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Der Mann mit der eisernen Maske: Wer war der geheimnisvolle Gefangene?

Der Mann mit der eisernen Maske
Feine Kleidung, silbernes Geschirr, Essen aus der Küche des Gefängniskommandanten: Das Abnehmen der Maske ist dem Gefangenen verboten, doch er wird mit großem Respekt behandelt. Ein Indiz für seine aristokratische Abstammung?
© mauritius images / Niday Picture Library / Alamy
Mehr als 30 Jahre lang hält Ludwig XIV. einen mysteriösen Häftling gefangen. Wer war der Sträfling, der von 1669 bis ans Ende seines Lebens im Kerker sitzt – und dessen Gesicht stets eine Maske verdeckt?

Zu den Verliesen! Fackellicht leuchtet den Schatten voran, die über die Mauern und Decken gleiten, hinein in die Welt aus dunklen, steinernen Gängen. Schritte hallen, Stimmen. Zelle um Zelle öffnen die Revolutionäre, die jedem Gefangenen die gleiche Nachricht überbringen: Hinaus, ihr seid frei!

Schließlich gelangen die Aufständischen an eine Tür mit schwerem Riegel. Sie öffnen, halten die Fackel in den Raum, die Flamme zischt. Beleuchtet ein Gewölbe, ein Tisch mit Krug ist in ihrem Schein zu erkennen, eine in die Wand eingelassene Kette. Daran ein Skelett, noch Kleiderfetzen an den Knochen. Ein Helm aus Eisen daneben, in den der Kopf des Gefangenen gezwängt gewesen sein muss – wohl, um seine Anonymität zu wahren. So entsetzlich ist der Anblick, dass einer der Männer gestützt wird, damit er nicht die Fassung verliert.

Nichts ist wahr an dieser Szene, doch wird sie sogar als Bild mit Schlagzeile in einer Zeitung verbreitet, kaum haben die Pariser am 14. Juli 1789 die Bastille gestürmt und erobert, das Sinnbild des verhassten Regimes. Denn das Volk braucht eine Geschichte, die seinen Glauben bestärkt, einen Despoten zu stürzen, ein barbarisches System, das zu solchen Grausamkeiten fähig ist.

Die Wirklichkeit taugt dafür nicht: Lediglich sieben Häftlinge erhalten nach dem Sturm des Staatsgefängnisses in Paris die Freiheit. Daher machen Journalisten nun zur konkreten Entdeckung, was über lange Zeit nur als schaurige Legende die französische Gesellschaft unterhalten hat, genährt aus Gerüchten, Halbwahrheiten, Spekulationen: den Mythos vom Mann mit der eisernen Maske.

Einen Gefangenen mit Maske hat es tatsächlich gegeben

Schon mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor hat Liselotte von der Pfalz, die klatschfreudige Schwägerin Ludwigs XIV., von diesem mysteriösen Gefangenen in einem Brief berichtet: „Ein Mensch ist lange Jahre in der Bastille gesessen, der ist maskiert drin gestorben“, schrieb sie an ihre Tante, Kurfüstin Sophie von Hannover.

„Er hatte zwei Musketiere auf beiden Seiten, im Falle, dass er die Maske abtät, ihn gleich niederzuschießen. Er hat maskiert gegessen und geschlafen. Es muss doch etwas Wichtiges gewesen sein, denn man hat ihn sonst sehr gut behandelt, gut untergebracht und ihm alles gegeben, was er begehrt hat. Er hat maskiert kommuniziert, war sehr fromm und hat beständig gelesen. Man hat sein Leben lang nicht erfahren können, wer der Mensch gewesen.“ Nicht alles daran ist höfischer Tratsch. Denn es hat während Ludwigs Regentschaft tatsächlich einen maskierten Häftling gegeben.

Bis zum heutigen Tag beschäftigt er Historiker und Forscher, beflügelt die Fantasie von Schriftstellern und Dichtern. Dutzende Theorien kursieren über den wahren Namen des Maskenmannes, doch zweifelsfrei geklärt wurde seine Identität nie. Wer war es, der gezwungen wurde, sein Gesicht ein Leben lang zu verbergen: ein Minister? Ein italienischer Doppelagent?

Oder gar: ein Bruder des Königs?

Eustache Dauger - ein wahrscheinlich falsche Name

Wenig nur ist verbürgt in dieser Geschichte, die wohl im Sommer des Jahres 1669 ihren Anfang nimmt.

