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Gipsabbau Warum der Kohleausstieg Naturschützer auf den Plan ruft

Gipsgrube bei Osterrode im Südharz (Foto: Tobias Barz/​Wikimedia Commons)
Gipsgrube bei Osterrode im Südharz (Foto: Tobias Barz/​Wikimedia Commons)
Das Ende der Kohleverstromung stellt die Bauindustrie vor eine ungeahnte Herausforderung. Denn Gips fiel bislang in großen Mengen bei der Rauchgasentschwefelung an. Nach dem Willen der Industrie sollen nun verstärkt natürliche Vorkommen ausgebeutet werden

Der Kohleausstieg bis 2038 ist beschlossene Sache: Erst Anfang des Jahres gingen elf Kohlekraftwerke vom Netz, darunter auch das erst 2015 in Betrieb genommene Hamburger Kohlekraftwerk Moorburg.

Doch während Klimaschützer aufatmen, treibt der Ausstieg der Bauwirtschaft die Sorgenfalten auf die Stirn. Denn in Kohlekraftwerken fiel bislang ein Großteil des Rohstoffes für die Gipsproduktion in Deutschland an. Genau genommen, in den Rauchgas- Entschwefelungsanlagen (REA), die seit den 1980er Jahren (in den neuen Bundesländern seit 1990) für einen Rückgang des „sauren Regens“ gesorgt haben. Denn bei der Entschwefelung werden dem Schwefeldioxid, das bei der Kohleverbrennung entsteht, gemahlener Kalkstein zugegeben, wobei Gips entsteht.

Gips wird vor allem in Leichtbau-Platten für den Innenausbau verarbeitet, aber auch in Putz und Estrich. Der Markt wuchs in den vergangenen Jahren beständig. Etwa zehn Millionen Tonnen werden jährlich in Deutschland verarbeitet.

Was bislang wenig bekannt ist: An dem Gips-Boom hatten die Rauchgas-Entschwefelungsanlagen ihren Anteil. Rund 55 Prozent des Rohstoffes ist heute REA-Gips. Die restlichen 45 Prozent werden dort gewonnen, wo Gips natürlich vorkommt – vor allem in den Bundesländern Niedersachsen, Thüringen, Hessen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern.

Gipsindustrie möchte auch in Naturschutzgebieten baggern

Mit dem sukzessiven Ausstieg aus der Kohleverstromung – und damit auch der Rauchgas-Entschwefelung – stellt sich die Frage nach der Rohstoffversorgung. In einem Positionspapier macht der Bundesverband der Gipsindustrie auf das Problem aufmerksam. Und fordert eine Ausweitung der Abbaugebiete in Deutschland.

Importe und Recycling könnten die entstehende Lücke nicht füllen, heißt es dort. Erforderlich sei daher eine Verdoppelung der inländischen Gipsgewinnung. Und damit auch eine Verdoppelung der möglichen Abbauflächen.

Langfristig, so heißt es in dem Papier, soll eine „umweltverträgliche Gewinnung von Naturgips“ auch in „nicht-schützenswerten Teilbereichen“ von Naturschutzgebieten und von Schutzgebieten nach europäischem Recht - Natura 2000- und FFH-Gebieten – ermöglicht werden.

"Hotspots der biologischen Vielfalt" in Gefahr

Naturschützer sind alarmiert. Denn dort, wo Gips natürlicherweise an der Oberfläche vorkommt, leben seit Jahrtausenden spezialisierte Tier- und Pflanzengesellschaften. Das Bundesamt für Naturschutz nennt die Gips-Karstlandschaft im Südharz im Länderdreieck von Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, einen „Hotspot der biologischen Vielfalt“ und das „größte und bedeutendstes Gipskarstgebiet Mitteleuropas“.

"Aufforderung zum maßlosen Raubbau von Naturgips im Südharz"

Beim BUND ist man über die Forderungen der Gipsindustrie entsetzt. In einem Gutachten fordert der Umweltverband den Ausstieg aus dem Gipsabbau bis zum Jahr 2045. Machbar sei das, denn REA-Gips lasse sich ersetzen. Bis zu 16 Millionen Tonnen liegen laut dem Gutachten noch auf Halde, und weitere sechs Millionen könnten aus Abraumhalden wiedergewonnen werden. Zudem könne der Verbrauch gesenkt und nachwachsende Rohstoffe eingesetzt werden.

Das Positionspapier der Gipsindustrie kritisiert Burkhard Vogel, Landesgeschäftsführer des BUND Thüringen, als "Aufforderung zum maßlosen Raubbau von Naturgips im Südharz".


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