Es begann 2020, als versponnene Idee: Damals fanden plötzlich keine Fußballspiele mehr statt – Corona hatte den Ligabetrieb der Sportvereine lahm gelegt, auch in den Niederlanden. "Doch Städte lieben es nun einmal, sich miteinander zu messen", sagt Remco Moen Marcar, Gründer der Werbeagentur Frank Lee in Amsterdam, die sich auf soziale und ökologische Projekte spezialisiert hat. Wie wäre es also, wenn die Städte in einer anderen Disziplin gegeneinander antreten, überlegte Marcar, etwa im Begrünen von Städten?
Praktischer Regenspeicher und Insekten-Unterschlupf
Zusammen mit seiner Geschäftspartnerin Eva Braaksma rief er deshalb zum Wettkampf auf: Einen Sommer lang sollten sich Amsterdam und Rotterdam im Tegelwippen messen – im Entfernen von Gehwegplatten (holländisch: Tegel). In dem freigelegten Streifen Erde, meist entlang von Hauswänden, in Gärten oder auf Schulhöfen, könnten stattdessen Blumen und Sträucher wachsen, so die Idee. Das Grün verschönere nicht nur die Städte, sondern wirke auch kühlend, erklärt Marcar, außerdem könnten die neuen Minigärten Regen speichern, und bieten Insekten Nahrug und Unterschlupf.
Zum Start des Wettkampfs drehte seine Agentur ein ironisches Video: Fröhlich-bunt imitiert es die bollerige Rivalität von Fußballteams – ergänzt um jede Menge Blüten. Was danach folgte, erstaunt Marcar bis heute. Denn die Menschen in Amsterdam und Rotterdam legten begeistert los: 90.000 Gehweg-Platten entfernten sie innerhalb von nur acht Monaten, begleitet von einem immensen Medienecho. Am Ende gewann Rotterdam knapp und erhielt dafür als Trophäe den "Goldenen Pflasterstein". Seitdem ist das Tegelwippen ein landesweites, gut gelauntes Kräftemessen: Rund 200 Gemeinden nehmen mittlerweile daran teil, Dörfer genauso wie Großstädte. Gemeinsam entfernten sie seit 2021 rund 15 Millionen Platten und legten so insgesamt eine Fläche von mehr als einem Quadratkilometer frei.
Wettbewerb mit Augenzwinkern
Längst unterstützt das Ministerium für Infrastruktur und Wasserwirtschaft das Turnier und die Gemeinden stellen oft Werkzeuge und Pflanzen für die Aktionen bereit. Auch die entfernten Pflastersteine transportieren ab. Die Vorschriften für das Entsiegeln haben sie außerdem stark vereinfacht oder sogar abgeschafft. Vorgeschrieben bleibt aber stets, dass genug Platz für Fußgänger bleiben muss.
Wichtig ist dem Projekt: Das Tegelwippen soll Spaß machen. Bei manchen Pflanz-Einsätzen spielen deshalb Bands oder Nachbarn versorgen die freiwilligen Helfer mit Kaffee und Keksen. Andere Orte feiern ihre Mannschaften beim Karnevalsumzug. "Es ist ein Wettbewerb mit einem Augenzwinkern, bei dem wir die Menschen aber ernsthaft dazu auffordern, ihre Gärten, Straßen und Plätze zu begrünen", sagt Marcar.
Mittlerweile gibt erste Nachahmer, etwa in Belgien und der Schweiz. Denn in Europa hält der Trend zum Versiegeln von Flächen an: Allein in den EU-Ländern werden jedes Jahr rund 700 Quadratkilometer Land überbaut – etwa die Größe von 100.000 Fußballfeldern.
In Deutschland engagiert sich Hamburg seit 2025 im Tegelwippen, auch Schulen konkurrieren hierzulande im Entsiegeln. Die Hochschule für Gesellschaftsgestaltung in Koblenz hat außerdem einen bundesweiten Städtewettbewerb nach holländischem Vorbild gestartet. Allein in Flensburg wurden dabei mehr als 100.000 Steine abgetragen – die Stadt war damit Sieger unter den mittelgroßen Siedlungen.
In Amsterdam aber, wo das Tegelwippen einst startete, ist das kleinflächige Entsiegeln heute sogar Aufgabe der Behörden: Die Einwohner dort können einen "Fassadengarten" beantragen. Für sie werden dann die Gehwegplatten vor dem Haus entfernt, auf einer Breite von rund 50 Zentimetern. Kostenlos.