VG-Wort Pixel

Im Kampf für eine bessere Welt Gerd Müller: "Naturschutz und wirtschaftliche Entwicklung sind untrennbar miteinander verbunden"

Gerd Müller und Jens Schröder
GEO-Chefredakteur Jens Schröder (r.) traf Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (l.) zum Interview in Bonn
© Evgeny Makarov
Gerd Müller ist seit 2013 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, nun wird er neuer Generaldirektor der UNIDO. Mit ihm scheidet ein Minister aus dem Amt, der wie kaum ein anderer über die politischen Lager hinweg geschätzt wurde, für sein Engagement zur Verbindung von Entwicklungshilfe, Umweltschutz und Nachhaltigkeit. GEO-Chefredakteur Jens Schröder hat mit ihm gesprochen
Interview von Jens Schröder

GEO: Herr Müller, Sie haben angekündigt, Ihr Ministeramt mit dem Ende der Legislaturperiode aufzugeben. Acht Jahre lang haben Sie dann ein Ressort geprägt, dessen Bedeutung in dieser Zeit immer größer geworden ist. Das Ministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung…
 
Müller: Ja, das war sehr spannend und erfüllend. Ich bin sehr dankbar für die viele Unterstützung, Entwicklungspolitik ist so in die Mitte der Gesellschaft gerückt. Sie ist heute Querschnittsaufgabe: Klima, Energie, Ernährung, gerechte Globalisierung. Und so auch Friedenspolitik. Viele Leute, auch manche Kabinettskollegen nennen es immer noch Entwicklungshilfe. Der Begriff passt heute natürlich immer weniger. Wir machen kein Charity. Das war vielleicht gestern noch mehr der Fall, aber heute geht es wirklich um wirtschaftliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Denn das ist die beste Möglichkeit, um Entwicklung anzustoßen.

GEO: Hilfe zur Selbsthilfe ist aber ja schon seit langer Zeit die Devise.

Müller: Ja, und das setzt sich immer mehr durch. Neben der Eigeninitiative unserer Partner sind private Investitionen entscheidend. In Kenia haben wir beispielsweise die größte Saftfabrik unterstützt, die aus reifen Mangos und Ananas Saft herstellt. Die Früchte würden sonst verrotten. Die Maschinen sind aus Deutschland – finanziert mit deutschen Krediten. Diese Fabrik sichert heute zehntausenden Bauern ein festes Einkommen. Abnehmer des Saftes sind mittlerweile afrikanische Supermarktketten oder Kenyan Airways. Die Einkommen sind deutlich gestiegen und vor allem stabil. Solche Erfolgsbeispiele müssen wir vertausendfachen.
 
GEO: Ihr Name wird in der Öffentlichkeit verknüpft mit Initiativen wie dem "Grünen Knopf", einem Siegel für faire und nachhaltige Textilproduktion, oder mit Ihren Bemühungen um das in der deutschen Wirtschaft zunächst ja sehr umstrittene Lieferkettengesetz, das auch hiesige Auftraggeber in die Pflicht nimmt für die Einhaltung von Standards bei ihren internationalen Lieferanten und Produktionsstätten zu sorgen.

Müller: Ja, das hat viel Wirbel gemacht und mich viel Überzeugungsarbeit gekostet. Wichtig war zu erklären, dass es für alle gut ist, wenn man sich als anständiger deutscher Unternehmer nicht von Leuten unterbieten lassen muss, die es mit den sozialen Standards in ihren Lieferketten nicht so genau nehmen. Das Gesetz ist das Ergebnis dieser jahrelangen Vorarbeit – zusammen mit Arbeitsminister Heil und starker Unterstützung aus der Zivilgesellschaft. Dabei galt es, die Einhaltung der Menschenrechte und die Machbarkeit bei den Unternehmen im Blick zu behalten. Ich wäre an manchen Stellen weiter gegangen, aber das Gesetz ist ein guter Kompromiss: Die Menschenrechte werden weltweit gestärkt. Bei Verstößen sind empfindliche Bußgelder möglich. NGOs und Gewerkschaften können die Rechte der Betroffenen vor deutschen Gerichten unterstützen. Besonders wichtig war mir, dass das Gesetz die gesamte Lieferkette umfasst und Kinderarbeit ausgeschlossen ist.
 
