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Aktivismus Raúl Krauthausen und Benjamin Schwarz: Wie es gelingen kann, die Welt zu verändern

Raúl Krauthausen und Benjamin Schwarz sitzen vor einem Fluss
Raúl Krauthausen und Benjamin Schwarz (v.l.) haben sich auf die Suche gemacht, um herauszufinden, was guten Aktivismus auszeichnet und welche Formen es gibt
© David Ausserhofer
Fridays for Future oder Extinion Rebellion haben in den letzten Jahren gezeigt, wie viel sich bewegen kann. Sie haben viel politische und mediale Aufmerksamkeit bekommen. Doch, wie kann ich selbst aktiv werden, wenn ich die Welt verändern möchte? Und wie schaffe ich es, wirklich etwas zu bewegen? Diese Fragen haben sich der Inklusionsaktivist Raúl Krauthausen und der Journalist Benjamin Schwarz in ihrem Buch gestellt. Im Interview verraten die beiden, was guten Aktivismus ausmacht und wie jede und jeder starten kann

Geo.de: Herr Schwarz, Sie setzen sich als Gesellschafter des Part-Projektbüros für soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz ein und Sie, Herr Krauthausen sind wahrscheinlich Deutschlands bekanntester Inklusionsaktivist. Für Ihr Buch haben Sie mit einer Vielzahl von Aktivist*innen gesprochen, die sich für ganz verschiedene Dinge einsetzen. Was bedeutet Aktivismus nach Ihrer Recherche für Sie?

Benjamin Schwarz: Aktivismus bedeutet für mich, aus der eigenen Komfortzone herauszugehen und etwas zu verändern.

Raúl Krauthausen: Wenn ich den Ist-Zustand nicht mehr aushalten kann und versuche ihn zu ändern, statt zu resignieren.

Ob Kunstaktionen des "Zentrums für Politische Schönheit", ein roter Doppeldeckerbus mit Shai Hoffmann, der in Deutschland unterwegs ist und die Menschen ins Gespräch bringen will, die "No hate speech"-Kampagne, die sich gegen digitalen Hass stark macht – Aktivismus gibt es in ganz verschiedenen Formen. Welches Projekt oder welche Form des Aktivismus hat Sie am meisten überrascht?

Krauthausen: Einmal haben mich die vielen Menschen überrascht, die vermeintlich sichere Karrierewege aufgeben, um sich für die gute Sache einzusetzen. Mich hat außerdem beeindruckt, wie vielfältig Aktivismus sein kann: vom anonymen Aktivismus Hass zu melden, Menschen, die zum Gesicht einer ganzen Bewegung geworden sind, Kunst als Aktivismus bis hin zu ganz praktischen Anwendungen. 

Schwarz: Für mich ist es tatsächlich das Projekt des ehemaligen Soap-Darstellers Shai Hoffmann, der alles aufgibt, mit einem Bus durch das Land fährt, mit Menschen spricht, ihnen zuhört und für demokratische Werte wirbt – das hat mich sehr überrascht.

Nicht jede*r kann oder will Vollzeit-Aktivist*in sein. Doch viele möchten etwas verändern, sich für mehr Klimaschutz, Gleichberechtigung, Barrierefreiheit oder gegen Rassismus einsetzen. Oft bleibt es bei dem Wunsch. Zu groß die Angst, sowieso nichts bewegen zu können. Was denken Sie – braucht es viel, um aktivistisch zu handeln? Wie kann ich anfangen?

Krauthausen: Um es mit den Worten von Orry Mittenmayer zu sagen: Erstmal muss ich ein Thema finden, für das ich brenne. Wer für sich ein wichtiges Thema gefunden hat, muss natürlich nicht von Beginn an Expert*in darin sein. Es reicht am Anfang, zu Menschen zu gehen, die sich zu ähnlichen Themen äußern oder engagieren. Wer sich nicht allein zu einem Treffen traut, kann eine Freundin oder einen Freund bitten, mitzukommen. Je länger wir darüber nachdenken, ob wir etwas tun sollten oder nicht, desto mehr Gründe fallen uns ein, nichts zu tun. Besser: Loslegen und machen.

