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Harald Lesch über Bildung "Digitale Welten riechen nicht"

Prof. Dr. Harald Lesch ist der wohl bekannteste Astrophysiker Deutschlands
Prof. Dr. Harald Lesch ist der wohl bekannteste Astrophysiker Deutschlands
© ZDF und Johanna Brinckman
Im Interview mit GEO.de erklärt der Astrophysiker und Fernsehmoderator Harald Lesch, warum Kinder mehr "Ausflüge in die Wirklichkeit" brauchen – und kritisiert die unregulierte Digitalisierung

GEO.de: Herr Professor Lesch, in Ihren Fernsehbeiträgen bringen Sie Wissenschaft einem Millionenpublikum näher. Und Sie weisen immer wieder auf die Bedrohung durch die Klima- und die Artenkrise hin. Was kann Aufklärung und Bildung hier leisten? 

Prof. Harald Lesch: Wir haben es mit Krisen zu tun, die dadurch entstanden sind, dass man sich sehr monomanisch auf einem extrem starken ökonomischen Standpunkt gestellt hat, ohne zu bedenken, dass die Verwendung von Ressourcen des Erdsystems irgendwann an Grenzen stößt. Der Bericht "Grenzen des Wachstums" hat 1972 zum ersten Mal drauf hingewiesen, dass die Idee, wir könnten diesen Planeten ausnehmen wie ein totes Huhn, nicht funktioniert. Wir wissen also schon lange, dass diese Art des Denkens nicht zielführend ist. Trotzdem haben wir so weitergemacht. Wir müssen über das System Erde nachdenken und über die Frage, wie wir mit ihm verbunden sind. Wir hätten zum Beispiel nie über Umwelt, sondern über Mitwelt reden sollen. Wir haben immer so getan, als sei die Erde eine Art Kulisse, auf der und vor der wir tun und lassen können, was wir wollen. Diese ungebildete Art, mit der Welt umzugehen, hat uns in die Situation gebracht, in der wir uns heute befinden. Bildung muss ein Aufruf dazu sein, einen Überblick über mehr als diesen einen Blickwinkel zu haben. 

Wenn von Wissenschaft die Rede ist, ist meistens Naturwissenschaft gemeint. Welche Rolle spielen die Geisteswissenschaften? 

Ich halte die Geisteswissenschaften für unglaublich wichtig und relevant, weil sie sich wissenschaftlich um die Innenperspektive einer Gesellschaft und Kultur kümmern. Sie beschäftigen sich mit Fragen wie: Nach welchen Werten wollen wir leben? Was sind die Maßstäbe, nach denen wir mit uns selbst, aber auch mit anderen, und letztlich auch mit der Natur umgehen? Die Naturwissenschaften können diese Fragen nicht beantworten, weil sie immer nur angeben können, was der Fall ist. Ich halte eine gegenseitige Durchdringung von geistes- und naturwissenschaftlichem Wissen für ganz wichtig.  

Ein Beispiel? 

Wir können mit den Mitteln der Naturwissenschaft Moleküle dazu bringen, sich so zu verbinden, wie wir es gerne hätten. Aber dann müssen wir natürlich auch fragen: Welche Konsequenzen hat das für uns? Die ganze Klimadebatte könnte man auf die Frage zuspitzen, warum wir eine so große Erderwärmung haben. Die Antwort ist: Weil wir viel zu viel Energie verbrauchen. Wir leben in einer Energie-Adipositas. Wir sind überfettet. Das ist das Ergebnis eines durchdringenden technisch-ökonomischen Komplexes, der stupide nur auf Effizienz, in Gestalt der Technik, und Rendite, also Ökonomie, setzt. Unreflektiert machen und verdienen – klingt nicht gut und ist nicht gut.

Brauchen Kinder und Jugendliche angesichts der drohenden ökologischen Krise andere Lerninhalte? 

Was Kinder und Jugendliche vor allen Dingen brauchen, sind richtig gute, motivierte Lehrerinnen und Lehrer. Alle Analysen darüber, was für den Lernerfolg von Kindern wichtig ist, weisen ganz klar drauf hin, dass nicht die Lerninhalte, sondern die Lehrerinnen und Lehrer ausschlaggebend sind. 

Keine Ergänzungsvorschläge für die Lehrpläne? 

Papst Johannes XXIII. hat mal gefordert: "Macht die Fenster auf!" Was Kinder und Jugendliche brauchen, sind Ausflüge in die wirkliche Wirklichkeit. Mein Eindruck ist, dass inzwischen die Tastatur oder der Schirm von Smartphones und Bildschirmen das einzige Fenster nach draußen ist. Aber digitale Welten riechen nicht, um es mal auf den Punkt zu bringen. Die wirkliche Welt ist etwas völlig anderes als diese digitalen Simulationen, von denen jetzt leider als Digitalisierung in der Schule die Rede ist. Schule sollte viel mehr Kontakt mit Wirklichkeit möglich machen – und damit zukunftsfähig machen. Da geht es durchaus auch um die Frage, woher kommen die Handwerkerinnen und Handwerker, die die Energiewende bauen, also richtig was aufbauen, es betreiben und reparieren. Das ist die Herausforderung jetzt. Denn unsere Gegenwart ist die Voraussetzung für die Zukunft. 