GEO: Unter Ihrer Leitung sind auch Ziele von Naturschutz und Klimaschutz bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit den Ländern des globalen Südens immer stärker in den Blick genommen worden.
 
Müller: Das stimmt, wir sind auch sozusagen das Ministerium für internationalen Naturschutz. Denn Klimaschutz ist DIE Überlebensfrage der Menschheit. Ohne intakte Wälder, Ozeane und andere natürliche Lebensräume gibt es kein menschliches Leben wie wir es kennen. Allein 1,6 Milliarden Menschen leben von und mit Wäldern. Und deshalb ist es eine der wichtigsten Aufgaben der Entwicklungspolitik, die Naturgebiete zu schützen. Insgesamt unterstützen wir weltweit 670 Schutzgebiete – das ist eine Fläche sechsmal so groß wie Deutschland. Als Schutzgebiete! Das kann sich schon sehen lassen. Deutschland wird auf der internationalen Biodiversitätskonferenz in Kunming fordern, dass 30 Prozent der Landfläche und 30 Prozent der Meere Schutzgebiets-Zonen werden.

GEO: Diese Arbeit bauen Sie mit einem neuartigen Fonds aus...

Müller: Der Staat kann den Schutz der Naturgebiete nicht allein leisten. Deshalb haben wir dieses Jahr den Weltnaturerbefonds gestartet. Wir schützen damit 30 der Top-Biodiversitätsgebiete in Entwicklungsländern. Denn viele ärmere Staaten können sich den Schutz der Naturgebiete nicht aus eigenen Mitteln leisten. Der Fonds bündelt öffentliche und private Gelder, so dass eine "Grundversorgung" dauerhaft gesichert ist, auch in Krisensituationen. Bis 2030 wollen wir dazu einen Kapitalstock von einer Milliarde US Dollar aufbauen. 140 Millionen Dollar kommen als Anschubfinanzierung aus meinem Ministerium.

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) und ein Forstwirt besichtigen im brasilianischen Regenwald Pflanzen, die als Wasserspeicher des Amazonas dienen (Aufnahme von 2019)
Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) und ein Forstwirt besichtigen im brasilianischen Regenwald Pflanzen, die als Wasserspeicher des Amazonas dienen (Aufnahme von 2019)
© Ute Grabowsky / photothek.net

GEO: Ganz neu ist auch ein Abkommen zum Schutz des Tropenwaldes…

Müller: Das Klima und die Artenvielfalt sind ohne die Tropenwälder nicht zu retten. Sie speichern etwa 20 Prozent des Kohlenstoffs an Land. 75 Prozent der Tier- und Pflanzenarten leben dort. Aber die "Grünen Lungen" des Planeten sind massiv in Gefahr. Elf Prozent der weltweiten CO2-Emissionen gehen auf die Brandrodung der Regenwälder etwa im Amazonas, in Indonesien oder im Kongobecken zurück!

Alle vier Sekunden verschwindet weltweit Wald von der Größe eines Fußballfeldes. Experten schätzen, dass im Kongobecken bis 2100 kein Regenwald mehr übrig sein wird. Das wäre dramatisch! Denn das Kongobecken ist der zweitgrößte Tropenwald und die größte CO2-Senke der Erde. Die afrikanischen Regenwälder binden mehr CO2 als andere Wälder.
 
GEO: Gab es mehr als gutgemeinte Worte auf der Berliner Tropenwald-Konferenz?

Müller: Alle zehn Anrainerstaaten des Kongo-Regenwaldes haben sich erstmals ganz konkret verpflichtet, Waldschutz und nachhaltige Forstwirtschaft zu verstärken. An dieser Vereinbarung haben Wissenschaftler und Zivilgesellschaft der Länder mitgearbeitet. Sie achten auch auf die Einhaltung. Wir unterstützen diese tolle Initiative finanziell. Ziel ist es, fast 130 Millionen Hektar Wald bis 2030 zu schützen und wiederherzustellen. Das wäre die dreifache Größe Deutschlands. Zu den Schutzmaßnahmen gehören transparente Lieferketten für Holz aus der Region und natürlich eine enge Einbindung der indigenen Bevölkerung.