Schwarz: Es braucht Überzeugung und Mut und vielleicht auch ein bisschen Naivität. Essentiell ist der Glaube an das Gute: Ich muss mir diese bessere Welt, für die ich kämpfe, auch vorstellen können, um daraus die Motivation und die Kraft ziehen zu können, die nötig ist, um sich zu engagieren. Wer etwas verändern möchte, sollte sich nicht dahinter verstecken, dass es sowieso nicht geht oder nichts bringt. Niemand muss ein*e Vollzeit-Aktivist*in werden, es geht vielmehr darum, den ersten Schritt zu machen. Aktivismus und die Formen von Engagement sind viel flexibler als viele Menschen denken. Für das Engagement ist langfristig auch eine realistische Zielsetzung wichtig: Ich werde als Aktivist*in nicht die Klimakrise beenden, ich kann mir aber das Ziel setzen, dass ich alles dafür tun werde, was ich tun kann. Wenn das möglichst viele Menschen machen, wird sich etwas bewegen. Das sieht man zum Beispiel an Fridays for Future oder Extinction Rebellion.

Und was sind die Grenzen? Wie viel können Aktivist*innen wirklich bewegen? Wie viel Macht haben sie?

Schwarz: Ich würde sagen, dass Aktivist*innen sehr wenig Macht haben. Die Macht liegt bei Politik, Medien und dem Staat. Die Aktivist*innen kratzen daran, rufen von außen hinein und machen Vorschläge.

Krauthausen: Es ist auch ein Dilemma, dass von Aktivist*innen Lösungen erwartet werden, doch sie dafür nicht verantwortlich sind und auch oft keine Lösungen bieten können. Die Macht des Aktivismus liegt darin, zu stören, Sand ins Getriebe zu schütten, auf Missstände aufmerksam zu machen und zu irritieren. Aber die Hebel der Macht und der Veränderung sollte in unserer Gesellschaft die Politik haben.

Wie radikal müssen Aktivist*innen sein?

Krauthausen: Aktivist*innen müssen natürlich nicht radikal sein. Doch ich glaube inzwischen, dass dieses vorauseilende "Nicht-Radikal-Sein", dazu führt, dass nur die Rechten radikal sind und man schon im Vorhinein kommuniziert, dass man aufgegeben hat – das ist eine Beobachtung, die ich mache. Gleichzeitig bin ich aber gegen Radikalität. Diesen Konflikt muss ich noch für mich selbst lösen. Ein aktuelles Beispiel: Ich glaube, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis eine Radikalisierung in der Klimabewegung stattfindet, wenn weiter so wenig getan wird. Diese Radikalisierung wurde gezüchtet, durch das Nichtstun.

Schwarz: Raúl Krauthausen hat jetzt den Begriff Radikalität so benutzt, wie er häufig genutzt wird, nämlich gleichbedeutend mit Gewalt. Wird der Begriff so verstanden, stelle ich mich klar dagegen, weil ich denke, dass Gewalt auch theoretisch nicht das Mittel der Wahl sein sollte.

Doch im wortwörtlichen Sinne, Probleme bei der Wurzel zu packen, grundlegende Fragen zu stellen und sich die Wurzel von Sachen anzusehen, bin ich ganz klar pro Radikalität. Wir brauchen in ganz vielen Fragen radikalere Lösungsansätze als wir sie haben, denn wir sind in der parlamentarischen Politik so weit von radikalen Lösungen entfernt, dass es manchmal weh tut – da ist Radikalität, die von Aktivismus hereingetragen wird, wichtig. Radikale Ideen in diesem Sinne sind zum Beispiel: den Kapitalismus abzuschaffen oder keine Waffen mehr herzustellen.

Wer darf aktivistisch sein? Passen zum Beispiel Journalismus und Aktivismus oder Politik und Aktivismus zusammen?

Schwarz: Journalist*innen sind Menschen und als Menschen dürfen sie natürlich Aktivist*innen sein. Das darf aber die berufsbedingte Objektivität genauso wenig beeinflussen wie zum Beispiel in der Medizin. Natürlich dürfen Journalist*innen Haltung und Meinungen haben und dürfen es auch außerhalb ihres Formates, wo sie arbeiten, leben. Ich verstehe die Debatte nicht. Aus meinem Verständnis heraus ist Aktivismus ein Teil von Politik. Selbst bei der Frage, ob Parlament und Aktivismus zusammenpassen, gibt es verschiedene Antworten. Das hängt davon ab, wie man aktivistisch arbeitet.