Vermutlich an einem Julitag erhält Bénigne d'Auvergne Saint-Mars, der Kommandant des Gefängnisses von Pignerol im Piemont, einen Brief von François-Michel Le Tellier, Marquis de Louvois. Der Kriegsminister Ludwigs XIV. befiehlt Saint-Mars, er solle in seiner Zitadelle einen besonders sicheren Kerker für einen neuen Gefangenen einrichten.

Um wen es sich handelt, bleibt unklar, genannt wird der wahrscheinlich falsche Name Eustache Dauger.

Er sei "nur ein Lakai", teilt der Minister mit, ordnet aber Maßnahmen an, die auf keinen normalen Häftling schließen lassen: Die Zelle dürfe nur durch mehrere hintereinanderliegende Türen zu erreichen sein. Zudem müsse Saint-Mars dem Gefangenen stets persönlich das Essen bringen und diesem mit dem Tod drohen, "falls er jemals seinen Mund öffnet, um mit Ihnen über irgendetwas außer der reinen Notdurft seines Leibes zu sprechen".

Der Kommandant befolgt die Befehle peinlich genau. Er ist ein loyaler Untertan, der seine Laufbahn als einfacher Musketier begann, Korporal wurde, dann Quartiermeister. Er ist ehrgeizig, gehorsam, streng.

Obwohl er unnötige Gewalt ablehnt, hat das Gefängnis am Fuß der Alpen einen schlimmeren Ruf als die Bastille. So durchdrungen ist Saint- Mars von seiner Arbeit, dass er sogar Löcher über die Zellentüren bohren lässt, um die Gefangenen heimlich zu beobachten. Mitunter klettert er dafür nachts auch auf Bäume und späht durch die vergitterten Fenster.

Sorgfältig treibt er daher auch den Umbau der neuen Zelle voran, die seinem Bewohner durchaus etwas Komfort gewähren soll. Denn der Minister hat befohlen, den Raum mit einfachen Möbeln einzurichten, und obendrein gestattet, dem Insassen alle gewünschten Bücher zur Verfügung zu stellen.

Schnell kursieren im Ort Gerüchte, vielleicht gestreut durch die in der Festung beschäftigten Handwerker:

Ein besonderer Gefangener werde erwartet, für den es einer Zelle mit mehrfacher Sicherung bedürfe.

Offenbar ist der Kriegsminister über das Interesse an dem Gefangenen besorgt. Saint-Mars versichert ihm jedoch, dass nichts über dessen Identität bekannt geworden sei.

"Viele Leute hier glauben, dass er ein Marschall von Frankreich sei", beschwichtigt er Louvois in einem Brief, "andere, er sei ein Präsident." Erst im April 1670 sind die Umbauarbeiten abgeschlossen, obwohl der Gefangene längst eingetroffen ist; eine berittene Eskorte hat ihn eines Nachts gebracht. Vermutlich lebt er die erste Zeit in einer der üblichen Kerkerzellen im Turm, bewacht von den 66 Soldaten der Kompanie, die Saint-Mars untersteht.

Ludwig XIV. schätzt Saint-Mars

Schon bei seiner Ankunft hat der schmalgesichtige Kerkermeister seinem neuen Häftling gedroht, ihm das Schwert in den Leib zu rammen, sollte er auch nur ein unbedachtes Wort verlieren. Der begehrt nicht auf, und so berichtet Saint-Mars 1673 nach Paris: "Der Gefangene sagt nichts. Er lebt zufrieden wie ein Mensch, der sich vollkommen dem Willen Gottes und seines Königs fügt." Zwölf Jahre verbringt der Unbekannte in Pignerol.

Etwa einmal pro Woche wird der Kriegsminister über seinen Zustand oder etwaige Bedürfnisse unterrichtet; wohl zweimal im Monat schreibt Louvois dem Gefängnisdirektor, der im Laufe dieser zwölf Jahre vermutlich über 300 Briefe aus Paris erhält, darunter auch Schreiben von Ludwig XIV. Der schätzt Saint-Mars für dessen Arbeit, adelt ihn.

1681 wird Saint-Mars zum Gouverneur von Exiles ernannt, einer Alpenfestung nordwestlich von Pignerol - und nimmt den Gefangenen mit.

Eines Nachts setzt sich eine Kompanie Bewaffneter in Bewegung und eskortiert den in einer Sänfte untergebrachten Langzeithäftling in ein abgeschiedenes Gebirgstal.

