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Abholzung Warum der Hunger nach Palmöl Zoonosen befeuert

Schneller Profit vor langfristigem Nutzen: In tropischen Regionen muss Regenwald oft Palmöl-Plantagen weichen
Schneller Profit vor langfristigem Nutzen: In tropischen Regionen muss Regenwald oft Palmöl-Plantagen weichen
© Richard Whitcombe/Shutterstock
Eine neue Studie zeigt: Wuchernde Palmölplantagen führen zu immer mehr Krankheiten, die von Tieren auf Menschen übertragen werden

Das Abholzen von ursprünglichem Wald ist nicht nur einer der Gründe für den dramatischen Artenschwund weltweit. Es bedroht auch die menschliche Gesundheit. Denn überall dort, wo die Natur und ihre Bewohner zurückgedrängt werden, gehen mehr Krankheitserreger von Tieren auf Menschen über. Jüngstes Beispiel: COVID-19. Diesen Zusammenhang unterstreicht nun eine neue Studie eines französischen Forscherteams, erschienen im Journal Frontiers in Veterinary Science. Demnach befeuert besonders der weltweite Hunger nach Palmöl diese beunruhigenden Trends.

Die Forscher um den Biogeografen Serge Morand nutzten Daten der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), der Weltbank und einer weltweiten Datenbank zu Epidemien. Für den Zeitraum von 1990 bis 2016 haben sie sich angesehen, wo auf der Welt Zoonosen, also dokumentierte Krankheitsübertragungen von Tieren auf Menschen, aufgetreten sind.

Klarer Zusammenhang von Bevölkerungsentwicklung, Abholzung und Zoonosen

Die Gideon Epidemic Database dokumentiert für den untersuchten Zeitraum insgesamt 3884 Ausbrüche von 116 verschiedenen Zoonosen. Und darüber hinaus 1996 Ausbrüche von Krankheiten, bei denen Mücken, Fliegen oder Zecken als Überträger dienen, wie etwa bei der Malaria.

Das Ausbruchsgeschehen setzten die Forscher in Beziehung zur Bevölkerungsentwicklung und zum Voranschreiten der Abholzung für Palmölplantagen. Das Ergebnis ist deutlich: Vor allem in tropischen Regionen gab es mehr Ausbrüche, je größer die Plantagen wurden.

Den Zusammenhang erklären die Forscher so: Krankheiten werden im intakten Ökosystem „gefiltert“ und „blockiert“ durch eine Vielzahl an Habitaten und Fressfeinden. Wird diese Vielfalt durch Monokulturen wie Palmöl- und Eukalyptus-Plantagen oder Sojafelder ersetzt, verschwinden spezialisierte Arten. Auf der anderen Seite profitieren davon Tiere, die mit den unterschiedlichsten Lebensbedingungen zurechtkommen. Etwa Ratten oder Moskitos, die in der Tierwelt und unter den Menschen zunehmend Krankheitserreger verbreiten.

Ein Treiber für die Palmöl-Industrie ist der wachsende Hunger nach sogenannten Biokraftstoffen. Die Europäische Union will die Verwendung von solchen Kraftstoffen zwar auf null herunterfahren – aber nicht vor dem Jahr 2030. Durch die Verwendung von sogenanntem Biosprit avancierte die EU nach Indien mit jährlich vier Millionen Tonnen zum zweitgrößten Importeur von Palmöl. Mehr als die Hälfte davon landet in den Tanks von Fahrzeugen.

Selbst Aufforstung führt zu mehr Infektionen

Eine überraschende Erkenntnis der Studie: Aufforstung kann, anders als vermtutet, einen ähnlichen Effekt haben wie Abholzung. Auch hier ist der Grund den Wissenschaftlern zufolge eine zu geringe Artenvielfalt. Werden beim Aufforsten nur wenige Spezies verwendet, so weicht meist artenreiches Grasland artenarmen Monokulturen. Dies sei besonders bei Wiederbewaldung der Fall, die letztlich der Holzgewinnung dient.

Notwendig sei es daher, so die Forscher, den Verlust artenreicher, ursprünglicher Wälder zu stoppen. Auch die Aufforstung müsse verbessert werden: damit neue Wälder nicht nur einen Beitrag zum Erhalt der Biodiversität und zum Klimaschutz leisten könnten, sondern auch zur Sicherung von Gesundheit und Einkommen der lokalen Bevölkerung.


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