Waldschutz in Äthiopien Wilder Kaffee, digitale Daten: Was die EU von Kleinbauern verlangt

  • von Josefine Rein
Wald Äthiopien
Die bergigen Wälder Kaffas im Süden Äthiopiens sind die Heimat des Arabica-Kaffees
©  Ines Possemeyer
Seit Jahrhunderten sammeln äthiopische Bäuerinnen und Bauern wilden Kaffee im Regenwald, ohne die Natur zu zerstören. Mit der geplanten EU-Entwaldungsverordnung müssen sie das nun beweisen

Die Kaffeesträucher in den schattigen Wäldern Äthiopiens ragen hoch unter das Blätterdach. Sie wachsen wild, ohne dass Menschen sie pflanzen, düngen oder stutzen. Versteckt im grünen Dickicht leuchten die letzten roten Kaffeekirschen der Saison. Melese Mamo erspäht sie alle. Mit seinem Körpergewicht hängt er sich an einen mit Moos überwucherten Ast, um ein paar der Kirschen zu sich hinunterzuziehen. Er pflückt sie eine nach der anderen und präsentiert seine vollen Hände. Um seinen Wald und dessen Schätze zu zeigen, hat sich Melese* ein gebügeltes Hemd, darüber eine schwarze Pailletten-Jacke angezogen. 

Er lebt in Kaffa, einer hügeligen Region im Süden Äthiopiens, die als Heimat des Arabica-Kaffees gilt. Seit Jahrhunderten sammeln äthiopische Bauern und Bäuerinnen wilden Kaffee im Regenwald, ohne dabei den Wald zu zerstören. Seit mehr als 20 Jahren wird ihre Ernte auch als Wildkaffee in deutschen Bioläden verkauft. Will Melese seine Bohnen weiterhin nach Deutschland liefern, muss er nun beweisen, dass er für seinen Kaffee keine Bäume gefällt hat. 

Anders als zum Beispiel in Brasilien mit seinen Tausende Hektar großen Plantagen wächst der äthiopische Hochlandkaffee meist in sogenannten Agroforsts, also im Wald gepflanzt, in kleinen Gärten oder gar wild – ohne menschliche Bewirtschaftung. Das Land am Horn von Afrika ist der größte Kaffeeproduzent des Kontinents. Rund 20 Millionen Menschen arbeiten in dem Sektor, der etwa 35 Prozent des Außenhandels ausmacht. Mehr als ein Drittel des äthiopischen Kaffeeexports geht in die Europäische Union. 

Der EU-Kaffeekonsum trägt zur Waldzerstörung bei: Seit Beginn des 21. Jahrhunderts wurden für den Kaffeeanbau weltweit fast zwei Millionen Hektar Wald abgeholzt. Deshalb plant die EU mit einer Entwaldungsverordnung, die Einfuhr von Kaffee und anderen Agrarprodukten zu verbieten, für deren Anbauflächen nach 2020 Wald gerodet wurde. Nachdem das Gesetz bereits zwei Mal verschoben wurde, soll es nun Ende 2026 in Kraft treten; kleinere Unternehmen erhalten einen Aufschub bis Juni 2027. Bis dahin müssen auch in Äthiopien jeder und jede einzelne Kleinbauer und -bäuerin den digitalen Nachweis erbringen. Doch anders als technologisch gerüstete Plantagenunternehmen besitzen die meisten Familienbetriebe dafür nicht mal ein Smartphone. 

Im November, wenn sich die Kaffeekirschen in seinem Waldgebiet rot färben, macht sich Melese Mamo nach seinem Morgenkaffee auf, um mit seiner Familie zu ernten. Er erzählt, wie sie dann mit geflochtenen Körben auf den Köpfen durch den dichten Wald streifen und Kaffee sammeln. Wenn die Sonne untergeht, bringen sie ihre Ausbeute zur Genossenschaft, wo sie auf Bambustischen getrocknet wird. Bis zu einer Tonne Kirschen kann die Familie auf dem ihr zugeteilten Hektar Wald in einer Saison ernten. Daraus entstehen später etwa 160 Kilogramm Kaffeebohnen.

Wildkaffeebauer pflückt Kaffeekrischen
Melese Mamo bewahrt den Wald für seine Kinder. Er erntet nur, was die Natur verträgt – wilden Kaffe, Kardamom und Honig
© Josefine Rein

Mit ihrer Farm ernähren Melese Mamo und seine Frau die Familie, mit dem Geld aus der Kaffeeernte schicken sie ihre vier Kinder zur Schule. "Der Kaffee sorgt für uns. Und weil die schattigen Bäume für den Kaffee sorgen, sorgen wir für den Wald", sagt er. Um diesen Kreislauf nicht zu stören, nimmt er dem Wald nur so viel, wie dieser verkraftet: Melese sammelt wilden Kardamom fürs Abendessen und Blätter für das Vieh. Sein Sohn klettert in die Baumwipfel, wo er Bienenstöcke aufhängt, um den Honig wilder Bienen zu gewinnen. Die Kaffeekirschen, die zu hoch hängen, um sie zu pflücken, fallen auf den Waldboden, und mit den Jahren wachsen neue Kaffeesträucher heran.  