Dort herrschen die gleichen strengen Sicherheitsvorschriften wie zuvor.

Wer die Zelle betreten will, muss zunächst eine Drehtür, dann zwei normale Türen passieren. Außer Saint-Mars darf dem Unbekannten nur noch ein weiterer Offizier wortlos das Essen bringen, und selbst der Pfarrer muss die Messe für den Gefangenen hinter einer speziellen Trennwand lesen.

Weitere fünfeinhalb Jahre später, der Abgeschiedenheit und harschen Winter überdrüssig, lässt sich Saint-Mars wieder versetzen. Ziel ist die Insel Sainte-Marguerite an der Mittelmeerküste, wo Arbeiter erneut ein Hochsicherheitsgefängnis errichten.

Zwölf Tage lang zieht der Tross von Exiles aus durch das Land und führt den Häftling mit sich - der zum ersten Mal eine Maske aus Stahl trägt.

Wie die genau aussieht, ist unklar.

Möglich, dass es lediglich ein umfunktionierter alter Helm ist.

Transportiert wird der Unbekannte in einem Sedanstuhl, einem kastenartigen und mit Wachstuch überzogenen Konstrukt, getragen von mehreren eigens aus Turin bestellten und nur Italienisch sprechenden Männern. Kein Wort könnten sie verstehen, selbst wenn der Gefangene zu ihnen sprechen würde.

Die Reise verläuft zur Zufriedenheit von Saint-Mars - obwohl der Häftling unter Maske und Wachstuch beinahe erstickt.

Auf Sainte-Marguerite ist der Gefangene in einem etwa 30 Quadratmeter großen Raum untergebracht, mit Blick auf die Bucht von Cannes. Weitere elf Jahre bleibt er hier eingekerkert.

Zweimal pro Woche werden sein Tischzeug, seine Kleidung und die übrige Wäsche gewechselt und dabei auf geheime Botschaften überprüft.

Täglich kontrollieren Wachleute das Zimmer und durchsuchen dabei meist auch den Gefangenen.

Und doch muten die Haftbedingungen seltsam an: Der Unbekannte erhält stets gute Kleidung und Bücher; sein Essen wird ihm auf silbernem Geschirr serviert. Offenbar ist es ihm zudem gestattet, hinter einer Gesichtsmaske verborgen über die Insel zu spazieren.

Auch behandeln Gouverneur und Offiziere ihren Insassen mit ausgewiesenem Respekt, ziehen in seinem Zimmer die Hüte und nehmen erst Platz, wenn ihr Gegenüber sie darum bittet. Nicht selten essen sie auch mit dem Gefangenen.

Von dessen Aussehen berichtet ein Augenzeuge, es handele sich um einen großen Mann mittleren Alters mit heller Gesichtsfarbe, dicklichen Beinen und weißen Haaren.

1698 wird Saint-Mars zum Kommandanten der Bastille befördert - und nimmt seinen Gefangenen auch diesmal mit. Mehrere Wochen dauert die weite Reise nach Paris, die der Häftling in einer Sänfte zurücklegt, nun eine Maske aus schwarzem Samt vor dem Gesicht.

Die Bastille wird die letzte Station des Mannes. Noch fünf Jahre lebt er im Kerker eines Turmes, den er nur zum Besuch der Messe verlassen darf.

Schweigend und maskiert überquert er dafür den Hof der Festung, vorbei an den Soldaten, die Befehl zum Schießen haben, sollte der Häftling zu sprechen beginnen.

Selbst der Gefängnisarzt sieht nie das unverhüllte Gesicht des Insassen.

"Er war wunderbar gewachsen", beschreibt ihn der Arzt später. "Seine Haut war etwas braun; er interessierte schon durch den Ton seiner Stimme, beklagte sich nie über seinen Zustand und ließ nicht durchblicken, wer er sein könnte." Am 19. November 1703 stirbt der Mann mit der Maske nach 34-jähriger Haft und wird auf dem Friedhof der Pfarrkirche Saint-Paul beigesetzt.

Mit Chemikalien im Sarg, heißt es, die den Körper zügig zersetzen sollen - eine wohl überflüssige Anweisung:

Jahre später wird erzählt, der Totengräber habe auf Drängen Unbekannter das Grab am Tag nach der Bestattung geöffnet und anstelle des Kopfes nur einen Stein vorgefunden.