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Die Klimaschutzbewegung ist in Europa vornehmlich weiß geprägt, Umweltschutzorganisationen diskutieren darüber, wie sie diverser werden können. Was haben Sie bei Ihrer Recherche erlebt – wie divers ist der Aktivismus in Deutschland? Und wo liegen Ihrer Meinung nach die Probleme?

Schwarz: Ich glaube, dass es sehr themenspezifisch zu beantworten ist. Es gibt aktivistische Bereiche, die per se divers sind. Wenn wir mit Diversität marginalisierte Gruppen meinen – hier werden Bewegungen meist von Betroffenen selbst ins Leben gerufen und sie prägen den Bereich.

Bei der Klimabewegung haben wir einen Bereich, der alle betrifft. Allerdings ist hier eher das Problem, dass die Klimakrise für viele Menschen noch nicht anfassbar zu sein scheint und noch eine untergeordnete Rolle bei den Problemen hat, gegen die sie kämpfen. Wenn sie schon für ein anderes Thema kämpfen, dass ihnen wichtiger erscheint, setzen sie sich nicht unbedingt noch für Klimaschutz ein. Und für den Klimaschutz bleiben dann – salopp gesagt – die Menschen übrig, die keine anderen Probleme haben. Das ist ein strukturelles Problem der Klimabewegung für das die Menschen, die sich dort einsetzen, wenig können. Es wird ihnen aber trotzdem vorgeworfen. Meiner Meinung nach müssen wir hier anders herangehen und mit den Menschen sprechen, die noch nicht Teil der Klimabewegung sind.

Ob an einem Stand in der Fußgängerzone für eine Umweltschutzorganisation oder als Aktivist*in im Netz: Wer sich für oder gegen etwas einsetzt, begibt sich in die Öffentlichkeit. Wie können Menschen, die sich für etwas engagieren, damit umgehen, wenn Sie verbal angegriffen werden?

Krauthausen: Das ist eine Frage, auf die es keine pauschale Antwort gibt. Leider gehört der Hass im Netz  für Aktivist*innen dazu. Je marginalisierter die Gruppe ist, desto lauter wird der digitale Hass. Es ist meiner Meinung nach auch nicht Aufgabe der Gehassten, also der Opfer von Hass im Netz, Tipps zu geben, wie man besser damit umgehen kann. Wir müssen klar darauf hinwirken, dass der Gesetzgeber endlich einschreitet und dem Hass einen Riegel vorschiebt. Wenn es geht, sollten Betroffene alle Hassnachrichten anzeigen, nicht darauf reagieren, sich nicht auf Diskussionen einlassen und sich auch selbst Hilfe zu suchen.

Schwarz: In dem Beispiel, wenn ein*e Aktivist*in an einem Stand in der Fußgängerzone angepöbelt wird, gibt es sicherlich einige Wege damit umzugehen. Oft ist Ruhe, Offenheit und wenige Emotionen ein guter Ratgeber. Oft kann man die Menschen auch damit überraschen, dass man nicht zurück brüllt.

Wer anfängt, sich mit einem Thema zu beschäftigen, zu recherchieren, sich unermüdlich einzusetzen, hat schnell das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen. Was motiviert Sie persönlich weiter, sich trotzdem zu engagieren und was hilft Ihnen dabei, nicht den Mut zu verlieren? Und auch die eigenen mentalen und physischen Kräfte nicht zu überstrapazieren und aufzupassen, sich selbst nicht zu schaden?

Krauthausen: Das ist die größte Herausforderung für Aktivist*innen. Im Arbeitsleben haben sich die Begriffe des Well-Being oder New Work etabliert, die die Balance für Arbeitnehmer*innen und die Art des Arbeitens verbessern sollen. Aktivist*innen müssen dabei stark selbst auf sich achten, da sie keine Personalabteilung oder einen Betriebsrat haben, die es für sie übernehmen könnten. Aktivist*innen müssen auch einen Feierabend machen und nicht 24/7 erreichbar seien. Besonders schwierig ist es, wenn man aktivistisch tätig ist und selbst betroffen ist. Frauen, die sich für Frauenrechte einsetzen, können schlecht ab 18 Uhr ein Mann sein und Menschen mit Behinderung können nicht ab 18 Uhr sagen, dass es ab sofort keine Barrieren mehr gibt, sondern es betrifft sie auch in ihrer Freizeit. Die Freude am Leben zu behalten und sich an Dingen zu erfreuen, die nicht aktivistisch sind, ist wichtig und das Verlernen einige Aktivist*innen mit der Zeit. Ich zum Beispiel habe mein Hobby zum Beruf gemacht und jetzt habe ich kein Hobby mehr. Das ist ein Problem.