GEO: Wie ist es denn zu dieser Ausweitung der Perspektive der Entwicklungspolitik hin zum Umweltschutz gekommen?

Müller: Es ist doch heute nicht mehr zu bestreiten, wie untrennbar diese Dinge miteinander verbunden sind: Naturschutz und wirtschaftliche Entwicklung. Wir haben in Deutschland und in Europa sauberes Wasser, zum Beispiel aus dem Bodensee, wo ich zu Hause bin. Das Wasser in der Nähe kann man trinken.

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller in der Somali Region in Äthiopien
Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) beim Besuch eines Dorfes in der Somali Region in Äthiopien (Aufnahme von 2017)
© Michael Gottschalk/photothek.net

Wir haben saubere Luft. Warum? Weil wir schmutzige Produktion ausgelagert haben. Es gibt bei uns so gut wie keine Gerberei, keine Textilfärberei mehr in Deutschland. Ich habe das in Bangladesch gesehen und auch in Äthiopien: Wenn gelbe T-Shirts gefertigt werden, ist nachher der Fluss gelb.

GEO: …Wir haben die Naturzerstörung externalisiert.
 
Müller: Genau. Die Globalisierung hatte viele positive Effekte, sie hat Armut verringert, insgesamt. Aber dies ist einer ihrer negativen Effekte: Die Balance der Stoffkreisläufe gerät durcheinander. Beispiel Soja: Das war für mich ein Schockerlebnis, diese riesigen Soja-Monokulturen in Südamerika zu sehen. Dafür brennen ganze Regenwälder ab. Containerschiffe mit dreckigem Schiffsdiesel bringen die Sojabohnen dann nach Europa und China. Da dienen sie als Viehfutter in den großen Mastanlagen. Die Nährstoffe, die dem Boden in Südamerika fehlen, laufen dann als Gülle in anderen Ländern aus den Tiermägen raus und belasten die Umwelt dort mit extrem viel Nitrat. Es kann niemand sagen, dass wir als Industrienation für solche globalen Verkettungen von Naturzerstörung nicht verantwortlich sind, die zum großen Teil durch unseren Konsum entstehen.
 
GEO: Das gilt auch für CO2-Emissionen, die auf anderen Kontinenten entstehen bei der Herstellung von Produkten, die wir bestellt haben und nutzen.
 
Müller: Ja, das stimmt. Aber wir haben ja Möglichkeiten zu handeln, wenn es erstmal im Kopf Klick gemacht hat, und die Zusammenhänge klar werden. Wir könnten zum Beispiel den Wahnsinn sofort stoppen, dass Regenwald abgebrannt wird für Palmöl- oder Sojaplantagen.
 
GEO: Solche gesetzlichen Regelungen werden ja manchmal in den Mühlen der westlichen Demokratien mit all ihren Interessen sehr lange zermahlen…
 
Müller: Man kann schon was machen. Wer die EU kennt, weiß, dass Prozesse lange dauern. Trotzdem arbeiten wir mit Brüssel an entwaldungsfreien Lieferketten. Wer beispielsweise Palmöl oder Soja importiert, muss nachweisen, dass der Anbau nicht auf gerodeten Waldflächen erfolgt ist. In den Häfen von Rotterdam oder Hamburg darf niemand anlegen, der Palmöl- und Sojaprodukte aus nicht zertifizierter Produktion zu uns bringen will. Das deutsche Lieferkettengesetz kann als Blaupause dienen. Aber wir haben ja auch andere Mittel, mit denen wir arbeiten können.
 
GEO: Konkrete Projekte vor Ort in den Partnerländern…
 
Müller: Richtig. Ich habe eben schon vom Welt-Naturerbe-Fonds gesprochen. Da können wir nicht nur den Naturerhalt, sondern auch eine schonende Art der Nutzung mit anstoßen, naturnahen Tourismus zum Beispiel. Da laufen ganz konkrete Projekte etwa in Kenia oder Namibia. Das Geld aus dem Tourismus wird großteils dafür verwendet, die einheimische Bevölkerung und ihrer Schutzgebiets-Arbeit zu finanzieren. Die afrikanischen Regierungen erkennen mehr und mehr, dass die Natur und der Erhalt ihrer Vielfalt für sie ein so großes Potenzial hat, auch für Entwicklung.
 
