Severn Cullis-Suzuki Das Mädchen, das 27 Jahre vor Greta den Mächtigen die Leviten las

Jüngst wurde die Schwedin Greta Thunberg zum Superstar der Umweltszene. Doch schon 1992, auf dem Umweltgipfel von Rio, sorgte eine zwölfjährige Kanadierin für Furore: Severn Cullis-Suzuki. Ihre Botschaft war erschreckend ähnlich
Severn Suzuki und Greta Thunberg

Fast vergessen: Die zwölfjährige Severn Cullis-Suzuki (links) sorgte auf der Umweltkonferenz von Rio für Aufsehen - vor 27 Jahren. Heute steht die junge Schwedin Greta Thunberg im Rampenlicht

Greta Thunberg: eine 15-Jährige, die den Mächtigen der Welt auf der Weltklimakonferenz von Katowice die Leviten liest. Ihre Untätigkeit anklagt. Die fordert, endlich mit dem Löschen anzufangen. Denn die Welt, sagt sie, brenne. Die Kameras zeigen die nachdenklichen Gesichter der Zuhörer. Wenig später sorgt Greta mit einer ähnlichen Brandrede auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos für Furore. Schülerproteste in ganz Europa schließen sich an. Unversehens wird sie zur Ikone einer Jugendbewegung, die konsequentes Handeln und eine lebenswerte Zukunft für sich und nachfolgende Generationen einfordert.

Ein historischer Augenblick? So mag es zunächst scheinen. Aber den Greta-Moment gab es schon einmal, vor 27 Jahren. Auf der legendären Umweltkonferenz von Rio im Juni 1992.

"Das Mädchen, das die Welt zum Schweigen brachte"

Es war damals eine Zwölfjährige, die den Mächtigen der Welt sechseinhalb Minuten lang ins Gewissen redete. Mit drei umweltbewegten Mitschülerinnen war die Kanadierin Severn Cullis-Suzuki 8000 Kilometer aus ihrer Heimatstadt Vancouver angereist. Für die Tickets hatten die Teenager ihr Erspartes zusammengekratzt.

Das Video der Rede wurde im Netz millionenfach angesehen. In der Presse wurde Severn als das Mädchen gefeiert, das die Welt für fünf Minuten zum Schweigen brachte. Ihre flammende Rede hat eine frappierende Ähnlichkeit mit der Ansprache von Greta auf der UN-Klimakonferenz von Katowice.

Luft- und Wasserverschmutzung, Artensterben, Ozonloch, Kinderarmut – die Liste der Anklagepunkte in Severns Rede ist schon 1992 deprimierend lang. Und sie beginnt mit einer einleitenden Klarstellung, die an Gretas unverblümte Rhetorik erinnert: „Wenn ich heute vor Ihnen spreche“, sagte Severn mit fester Stimme, „habe ich keine versteckte Agenda. Ich kämpfe für meine Zukunft. Meine Zukunft zu verlieren ist nicht dasselbe wie eine Wahl zu verlieren oder ein paar Prozentpunkte an der Börse.“

„Eltern“, sagte die Kanadierin vor den betretenen Delegierten des Rio-Gipfels abschließend, „sollten ihre Kinder trösten können mit den Worten: ‚Es wird alles gut; es ist nicht das Ende der Welt, und wir tun alles, was in unserer Macht steht.‘ Aber ich glaube nicht, dass ihr das noch sagen könnt. Sind wir überhaupt auf eurer Prioritätenliste?“

Die Fakten liegen auf dem Tisch, die Lösungen sind da

Das Ozonloch, könnte man einwenden, schließt sich dank internationaler Anstrengungen. Dafür haben wir den Klimawandel. Und der ist weit davon entfernt, als lösbares Problem zu erscheinen. In ihrer Rede von Katowice kommt die heute 16-jährige Schwedin Greta zu einem ähnlich nüchternen Ergebnis wie damals Severn: „Zahllose Leute“, sagt Greta, „standen seit 25 Jahren auf den Podien der UN-Klimakonferenzen und baten die politischen Führer der Nationen, die Emissionen zu stoppen. Aber das hat ganz klar nicht funktioniert, denn die Emissionen steigen weiter an.“ Und das, obwohl die Fakten über den Klimawandel und die Lösungen auf dem Tisch lägen.

Auch wenn der Klimawandel in der Brandrede von Severn noch nicht vorkommt: Die Aussage der beiden ist dieselbe. „Ihr Erwachsenen kümmert euch nicht.“

So wie in Katowice 2018 applaudierten die hochrangigen Teilnehmer der Umweltkonferenz in Rio 1992. Auch damals erhielt die engagierte kleine Rednerin stehende Ovationen. (Es war Al Gore, der Severn sagte, sie habe die beste Rede der Konferenz gehalten.) Und im folgenden Jahr erhielt Severn für ihr Engagement einen Preis des Umweltprogramms der Vereinten Nationen.

Severn Cullis-Suzuki, 2017

25 Jahre später: Severn Cullis-Suzuki hält als Umweltaktivistin auf dem Nordic Business Forum in Helsinki eine Rede

„Politiker haben nichts dazugelernt“

Cullis-Suzuki trat im Fernsehen auf, hielt Reden, reiste 2012 wieder nach Brasilien – zur UN-Konferenz Rio+20. Die Mutter von zwei Söhnen ist immer noch engagierte Umweltaktivistin und Bürgerrechtlerin – und aktiv in der Umweltstiftung ihres Vaters David Suzuki. Ende November dieses Jahres wird sie 40.

Wie schätzt sie heute ihre Wirkung ein? Wenn man sie fragt, was sich seit 1992 verändert hat, sagt sie: Viele Umweltprobleme seien heute schlimmer als 1992. „Die Politiker haben nichts dazugelernt.“

Was wird Greta in 25 Jahren über die Wirkung ihres kompromisslosen Engagements sagen können? In ihrer Rede vor den Delegierten in Katowice blickt die Schwedin sogar noch weiter in die Zukunft. "Im Jahr 2078", sagt Greta, "werde ich meinen 75. Geburtstag feiern. Wenn ich Kinder habe, werden sie diesen Tag vielleicht mit mir verbringen. Vielleicht werden sie mich nach euch fragen. Vielleicht werden sie fragen, warum ihr nichts unternommen habt, als es noch nicht zu spät war."