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COP26 Glasgow, bitte kommen: Lasst Kohle, Öl und Gas im Boden!

Der Braunkohle-Tagebau Garzweiler I in Nordrhein-Westfalen. Für eine Erweiterung werden zurzeit weitere Dörfer abgebaggert
Der Braunkohle-Tagebau Garzweiler I in Nordrhein-Westfalen. Für eine Erweiterung werden zurzeit weitere Dörfer abgebaggert
© mauritius images / Westend61 / Frank Röder
Die Klimakonferenz in Glasgow produziert Erfolgsmeldungen vor allem in Form von Versprechen. Der wichtigste Punkt wird gar nicht diskutiert: Fossile Energieträger müssen im Boden bleiben, wenn das 1,5-Grad-Limit nicht gerissen werden soll

Der Präsident des pazifischen Inselstaates Palau hat kürzlich auf der COP26-Klimakonferenz in Glasgow etwas Merkwürdiges gesagt: "Ein langsamer und schmerzhafter Tod hat keine Würde", erläuterte Surangel Whipps Jr. in seinem wenig beachteten Redebeitrag. "Sie könnten unsere Inseln genauso gut bombardieren." Adressiert war das an die größten Verursacher von Treibhausgasemissionen, die für den Anstieg des Meeresspiegels verantwortlich sind. Und nach Ansicht von Whipps Jr. zu wenig tun, um ihn zu stoppen.

Unterdessen produziert die Konferenz unverdrossen Erfolgsmeldungen, die manch anderen Beobachter sogar hoffnungsvoll stimmen: Immer mehr Staaten bekennen sich zu "Klimaneutralität" bis zur Mitte des Jahrhunderts oder so, neuerdings auch die internationale Schifffahrt. Und mehr als 100 Nationen wollen die Entwaldung der Erdoberfläche stoppen – bis 2030.

Das ist nicht schlecht. Aber es sind Versprechen für eine Zukunft, in der die Folgen der Klimakrise die Menschheit schon lange im Griff haben werden. Sie kommen – wenn überhaupt – zu spät.

Es ist natürlich nicht falsch, über Emissionsreduktionen und -pfade, über Ausstiegsszenarien, über Emissionshandel und andere, teils hoch komplexe Instrumente zur Treibhausgasverminderung zu debattieren. Aber solche Debatten um technische Details und Klimadiplomatie, die kaum ein Laie versteht, verdecken eine einfache Tatsache:

Fossile Energieträger müssen im Boden bleiben, wenn ein gefährlicher Klimawandel jenseits der 1,5-Grad-Marke verhindert werden soll.

Förderpläne sind nicht mit 1,5 Grad vereinbar

Und hier klafft die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander. Dem aktuellen Production Gap Report der Vereinten Nationen zufolge wird die Produktion von Kohle weltweit nur leicht zurückgehen, die von Öl und Gas weiter steigen. In den kommenden zehn Jahren, die für den Klimaschutz entscheidend sind, planen Regierungen mehr als das Doppelte von dem zu fördern, was mit dem 1,5-Grad-Limit noch vereinbar wäre.

Es werden weiter Lizenzen vergeben, es wird weiter gebohrt, gegraben und gefördert. Auch in Deutschland, das weltweit am meisten Braunkohle verbrennt. Wo für den schmutzigsten aller Energieträger auch im Jahr 2021 noch Menschen aus ihren Häusern vertrieben und Dörfer geschleift werden.

Eine im Fachmagazin "Nature" veröffentlichte Studie zeigt: Wenn wir auch nur eine Fifty-fifty-Chance haben wollen, unter der 1,5-Grad-Marke zu bleiben, müssten fast 90 Prozent der weltweiten Kohlereserven und fast 60 Prozent des Erdöls und des Erdgases in der Erde bleiben. Für eine höhere Wahrscheinlichkeit sogar so gut wie alles.

Dem Präsidenten von Palau und seinem untergehenden Volk nützen diese Erkenntnisse ebenso wenig wie die Bekenntnisse der reichen Industrieländer zu "Klimaneutralität", irgendwann, irgendwie. Vielleicht hätte ihm mal jemand erklären sollen, was Angela Merkel im September 2019 Fridays-for-Future-Aktivist*innen erklärt hatte, denen immer alles nicht schnell genug geht: "Politik ist das, was möglich ist."


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