mittlerem Personaleinsatz nur das Kräuterbeet unter Ausschluss des Katers observiert und dies auch nur bei Tage, denn der blaue Vogel, den die Gärtnerin beobachtet hatte, war die einzige brauchbare Spur. Und tatsächlich ging den Fahndern die Blaumeise ins Netz, die Blätter abzupfte. Bei einer Hausdurchsuchung im Nistkasten wurden diese auf dem Nestrand drapiert wiedergefunden und zweifelsfrei als das Diebesgut identifiziert.
Motiv
Warum mag die Meise Minze, Melisse und Salbei? Was hat sie davon, wenn sie aromatisch duftende Blätter abzupft und ins Nest bringt? Denn von allen möglichen Gartenpflanzen pickt sie sich gezielt solche mit flüchtigen Duftstoffen heraus, die auch leicht von uns wahrgenommen werden können. Ihre Sammelleidenschaft ist besonders groß, wenn Nestlinge zu versorgen sind. Die abgezupften Blätter werden am Nestrand deponiert. Manche verduften sehr schnell und müssen nachgelegt werden, andere, wie Lavendellaub, halten ein paar Tage länger.
Die von der Blaumeise verwendeten Pflanzen sind solche, die auch uns Menschen bekannt sind für ihre antiseptische Wirkung, von antibakteriell über fungizid bis hin zu repellent gegenüber Insekten. Die Inhaltsstoffe sind Linalool, Kampfer, Limonen, Cineol, Pulegon oder Myrcen. Diese Hausapotheke der Meise vertreibt Parasiten wie Flöhe, Schmeißfliegen und Federlinge aus dem Nistkasten und fördert ganz allgemein die Gesundheit der Küken, indem Bakterienbefall gemindert wird.
Beihilfe zur Tat
Blaumeisen kann man leicht in einem giftfreien Garten mit Nistkästen fördern. Zur Wellnessoase wird ihr Revier mit einem reich ausgestatteten Kräutergarten, der alle ihre Lieblingspflanzen enthält.