Viele Klimaleugner*innen ebenso wie sogenannte Querdenker*innen sind mindestens durchschnittlich intelligent. Ist mehr Bildung die Lösung? 

Sich den Tatsachen nicht zu stellen, das halte ich für ungebildet. Es ist ja völliger Unsinn, angesichts der dramatischen Entwicklungen den menschengemachten Klimawandel zu leugnen. Für einen gebildeten Menschen ist klar, dass Tatsachen keine Glaubensfragen sind. Andersherum: Auf der Ebene von eingegitterten, haltlosen Überzeugungen hilft auch keine Bildung. 

Demografisch sind Bildung und Wohlstand wichtig, weil sie zu geringeren Geburtenraten führen. Allerdings führen sie auch verlässlich zu einem höheren Konsumniveau und Ressourcenverbrauch. Wie kommen wir aus diesem Dilemma heraus? 

In der Tat wird das die große Aufgabe sein: Unser hohes Wohlstandsniveau von dem hohen ökologischen Wirkungsgrad zu entkoppeln. Wobei wir wahrscheinlich in Zukunft über einen anderen Wohlstandsbegriff nachdenken werden, statt einfach nur an der Erhöhung des Bruttosozialprodukts zu arbeiten. Wir werden andere Qualitäten in unsere Lebensbeschreibung und unsere Lebensbewertung hineinbringen können. 

Zum Beispiel? 

Wäre es nicht viel angenehmer, in Städten und Gemeinden zu wohnen, die in ihren inneren Bereichen autofrei sind? Das könnte sehr wohl als eine neue Art von Wohlstand begriffen werden. Es gibt ja heute schon soziale Milieus, in denen die ökologische Lebensweise einen gewissen sozialen Druck ausübt, dass man sich kaum mehr traut, in einer größeren Runde Fleisch zu essen oder einen Verbrennungsmotor zu fahren. Das wird sich sicher in Zukunft weiterentwickeln. Eine Patentlösung für die Entkopplung von Wohlstand und Naturzerstörung wird es nicht geben, aber wenn wir das nicht schaffen, dann müssen wir uns an die neuen Bedingungen anpassen. Und die werden hart sein.  

Das Schlagwort der Stunde ist nicht Bildung, sondern Digitalisierung. Wie sehen Sie das? 

Zunächst mal wäre meine These, dass all diejenigen, die für die Digitalisierung schwärmen, meistens keine Ahnung haben, worum es eigentlich geht. Digitalisierung ist eine besonders harte Form der Ökonomisierung, sie ermöglicht es, noch schneller Geld zu verdienen. Alle, die glauben, unser Leben würde durch Digitalisierung besser, haben keinen Schimmer von ihren Auswirkungen und Manipulationsmöglichkeiten. Letzten Endes ist es eine Vernetzung von Prozessoren, und ohne öffentliche, staatliche Kontrolle haben wir keine Ahnung, was mit unseren Daten passiert. Wir sollten mit dem Datenverkehr genauso umgehen wie mit dem Straßenverkehr. 

Wo der Trend eher zur Entschleunigung geht ...

Es ist doch interessant, dass wir uns bei der Mobilität einschränken und über Tempo 30 nachdenken, während wir bei der Informationsmobilität faktisch grenzenlos sind. Ich glaube, dass es da einen enormen Regulationsbedarf gibt. Je mehr Geräte wir nutzen und je vernetzter unser Alltag wird, desto mehr Regulation brauchen wir. Die Europäische Datenschutzgrundverordnung ist ein hervorragendes Beispiel dafür, was im Bereich der Gesetzgebung möglich ist, das "wilde Netz", wie ich es einmal nennen will, zu regulieren und einzuschränken. Wir sollten es nicht irgendwelchen Silicon Valley-Boys überlassen, die gerade dabei sind, ihren Reichtum mit Flügen ins Weltall zu verdampfen und dabei auch noch die Atmosphäre ruinieren.

Programmtipp
In zwei Folgen von Terra X: Faszination Universum wagt Harald Lesch einen Blick in die Zukunft und zeigt, dass die aktuellen, weitreichenden Veränderungen in allen menschlichen Lebensbereichen nur dann bewältigt werden können, wenn Bildung viel breiter und grundsätzlicher aufgestellt wird. Sonntag, 31. Oktober und 7. November 2021, jeweils 19.30 Uhr im ZDF.

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