Schon Meleses Vater sammelte in diesem Teil des Kichib-Waldes oberhalb eines schmalen Pfades. Traditionell weiß jede Familie welches Gebiet sie nutzt, kennt die Bäume, Wege und Lichtungen, die die Grenzen markieren. Die Verantwortung für den Wald trägt aber die Gemeinschaft: Sie trifft Entscheidungen über Nutzung und Schutz der Natur. Das soll verhindern, dass sich Einzelne auf Kosten aller bereichern. 

Anfang der 2000er-Jahre halfen Nichtregierungsorganisationen dabei, diese Form der kollektiven Selbstverwaltung rechtlich anzuerkennen. Mit Unterstützung von GEO schützt den Regenwald e.V. hat die äthiopische Regierung Dorfgemeinschaften Nutzungs- und Schutzrechte für rund 36.000 Hektar Wald übertragen. Es sind die am besten erhaltenen Wälder der Region, wie Zahlen des Vereins belegen. "Ich kann drei Tage durch unseren Gemeinschaftswald laufen, ohne sein Ende zu erreichen", sagt Melese. Dass er und etwa 7000 weitere Wildkaffeesammlerinnen und -sammler nun nachweisen müssen, dass ihre Nutzung den Wald nicht beeinträchtigt, bedeutet entlang der Lieferkette: Bürokratie. 

Eine Gruppe Arbeiter wuchtet Säcke vom Lastwagen, schultert sie und trägt sie in eine leere Lagerhalle. Es ist die erste Wildkaffeelieferung der Saison. Bisher lag die Ernte von Melese und den anderen zur Trocknung in den 54 Genossenschaften der Region verteilt, nun bringen sie ihre Ware zur "Kafa Forest Coffee Farmers' Cooperative Union". Der Genossenschaftsverband vermarktet Wildkaffee sowie Waldkaffee aus Agroforstwirtschaft. Beim Verband wird der Kaffee geschält, bevor er dann weiter zum Hafen von Dschibuti geht. Dort wird er einem deutschen Unternehmen übergeben. Es gibt keine Zwischenhändler, die Lieferkette ist kurz. Auch die Genossenschaften beziehen ausschließlich von ihren festen Mitgliedern. Anders als beim Plantagenkaffee ist die Rückverfolgung beim Wild- und Waldkaffee also vergleichsweise einfach. 

Kaffee trocknet auf Bambustischen
In den Genossenschaften wird der Wildkaffee nach der Ernte getrocknet, gewaschen und geschält. Geliefert wird nur von festen Mitgliedern – so bleibt die Herkunft des Kaffees klar rückverfolgbar
© Original Food

Fisseha Alamu vom Genossenschaftsverband prüft die Herkunft der Säcke: Sie stammen aus dem Dorf Kuti. Mit dem Inkrafttreten der Entwaldungsverordnung wird er für jede Lieferung zum Hafen eine detaillierte Liste der Sammlerinnen und Sammler vorlegen müssen – samt Koordinaten der Erntegebiete. Der Importeur gleicht die aktuellen Satellitenbilder der Standorte anschließend mit Aufnahmen aus dem Jahr 2020 ab. So kann er bei der Einfuhr des Kaffees im Hamburger Hafen belegen, dass sich der Baumbestand seitdem nicht verringert hat. Die größte Herausforderung für Fisseha: die Standorte Tausender Farmen und weitläufiger Sammelgebiete zu erfassen. Dafür schickt er Datensammler in den Wald.

Das Tablet von Sintayehu Belachew zeigt das Satellitenbild eines Waldes. Ein roter GPS-Punkt markiert seine Position unter dem lockeren Blätterdach. Eine Kaffeegenossenschaft hat Sintayehu beauftragt, die Farmen ihrer rund 400 Mitglieder abzulaufen und ihre Daten zu sammeln. Der 26-Jährige ist für die Aufgabe ideal: Er stammt aus der Region, kennt viele der Bauern und Bäuerinnen persönlich – und er besitzt ein Smartphone, weiß, wie man mit Android arbeitet. Er hat die zehnte Klasse beendet, sein Englisch reicht aus, um den Anweisungen in der Daten-App zu folgen. Diese fordert Sintayehu nun auf, den Standpunkt zu speichern: Breitengrad 7,296 Nord, Längengrad 36,146 Ost. Als Nächstes befragt Sintayehu den Bauern und trägt die Informationen in das Programm ein: Name – Balacho Woldemaryam; Größe der Farm – zwei Hektar; Anbauform – halbnatürlichen Wald; Gerodet – 2008. 