Nach Ihren Gesprächen mit einigen der bekanntesten Aktivist*innen haben Sie zusammengefasst, was Sie unter konstruktivem Aktivismus verstehen. Könnten Sie einmal für unsere Leser*innen erklären, was Sie damit meinen, was die wichtigsten Punkte sind und warum wir konstruktiven Aktivismus brauchen?

Schwarz: Es ist einfacher, für einen bestimmten Fahrradweg in einer bestimmten Straße zu kämpfen als für eine bessere Verkehrspolitik allgemein. Heißt: Je konkreter meine Zeile sind, desto schneller kann ich auch Erfolge erzielen für meinen weiteren Weg. Außerdem sind aktuell die Probleme und Krisen der Welt sehr erdrückend und der Eindruck entsteht, dass gewählte Politiker*innen gar nicht in der Lage zu sein scheinen, sie zu lösen. Die Probleme sind so groß, dass wir uns alle daran beteiligen müssen, diese zu lösen. Wir müssen Aktivismus konstruktiv machen und Lösungsvorschläge einbringen können – wie zum Beispiel beim Bürgerrat Klima. Vorschläge, die in der Bevölkerung erarbeitet werden, müssen auch gehört werden. Sie müssen eingebracht werden dürfen und wir müssen langfristige Lösungen finden, die länger andauern als eine Legislaturperiode der Bundesregierung. 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Schwarz: Ich wünsche mir, dass wir überhaupt wieder über Zukunft reden und nicht nur auf eine Legislaturperiode schauen. Dass wir es schaffen, Bilder von einer positiven Zukunft zu entwerfen, für die es sich auch lohnt, politisch zu kämpfen. Ich möchte mir mit anderen Menschen zusammen vorstellen können, wie klimafreundliche Städte aussehen, wie auch Menschen auf dem Land Bus und Bahn nutzen können, überhaupt eine neue Verkehrspolitik und mir eine neue Wirtschaft vorstellen können. Es ist jetzt an der Zeit, diese Bilder zu schaffen und die Visionen auch umzusetzen.

Krauthausen: Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass Aktivismus, also das ehrenamtliche Engagement für die gute Sache, gesellschaftlich mehr Anerkennung findet. Und zwar nicht nur in Form von Applaus, sondern auch in Form von struktureller Förderung. Aktivist*innen, die sich Nächte um die Ohren schlagen, um Gesetzestexte zu studieren, um sie bei Anhörungen vortragen zu können – bekommen keine finanzielle Unterstützung. Ihre Gegner*innen werden aber dafür bezahlt, die Gesetzestexte zu schreiben. Ich würde mir wünschen, dass hier eine Art Waffengleichheit herrscht.

Für mich persönlich würde ich mir wünschen, dass es messbarer wird, wie viel mein Aktivismus oder der von anderen Menschen bewirkt. Das Gefühl, nicht genug zu bewirken, ist nämlich einer der Hauptgründe für Burn-Out bei Aktivist*innen. Ein gutes Beispiel dafür ist für mich die Klimabewegung – wie viele Menschen müssen noch auf die Straße gehen, damit die Politik reagiert? Es kann nicht sein, dass die Politik in Deutschland am Ende vom Bundesverfassungsgericht gemacht wird, wenn es um die Ehe für alle, den Atomausstieg oder den Klimaschutz geht. Das Bundesverfassungsgericht hat andere Aufgaben, aber anscheinend ist es die letzte Instanz, die Aktivist*innen haben, um für Gerechtigkeit zu sorgen. Und wann genau haben wir eigentlich das Zepter der Macht den Menschen überlassen, die am Status quo festhalten wollen?


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