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Nationalpark "Eine klaffende Wunde": Was die Waldbrände für die Sächsische Schweiz bedeuten

Die Bilder wirken verheerend, der Wald wird sich trotzdem erholen: Ein Lastenhubschrauber aus Österreich lässt Löschwasser auf Glutnester im Nationalpark Sächsische Schweiz fallen
Die Bilder wirken verheerend, der Wald wird sich trotzdem erholen: Ein Lastenhubschrauber aus Österreich lässt Löschwasser auf Glutnester im Nationalpark Sächsische Schweiz fallen
© picture alliance/dpa | Robert Michael
Hunderte Einsatzkräfte kämpfen derzeit mit letzten Glutnestern im Nationalpark Sächsische Schweiz. Die Lage sei unter Kontrolle, dennoch gefährlich. Während sich die Natur vom größten Waldbrand seit 1842 wohl schnell wieder erholen wird, sitzt der Schock bei den Menschen tief

Es begann Ende Juli hinter der deutsch-tschechischen Grenze. Zuerst fingen einzelne Bäume im Nationalpark Böhmische Schweiz Feuer, bald brannten ganze Waldgebiete lichterloh. Die Flammen gerieten außer Kontrolle, griffen über auf die Wälder der benachbarten Sächsischen Schweiz und entzündeten jene Landschaft, deren Sandsteinfelsen die Region weltberühmt machen. Tagelange Hitze und ausbleibender Regen hatten Totholz, Gestrüpp und Bäume zum Nährboden der Flammen gemacht.

Seither kämpfen Hunderte Rettungskräfte gegen die Naturgewalten. Das Gelände ist steil und vielerorts kaum zugänglich, was die Löscharbeiten zum Knochenjob werden lässt. Bis zu 15 Hubschrauber sind im Einsatz, werfen Löschwasser auf Brandherde und suchen mit Wärmebildkameras nach bislang unentdeckten Glutnestern. Am Boden können sich die Feuerwehrleute an vielen Stellen nur angeseilt fortbewegen.

Dennoch gelingt es den Einsatzkräften am zwölften Tag, den Brand auf rund 150 Hektar zu begrenzen. Das ist zwar nur ein Zehntel der Fläche, die auf tschechischer Seite gebrannt hat, trotzdem ist es der größte Brand, dem die Sächsische Schweiz seit 1842 ausgesetzt war.

Mittlerweile sind die Flammen weitestgehend unter Kontrolle, Entwarnung geben die Behörden dennoch nicht. Sorgen bereiten besonders jene Feuer, die aus dem Helikopter kaum zu erkennen sind. Die natürlichen Kiefern-, aber auch die aus der Forstwirtschaft stammenden Fichtenwälder haben eine dicke Rohhumusschicht erzeugt, die während des Sommers von trockenem Nadelstreu bedeckt ist. In diesen Schichten fressen sich die Flammen unterirdisch durch den Wald, brennen in über 50 Zentimetern Tiefe – quasi unter den Füßen der Feuerwehrmänner und -frauen. Also arbeiten sich diese tief in den Wald hinein, reißen den Boden mit Spaten auf, um ihn freizulegen für Löschwasser und Schaumteppiche, die aus der Luft abgeworfen werden.   

Welche Langzeitfolgen hat der Brand für die Sächsische Schweiz?

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer sprach von einer "klaffenden Wunde", die das Feuer in die Natur gerissen habe. Natürlich werde die Natur diese Wunde auch wieder heilen, damit jedoch werde sie lange zu tun haben. Und auch der Forstwissenschaftler Michael Müller warnt vor Langzeitfolgen. Weil bei solch intensiven Waldbränden die Humusdecke als auch die Bodenvegetation beinahe vollständig verbrennen, müsse man grundsätzlich mit Bodenerosionen rechnen, sagte er gegenüber dem MDR. Auch Felsstürze seien grundsätzlich denkbar.

Hanspeter Mayr, Sprecher des Nationalparks Sächsische Schweiz, sieht das gelassener: Zwar könne man nicht grundsätzlich ausschließen, dass die Felsstabilität durch die extreme Hitzebelastung punktuell geschwächt wurde, ein großflächiges Problem sei das jedoch nicht. Auch größere Erosionsschäden seien auf bisherigen Waldbrandflächen nicht zu beklagen gewesen.

Mayr rechnet damit, dass die heute verkohlten Waldgebiete schon bald wieder dicht bewachsen sind. "Ich stand gestern auf einer Fläche, die vor vier Jahren gebrannt hat, neben einer natürlich ausgesamten Birke, die mir bis zum Kinn reichte. Natürlich angeflogene Pappeln waren schon über zwei Meter groß und insgesamt bot die Fläche einen sehr grünen Eindruck. Das Ökosystem wird sich also schnell wieder erholen."

Die häufigsten Brandursachen sind illegale Lagerfeuer und weggeworfene Zigarettenkippen  

Der Schock in der Bevölkerung hingegen sitzt tief. Nicht nur der hohe emotionale Wert, den das Elbsandsteingebirge für ganz Sachsen besitzt, spiele eine Rolle, sondern auch das Einkommen, das an die Besuchermassen gekoppelt ist. Auch deshalb betont Mayr, dass der Waldbrand lediglich eine Fläche von 1,6 Prozent des fast 10.000 Hektar großen Nationalparks erfasst hat – welcher selbst nur ein Viertel der Region Sächsische Schweiz ausmacht. Und bittet Touristinnen und Touristen bei aller gebotenen Vorsicht, ihre Reisen nicht zu stornieren.

Gleichzeitig stellen manche der Besucherinnen und Besucher die größte Gefahr für die Waldgebiete dar. Fast ausschließlich sind es illegale Lagerfeuer oder weggeworfene Zigarettenkippen, die trockenes Geäst entzünden und großflächige Brände auslösen. Spätestens mit Beginn der Corona-Pandemie und dem Ansturm auf heimische Urlaubsziele, wurde das Übernachten in sogenannten Boofen, kleinen Felsüberhängen im Nationalpark, zu einem gravierenden Problem. Einst war die Tradition sächsischen Kletterern vorbehalten, heute übernachten immer mehr Besucherinnen und Besucher im Freien, oftmals inklusive romantischem Lagerfeuer.

Die meisten bleiben den Rangern wohl verborgen, trotzdem finden sie jedes Jahr zwischen 300 und 500 illegale Feuerstellen im Nationalpark. Die nächtlichen Kontrollen sollen in diesem Sommer weiter verstärkt werden, auch ein Polizeihubschrauber aus Dresden kommt mittlerweile zum Einsatz. Er soll potenzielle Brandherde mit einer Wärmebildkamera aus der Luft identifizieren.


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