Umweltmedizin Warum Frühlingsluft so gut riecht – und unsere Gesundheit fördert

Im Frühling füllt sich die Luft mit Duftstoffen aus Boden und Pflanzen: ein unsichtbarer Cocktail, der unserem Körper guttut
Im Frühling füllt sich die Luft mit Duftstoffen aus Boden und Pflanzen: ein unsichtbarer Cocktail, der unserem Körper guttut
© Buena Vista Images / Getty Images
Warum riecht die Luft im Frühling plötzlich anders und scheint uns zu beleben? Die Antwort führt tief in den Boden, in die Blätter der Bäume. Und sogar in unser Immunsystem

Ein milder Märztag, der Boden noch dunkel vom letzten Schauer. Pfützen glitzern, irgendwo dampft eine Rabatte. Und dann ist er da: dieser Duft, der wie ein Versprechen in der Luft liegt. Erdig ist er, grün, wild, voller Energie. Der Frühling riecht anders. Und das ist kein poetischer Eindruck. Sondern pure Chemie. 

Das typische Frühlingsaroma setzt sich zusammen aus einer Vielzahl flüchtiger Moleküle. Und die stammen aus unterschiedlichen Quellen: von Mikroben zum Beispiel, die aus der Winterruhe erwachen. Von Pflanzen, die ihre Stoffwechselmotoren hochfahren. Und vom Regen, der die Duftstoffe in die Luft schleudert. Was wir da einatmen, ist ein Signal, dass draußen etwas umschaltet. Von Sparmodus auf Wachstum.

Der Erdgeruch ist ein Bakteriengruß

Der stärkste Ton in dieser Frühlingsmischung stammt ausgerechnet von Wesen, die kaum jemand im Blick hat: Bodenbakterien. Vor allem Arten aus der Gattung Streptomyces, die rege werden, sobald sich der Untergrund erwärmt und feucht wird. Dann wachsen die Mikroben, beginnen Sporen zu bilden. Und genau in dieser Phase produzieren viele von ihnen Geosmin, ein kleines Molekül, auf das unsere Nase hochempfindlich reagiert. Schon geringste Konzentrationen reichen, um uns den Eindruck von "Erde" zu vermitteln. Es ist der Geruch von frisch aufgerissenem Boden, von nassen Beeten, von einem Waldweg nach einem Gewitter.

Warum es just nach einem Regenguss so stark nach Erde riecht, war lange nicht ganz klar. Doch inzwischen haben Hochgeschwindigkeitsaufnahmen den Mechanismus dahinter aufgedeckt: Prallen Tropfen auf poröse Oberflächen, schließen die Spritzer winzige Luftblasen ein und reißen sie mit nach oben. Auf ihrem Weg platzen die Bläschen, wie in einem Mini-Champagner. Und so entstehen Aerosole: feinste Tröpfchen, so leicht, dass sie durch die Luft schweben. Der Regen hebt gewissermaßen den Frühling aus dem Boden in unsere Nasenlöcher.

Ein hübsches Detail dabei: Am intensivsten funktioniert dieser Effekt bei leichtem bis mäßigem Regen. Genau dem Wetter, das im Frühling so typisch ist. Ein kurzer Schauer, ein Streifen Sonne, dann wieder Tropfen. Die Atmosphäre wird zur Mischanlage. Und wir stehen mittendrin. 

Doch der Duft des Frühlings steigt nicht nur aus dem Boden. Auch über unseren Köpfen verändert sich die Luft. Sobald die Tage länger werden und die Sonne wieder Kraft gewinnt, beginnen Pflanzen ihren Stoffwechsel hochzufahren, betreiben Fotosynthese. Und damit springt eine biochemische Fabrik an, die ein ganzes Bouquet flüchtiger Moleküle produziert. Bäume und Sträucher setzen sogenannte biogene flüchtige organische Verbindungen frei, kurz BVOCs (Biogenic volatile organic compounds). Dazu gehören vor allem Terpene, aromatische Kohlenwasserstoffe, die vielen Pflanzen ihren charakteristischen Duft verleihen.

Messungen an Waldkiefern zeigten, dass die Freisetzung bestimmter Monoterpene im Frühling sprunghaft ansteigen kann. Forschende sprechen gar von einem "Monoterpen-Burst": einem regelrechten Duftschub, bei dem Bäume mit einem Mal ein Vielfaches der üblichen Menge in die Luft freisetzen. 

Der Grund: Im Frühjahr nehmen die Pflanzen via Fotosynthese wieder Lichtenergie auf, doch die CO2-Fixierung läuft zunächst recht ineffizient. Ein Teil der überschüssigen Energie wird offenbar in die Produktion von Terpenen umgeleitet. Diese Moleküle wirken wie ein Sicherheitsventil: Sie helfen der Pflanze, sich vor Schäden durch zu viel Licht zu schützen. Für unsere Nase hat das eine angenehme Nebenwirkung. Terpene wie α-Pinen oder Limonen prägen den Duft vieler Wälder: diese harzige, frische Note.

Warum der Frühlingsduft unserem Körper guttut

Viele dieser Moleküle gehören zu einer Stoffgruppe, die Forschende Phytonzide nennen: flüchtige Verbindungen, mit denen Pflanzen sich gegen Bakterien, Pilze oder Insekten verteidigen.

Wer im Frühling durch einen Wald geht, kennt das Gefühl: Die Luft wirkt klarer, intensiver, fast belebend. Hinweise darauf, dass Phytonzide auch auf Menschen wirken, gibt es tatsächlich. Mehrere Studien aus der Umweltmedizin haben untersucht, wie Waldluft das Immunsystem beeinflusst. In Experimenten mit Probanden, die mehrere Tage in Waldgebieten verbrachten, stieg die Aktivität natürlicher Killerzellen im Blut an. Immunzellen, die etwa infizierte Körperzellen erkennen und zerstören können. Gleichzeitig sanken Stresshormone wie Cortisol oder Adrenalin.

Ein Teil dieser Effekte wird den eingeatmeten Terpenen zugeschrieben. In Laborversuchen konnten einige dieser Moleküle tatsächlich die Aktivität von Immunzellen steigern oder entzündliche Prozesse dämpfen. Allerdings mahnen Forschende zur Vorsicht bei der Interpretation: Viele Studien arbeiten mit kleinen Stichproben, und bei Waldaufenthalten wirken viele Faktoren gleichzeitig – Bewegung, Licht, Geräusche, der Abstand vom Alltag. Die Duftstoffe der Pflanzen sind vermutlich ein Baustein unter mehreren, die das Wohlbefinden beeinflussen.

Vielleicht ist das der eigentliche Zauber des Frühlingsdufts. Er erinnert unseren Körper daran, dass das wieder Leben in Gang kommt. Wir gehen hinaus, atmen tiefer, spazieren. Licht, Luft und Bewegung wirken wie eine kleine Kur nach dem Winter. Der Duft heilt uns nicht. Aber er lockt uns dorthin, wo Gesundheit beginnt: nach draußen.

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