GEO: Die Entwicklung Afrikas, damit sind wir bei einer entscheidenden Stelle. Entwicklung braucht Energie – das war in Europa, den USA und Asien während deren Industrialisierungsphasen nicht anders. Energie ist aber gerade mit Blick auf die Klimakrise ein schwieriges Thema.
 
Müller: Das ist der entscheidende Knackpunkt. Schauen Sie, in Afrika haben heute immer noch 600 Millionen Menschen keinen Zugang zu elektrischem Strom. Das ist vergleichbar mit der Situation in Deutschland, sagen wir, um das Jahr 1890. Wir wissen, was in den Jahrzehnten danach passiert ist: Unser Land wurde elektrifiziert und mechanisiert. Mehr und mehr haben Maschinen, angetrieben mit elektrischer Energie aus Kohle, den Menschen die Arbeit erleichtert und eine ökonomische Entwicklung, wie wir sie kennen, erst möglich gemacht. Eine solche Entwicklung wünschen sich Afrikaner auch.

GEO: Dazu kommt, dass die Bevölkerung in Afrika ja stetig wächst.
 
Müller: Das kommt noch obendrauf, klar. Bis zum Jahr 2050 wird sich die Bevölkerung in Afrika nochmal verdoppeln, das heißt, da kommen nochmal 1,2 Milliarden Menschen dazu. Wir haben heute mit den modernen Methoden der Landwirtschaft durchaus die Möglichkeit, so viele Menschen zu ernähren. Aber für die wirtschaftliche Entwicklung, die ihr gutes Recht ist, braucht es Energie. Ohne Energie kein Gesundheitssystem, keine moderne Bildung im digitalen Zeitalter, keine effiziente Produktion von Gütern. Energie ist die Basis aller Entwicklung.
 
GEO:
Bislang wird in Afrika viel Kohle verbrannt.
 
Müller: Ja, man muss sich die Dimension vorstellen. In Afrika sind stand heute zig neue Kohlekraftwerke in Planung. Und da reden wir jetzt mal noch gar nicht von China, wo über 200 Kohlekraftwerke schon gebaut werden bzw. geplant sind. Das ist die Dimension. Das ist der große Hebel beim Klimaschutz, den wir umlegen müssen. Diese Entwicklung müssen wir beeinflussen mit unseren Programmen – sonst werden wir die Klimaziele aus dem Pariser Abkommen niemals erreichen. Alles was wir in Deutschland im Klimaschutz machen verblasst dahinter, wir brauchen einen Fair Green Deal für Afrika.

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller im Regenwald
Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) beim Besuch des Dzanga-Nationalparks im Dreilaendereck Kongo, Kamerun und Zentralafrikanische Republik bei Bayanga (Aufnahme von 2015)
© Michael Gottschalk/photothek.net

GEO: Wie soll der denn aussehen?
 
Müller: Afrika darf kein schwarzer Kontinent der Kohle werden. Wir müssen mit aller Kraft und in unserem ureigensten Interesse dabei helfen, dass Afrika einen Jahrhundertsprung zum grünen Kontinent der erneuerbaren Energien macht. Die Industrialisierung, die unserer Gesellschaft in der Vergangenheit vollzogen hat, die muss in Afrika nachhaltig umgesetzt werden. Wir sollten mit unserem Knowhow, mit unseren Experten, unserer Technologie den ärmeren Ländern bei Energie, Infrastruktur, Industrialisierung so helfen, dass sie gleich technologisch in das neue Jahrhundert springen.  
 
GEO: Das klingt gut, aber wie soll das gehen?
 