Nichts lässt der Mann mit der Maske zurück

Unterdessen sind Handwerker und Gefängnispersonal in der Bastille damit beschäftigt, alle Spuren des Toten zu beseitigen. Aus Furcht vor heimlich hinterlassenen Botschaften klopfen sie die Fliesen aus dem Boden und ersetzen sie durch neue, legen die Wände frei, schlagen Bett, Stühle und Tisch in Stücke und schmelzen das Zinngeschirr ein.

Nichts lässt der Mann mit der Maske zurück. Außer den 77-jährigen, inzwischen tauben Kommandanten Saint-Mars. Und ein ungelöstes Rätsel:

Wer ist er gewesen?

In Dutzenden Theorien ist seither versucht worden, das Geheimnis zu klären. Eine der beliebtesten verbreitet sich rasch nach dem vermeintlichen Fund in der Bastille: Die Knochen seien die Überreste von Nicolas Fouquet, dem Oberaufseher für Finanzen.

Im Jahr 1661 wird Fouquet festgenommen. Der Vorwurf: Unterschlagung von Staatsgeldern und Verschwörung (siehe Seite 36). Fouquet, 46 Jahre alt, ist ein charmantes Finanzgenie, das mit spielerischer Leichtigkeit selbst die größten Herausforderungen meistert. Fouquet ist nicht korrupter als sein Umfeld, unterstützt großzügig zahlreiche Künstler wie den Schriftsteller Molière und investiert seinen Reichtum in ein prächtiges Schloss - ein kultivierter Aristokrat, von dem es später heißen wird, er habe den Louis-quatorze-Stil erfunden, lange bevor Ludwig XIV. überhaupt so etwas wie Stil besaß.

Gerade das aber wird sein Verhängnis, denn Fouquets Beliebtheit und Können wecken Ludwigs maßlose Eitelkeit und Neid - ebenso wie den des Ersten Ministers Mazarin. Noch auf seinem Sterbebett rät Mazarin dem jungen König, er solle sich Fouquets entledigen. Ludwig befolgt den Rat. Drei Jahre verbringt der Minister in Haft; in dieser Zeit lässt der König Fouquets Besitz nach Versailles schaffen: Gemälde, Teppiche, Porzellan, 1000 Orangenbäume sowie 13 000 Bücher.

Im Dezember 1664 fällt ein Tribunal anhand der (überwiegend gefälschten) Beweise sein Urteil - aber nicht im Sinne des Monarchen. Statt Hinrichtung lautet der Richterspruch: Verbannung.

Ist Fouquet der unbekannte Gefangene? Oder doch Matthioli?

Der König tobt - und wandelt die Strafe in lebenslange Haft um. Fouquet verbringt die Gefangenschaft in der Festung Pignerol, bewacht von Saint-Mars, dessen Laufbahn als Kerkermeister hier beginnt.

Nach mehr als 15-jähriger Haft soll Fouquet offenbar begnadigt und entlassen werden. Kurz davor stirbt er.

An einem Schlaganfall, schreibt die "Gazette" vom 6. April 1680. An Gift, werden andere später vermuten.

Im 19. Jahrhundert verbreiten sich Spekulationen, der Tod könnte auch vorgetäuscht gewesen sein. Nicht undenkbar: Bei einer Inventarisierung der Särge in der Gruft der Familie Fouquet stellt sich 1836 heraus, dass es dort nie einen Sarg für den Oberfinanzverwalter gegeben hat, obwohl seine Beisetzung im Totenregister der Kirche verzeichnet ist.

Sollte Ludwig XIV. so hasserfüllt gewesen sein, Fouquet nicht nur hinter Mauern, sondern - nach Verkündung seines angeblichen Todes - bis zum Rest seines Lebens hinter eine Maske verbannt zu haben? War es nie die Absicht des Königs, ihn zu begnadigen?

Der respektvolle Umgang des Gefängnisdirektors mit seinem Häftling sowie die dicklichen Beine des Unbekannten, die der Augenzeuge einst auf Sainte-Maguerite sah, könnten dafür sprechen, dass es sich bei dem Gefangenen um Fouquet handelte.

Doch der wäre bei seinem Tod 1703 in der Bastille fast 90 Jahre alt gewesen; von einem Greis spricht aber keiner der Zeugen. Muss es daher nicht ein jüngerer Mann gewesen sein?

Einer wie Ercole Antonio Matthioli?

