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Zertifikate-Handel Verbraucherschützer: Unternehmen etikettieren "grauen" Strom zu Ökostrom um

Die Deutsche Bahn nutzte eigenen Angaben zufolge 2019 genau 61,1 Prozent Ökostrom. Aus welchen Quellen, verriet sie der Deutschen Umwelthilfe nicht
Die Deutsche Bahn nutzte eigenen Angaben zufolge 2019 genau 61,1 Prozent Ökostrom. Aus welchen Quellen, verriet sie der Deutschen Umwelthilfe nicht
© IMAGO / Jochen Tack
Eine Umfrage der Deutsche Umwelthilfe zeigt: Deutsche Unternehmen deklarieren konventionellen Strom mithilfe von "Ramsch-Zertifikaten" in Grünstrom um. So funktioniert der Handel mit den Herkunftsnachweisen

Viele Unternehmen werben inzwischen damit, bis zu 100 Prozent klimafreundlichen Strom aus erneuerbaren Energien zu nutzen. Das klingt gut, aber aus welchen Quellen stammt der Strom wirklich? Und ist damit in jedem Fall eine Klimaschutzwirkung verbunden?

Das hat sich nun die Deutsche Umwelthilfe (DUH) genauer angesehen. Die Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation bat insgesamt 66 deutsche Unternehmen, darunter die Deutsche Bahn, Siemens und Google Deutschland, um Auskunft über ihre Strom-Quellen. Dabei zeigte sich: Überwiegend nutzen deutsche Unternehmen die Möglichkeit, den konventionellen, "grauen" Strommix von der Strombörse in "klimafreundlichen" Strom umzuetikettieren. Möglich machen das so genannte Herkunftsnachweise (HKN).

Wie der Handel mit Herkunftsnachweisen funktioniert

Diese Nachweise werden immer dann ausgestellt, wenn irgendwo in Europa eine Megawattstunde Strom mit Wind-, Sonnen- oder Wasserkraft erzeugt wird. Das Dokument ist sozusagen die Geburtsurkunde einer Grünstrommenge, die ins Netz eingespeist wird. Der Erzeuger kann nun beide, den Strom und den Nachweis, getrennt voneinander verkaufen.

Verkauft aber zum Beispiel der Betreiber eines norwegischen Wasserkraftwerks die HKN separat, darf er die entsprechende Strommenge nicht auch noch als Grünstrom vermarkten. Das ist auch der Grund, warum in Norwegen im Jahr 2019 offiziell zu 82 Prozent "grauer" Strom gehandelt wurde, obwohl 98 Prozent aus erneuerbaren Quellen stammten.

Da die HKN kostengünstig zu haben sind – die Umwelthilfe spricht auch von "Ramsch-Zertifikaten" –, können Unternehmen in Deutschland günstigen konventionellen Strom von der deutschen Strombörse damit zu billigem "Grünstrom" umetikettieren. Der Umfrage der DUH zufolge beziehen die Unternehmen in Deutschland auf diese Weise dreimal so viel umetikettierten wie echten Grünstrom.

Das Problem dabei: Der umetikettierte Strom regt keinerlei Investitionen in klimafreundliche Energieerzeugung an. Die DUH spricht in einer Broschüre mit den Ergebnissen der Umfrage sogar von einer "massiven Täuschung der Verbraucher*innen."

Keine Antwort von 47 Unternehmen

"Die wenigsten Unternehmen investieren in den Bau neuer Erneuerbarer-Energien-Anlagen", sagt Constantin Zerger, Leiter Energie und Klimaschutz der DUH. "Stattdessen kaufen viele Unternehmen billige Ökostrom-Zertifikate von alten Wasserkraftwerken. Das ist unredlich und muss unterbunden werden." Die kommende Bundesregierung fordert Zerger auf, diese Praxis zu unterbinden, da sie die Energiewende durch fehlende Investitionen regelrecht ausbremse.

Von den angeschriebenen Unternehmen betreiben nach eigenen Angaben zwölf eigene Erneuerbare-Energien-Anlagen, sieben von ihnen haben Verträge mit inländischen Grünstrom-Lieferanten. Neun Unternehmen gaben an, HKN zu nutzen, und 47 antworteten überhaupt nicht.

Hier "vermutet" die DUH, dass mit dem Kauf vom Herkunftsnachweisen die "günstigste Beschaffungsoption" gewählt worden sei – und nennt das: Greenwashing.


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