UN-Report Eine Million Arten betroffen: Das sechste Massenaussterben ist in vollem Gange

150 Wissenschaftler haben 15.000 Studien zur Artenvielfalt und zum Zustand der Ökosysteme ausgewertet. Ihr Befund ist erschreckend
Insektensterben

Bis zu eine Million Arten könnten innerhalb der kommenden Jahrzehnte aussterben

Was der IPCC für das Klima, ist der IPBES für die Artenvielfalt. Die Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES), so die offizielle Bezeichnung, ist zwar weit weniger bekannt als die IPCC. Doch seine Botschaft ist nicht weniger wichtig. Und strotz nur so vor Expertise.

Drei Jahre lang haben 150 Wissenschaftler aus 50 Ländern, mit der Unterstützung weiterer 310 Experten fast 15.000 Studien und Berichte ausgewertet. Der Entwurf ihres Abschlussberichts, des ersten seiner Art, zeichnet ein düsteres Bild vom Zustand des Lebens auf der Erde.

Eine Million Arten vom Aussterben bedroht

Die Schlagzeile des Berichts: Bis zu einer Million Tier- und Pflanzenarten werden innerhalb der nächsten Jahrzehnte durch den Einfluss des Menschen an der Rand der Ausrottung gedrängt werden. Und die zunehmende Luftverschmutzung, schwindende Fischbestände, der Verlust von Trinkwasserreserven, bestäubenden Insekten und für den Küstenschutz wichtigen Mangroven stelle für die Menschheit kein geringes Risiko dar als der Klimawandel.

Der Report warnt vor einem sich rasch beschleunigenden globalen Artensterben. Die Geschwindigkeit, mit der Arten aussterben, sei jetzt schon Hunderte Male höher als im Schnitt der vergangenen zehn Millionen Jahre.

Das sechste Massenaussterben hat begonnen

Experten sprechen auch vom sechsten Massenaussterben in der Geschichte des Lebens auf der Erde. Das letzte ereignete sich demnach vor rund 66 Millionen Jahren, als ein kilometergroßer Asteriod auf der Erde einschlug.

Als Gründe für das gegenwärtige Aussterben nennt der Report – mit abnehmender Wichtigkeit - den Verlust von Lebensraum und Landnutzungsänderungen, Jagd und Wilderei, Klimawandel, Umweltgifte und invasive Arten wie Ratten, Mücken und Schlangen.

Es gebe, sagte IPBES-Chef Robert Watson der Nachrichtenagentur AFP, zwei große indirekte Treiber des Artensterbens und des Klimawandels: die Zahl der Menschen auf der Erde und ihre wachsende Fähigkeit zu konsumieren.

Drei Viertel des Landes "stark verändert"

Weiter heißt es in dem Bericht, drei Viertel aller Landflächen seien durch den Menschen stark verändert worden – etwa durch Entwaldung. Artenschwund und Klimawandel würden besonders indigene Völker und arme Bevölkerungsteile treffen. Zudem seien Subventionen für nicht-nachhaltige Fischerei, industrielle Landwirtschaft, Viehzucht, Wald- und Bergbau und Bioenergie ineffizient und würden den Überkonsum befeuern.

Ab dem 29. April tagt der IPBES in Paris. Die endgültige Fassung des Berichts wird am 4. Mai der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Zwar kann es noch Änderungen bei den Formulierungen geben. Die Zahlen allerdings stehen nicht zur Disposition.