Gemeinsam für den Schutz der Kaffeewälder

Der Verein "GEO schützt den Regenwald" engagiert sich seit mehr als 25 Jahren für den Schutz der Kaffeewälder und ein besseres Leben der Menschen vor Ort. Möchten Sie sich mit einsetzen? Projektinfos finden Sie hier.

Unter dem lichten Kronendach der alten Bäume stehen die Kaffeesträucher in lockeren Reihen. Sie sind deutlich kleiner und jünger als die wilden Kaffeebäume von Melese Mamo. Wie Melese sammelte auch Balacho Woldemaryam früher ausschließlich wilden Kaffee. Doch der Druck, das Schulgeld für seine acht Kinder aufzubringen, ließe ihm kaum eine Wahl, sagt er. Auf diesem Land außerhalb der Naturschutzzone fällte er einzelne Bäume, ein paar ließ er stehen – das ist ihm wichtig zu betonen. Im Schatten der verbleibenden Bäume legte er seinen Kaffeegarten an. Hier pflanzt und düngt Balacho, der Ertrag ist dadurch etwa viermal so hoch. Auch in Zukunft wird er seinen Kaffee nach Deutschland exportieren dürfen, weil er die Bäume vor 2020 gerodet hat. 

Die Bevölkerung Äthiopiens wächst – viele Familien müssten ihre Kaffeeflächen ausweiten, um überleben zu können, erzählen Mitglieder der Genossenschaften. Mit gravierenden Folgen: Ende der 1960er-Jahre waren noch rund 40 Prozent Äthiopiens von dichtem Wald bedeckt; heute sind es nur noch etwa zwei Prozent. Die Bäume wichen Kaffeefarmen, Tefffeldern und Weideflächen.

Tablet mit Satelitenbildern
Sintayehu Belachew und sein Team müssen die GPS‑Punkte von 13.000 Kleinbäuerinnen und ‑bauern erfassen. Für die Sammelgebiete des Wildkaffees läuft er kilometerweit durch den Wald
© Josefine Rein

In den verbleibenden Wäldern nach den Kaffeesammelgebieten zu suchen sei besonders mühsam, sagt Datensammler Sintayehu Belachew. "Man kämpft sich kilometerweit durch das Gestrüpp in den Hügeln, nur um einen einzelnen Punkt zu erfassen." Entsprechend zeitaufwendig ist die Arbeit: Gerade mal sechs Bäuer*innen schafft er an einem Tag. Zugleich drängt die Zeit: Der Genossenschaftsverband verfügt lediglich über vier Tablets, die zwischen den Genossenschaften rumgereicht werden müssen. Finanziert wurden die Geräte vom deutschen Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), der Importeur Original Food hatte sich um die Gelder bemüht. Bislang hat der Verband erst für etwa 1000 der 13.000 Wild- und Waldkaffee-Anbauenden Geodaten erhoben.

Auch wenn der Aufschub der Verordnung diesen mehr Zeit verschafft habe, fehle es ihnen weiterhin an Geld für die Anpassungen, sagt Fisseha vom Genossenschaftsverband – etwa für zusätzliche Tablets und für Datensammler wie Sintayehu. Falls die Daten regelmäßig aktualisiert werden müssen – die langfristigen Anforderungen der EU sind noch unklar –, kommen weitere Kosten auf die Genossenschaften zu. 

Bauer Melese Mamo sagt, er schütze den Wald für seine Kinder, nicht für die Europäische Union. Wenn die EU und die Importeure nun eigene Auflagen festlegen, dann müssten sie auch den Preis dafür zahlen. "Wir Bauern bekommen nur einen Bruchteil des Geldes, das die Menschen in Europa mit unserem Kaffee verdienen. Wir können uns das schlicht nicht leisten." Von den 40 Euro, die in Deutschland ein Kilo Wildkaffee kostet, erhält Melese etwa vier Euro – Plus eine Beteiligung am Gewinn, die ihm die Genossenschaft am Ende des Jahres auszahlt. Der Rest der Wertschöpfung entsteht in Deutschland – durch Röstung, Verpackung, Lagerung und Transport.

Fisseha Alamu vom Genossenschaftsverband hofft, dass die EU-Verordnung dazu beitragen wird, die jahrhundertealte Wildkaffeekultur zu bewahren – und damit auch den Wald zu schützen. Doch schafften es die äthiopischen Bäuer*innen nicht, bis zum Stichtag alle Daten zu sammeln, würden viele künftig auf die Märkte in Saudi-Arabien und China ausweichen, befürchtet Fisseha. Dort seien die Preise zwar schlechter, aber die Exporte blieben weitgehend frei von strengen Regularien. "Aber der Wald hätte davon nichts gewonnen." 

 

* In Äthiopien werden Menschen meist beim Vornamen genannt. 

Hinweis: Diese Reportage entstand im Rahmen einer Recherchereise von journalist.network.