Müller: Mit Entschlossenheit. Wir haben ja das Wissen. Wir haben die Technologie. Wir können heute aus der Kraft der Sonne in der Sahara Solarstrom für zwei Cent je Kilowattstunde produzieren. Und wir tun das auch schon. Deutschland hat mit den Marokkanern in Ouarzazate eines der größten und modernsten Solarkraftwerke der ganzen Welt gebaut. Ich war dort. Und jetzt planen wir den nächsten Sprung, die Produktion grünen Wasserstoffs. Unsere Technologie bei Solar, bei Wasser, bei Windkraft bietet unglaubliche Chancen für die europäische Wirtschaft. Technologietransfer ist Wissens-Transfer und grünes Investment. Dabei entstehen übrigens Millionen Jobs in Afrika – und Anreize für die Menschen, in ihren Heimatländern zu bleiben und dort Chancen zu ergreifen.
 
GEO: Das wird aber schwierig, die Regierungen der Industriestaaten alle zu solchen immensen Investitionen zu bewegen. Die ticken da ja nicht alle gleich, und manch einer in der Politik denkt eben immer noch eher kurz und mittelfristig…

Müller: Dazu ist mehr als öffentliches Geld nötig. Wir brauchen da ganz massiv private Investitionen, aber die hinken weltweit hinterher. Und auch dafür können wir sofort etwas tun, indem wir entsprechende Strukturen schaffen. Wir haben aus dem Ministerium heraus die Stiftung "Allianz für Entwicklung und Klima" gegründet. Über 1.000 Partner machen mit –Dax-Konzerne, Fußball-Bundesligisten, Apotheken. Den zurzeit noch nicht vermeidbaren Teil ihrer eigenen CO2-Emissionen kompensieren sie mit ausgewählten und zertifizierten Projekten in Entwicklungsländern, etwa Aufforstungen oder sparsame Solar-Kocher, die Holzfeuer ersetzen. Damit holen die Mitglieder der Allianz schon heute so viel CO2 aus der Atmosphäre oder sparen es an anderer Stelle ein, wie sie mit ihren Aktivitäten aktuell noch verursachen. Damit lässt sich dieser ganz große Hebel bedienen: CO2-neutrale technologische Entwicklung in Afrika zu fördern, um eine kohlebasierte Entwicklung zu verhindern und ersetzen. Diese Stiftung ist auf zehn Jahre finanziert, wird also meine Amtszeit überdauern.
 
GEO: Apropos Ihre Amtszeit. Dass die endet, haben wir ja eingangs gesagt. Aber Sie haben schon einen Anschlussjob. Im Dezember werden Sie Generaldirektor der UNIDO, der Organisation für industrielle Entwicklung der Vereinten Nationen. Was haben Sie sich vorgenommen, das Sie als deutscher, jetzt sage ich‘s auch nochmal: "Entwicklungsminister" nicht erreichen konnten?

Müller: Ich bin zufrieden, aber es bleibt viel zu tun und ich werde bei der Unido weiterarbeiten am Ziel einer gerechten Globalisierung. Dazu gehört es, den freien Handel zum fairen Handel zu entwickeln! Die zehn reichsten Menschen besitzen so viel wie die 3,5 Milliarden ärmsten – gegen diese Ungerechtigkeit habe ich vom ersten Tag an gekämpft. Was die Regeln angeht, können wir in einer globalisierten Welt nicht im Jahr 1950 verharren. Die Welthandelsorganisation muss zu einer Fairhandelsorganisation weiterentwickelt werden. Wer dann etwa gegen die ILO-Kernarbeitsnormen, das Pariser Klimaschutzabkommen oder die Biodiversitätskonvention verstößt, verliert seinen Anspruch auf Gleichbehandlung. Ich  hoffe, dass wir hier in den nächsten Jahren vorankommen.

GEO: Wie groß schätzen Sie die Chance, dass Sie diese Ziele mehr oder weniger verwirklichen können? 

Müller: Ich bin Optimist. Und den Optimismus hole ich auch nicht aus der leeren Luft. Es gibt ja schon Beispiele, wo internationale Zusammenarbeit im Umweltschutz enorm gut funktioniert hat. Nehmen Sie das Montreal Protokoll, mit dem das Kältemittel FCKW in der ganzen Welt sehr effizient abgeschafft wurde. Das große globale Problem Ozonloch wurde damit quasi gelöst – ein Meilenstein. Warum sollten wir nicht auch andere Probleme durch Zusammenarbeit lösen können?


Mehr zum Thema