Geboren wird Matthioli 1640 in Bologna - ein ehrgeiziger Rechtswissenschaftler, den der Herzog von Mantua zu seinem Staatssekretär macht.

Als der Herzog stirbt, erbt sein erst 13-jähriger Sohn den Titel und erweist sich bald als verschwendungssüchtiger Prasser.

Da Frankreich an einer strategisch günstig gelegenen Festung des jungen Herzogs in Norditalien interessiert ist, nehmen die Franzosen 1677 Kontakt zu Matthioli auf. Der Staatssekretär soll einen Verkauf anbahnen.

Matthioli arrangiert ein Treffen mit dem unter heftiger Geldnot leidenden Herzog, der dem Kaufpreis schließlich zustimmt.

Als Dank erhält Matthioli von Ludwig XIV. persönlich eine beachtliche Summe Geld und einen Diamanten.

Doch dann verrät er aus nie geklärten Gründen den Plan an die Regentin von Savoyen (deren Reich durch das Vorhaben der Franzosen besonders bedroht ist) sowie an die Venezianer und an die Spanier. Unruhe über die Expansionspläne der Franzosen verbreitet sich unter Europas Herrscherhäusern.

Der Verkauf scheitert, der Sonnenkönig ist blamiert.

Voltaires Geschichte hat einen wahren Kern

Im April 1679 ordnet Ludwig XIV. an, "dass niemand wissen soll, was aus diesem Manne wird". Matthioli wird von den Franzosen entführt, nach Pignerol gebracht und nie mehr freigelassen.

Ist er der unbekannte Gefangene?

Aber weshalb müsste ein Mann sein Gesicht verbergen, den niemand kennt, für den sich nicht einmal die eigenen Landsleute einsetzen?

Und waren zum Transport des Unbekannten von Exiles nach Sainte-Marguerite nicht eigens Träger aus Turin beordert worden, Männer, die ausschließlich Italienisch sprachen, damit sie sich mit dem Gefangenen gerade nicht unterhalten konnten?

Vielleicht war der Mann mit der Maske ja doch Richard Cromwell, der Sohn der englischen Diktators Oliver Cromwell, der nach dem Tod seines Vaters Asyl in Frankreich gefunden hatte - und den Ludwig angeblich verschwinden ließ, um dem König von England, mit dem er ein Bündnis anstrebte, einen Gefallen zu tun.

Oder es war der Herzog von Beaufort, Anführer mehrerer Aufstände, dem der König offiziell verzieh, aber stets die Beliebtheit neidete. Ein bekannter Held, dem die Menschen zujubelten, wo immer er auftrat. Der, um nicht erkannt zu werden, eine Maske hätte tragen müssen und der nach einer Schlacht 1669 auf Kreta nie wieder gesehen wurde.

Möglicherweise hat es sich aber auch so zugetragen, wie es der Philosoph Voltaire durch Andeutungen nahelegt, die eine schier unglaubliche Geschichte ergeben.

Deren wahrer Kern: Im Jahre 1637 ist Ludwig XIII., der spätere Vater Ludwigs XIV., bereits seit 22 Jahren mit der Habsburgerin Anna verheiratet, ohne einen Nachfolger gezeugt zu haben. Gefühle hat der König für seine spanische Gemahlin wohl nie empfunden, ohnehin fürchtet er die Frauen mehr, als er sie liebt.

Er ist ein prüder Spätentwickler, der mit 14 Jahren seine Frau geheiratet und nur die Hochzeitsnacht mit ihr verbracht hat. So widerwillig ist ihm offenbar jeder Körperkontakt zu Anna, dass er vier Jahre später weinend in ihr Bett getragen werden muss. Einen Thronerben hat auch dieses Treffen nicht zur Folge.

Alexandre Dumas macht die These der Zwillingsbrüder populär

Am 5. Dezember 1637 nun wird der König in Paris von einem Sturm überrascht und kann die Stadt nicht mehr verlassen. Da aber sein Bett, seine Küche, sein Essen bereits - wie damals üblich - an den Ort gebracht worden sind, an dem man den Regenten für die Nacht erwartet, und sich das einzige königliche Bett im Zimmer seiner Gemahlin befindet, wird Ludwig von seinem Hauptmann überredet, ein weiteres Mal mit seiner Frau das Lager zu teilen. Neun Monate später bringt die Königin ein Kind zur Welt: Ludwig. So weit die historischen, nachprüfbaren Fakten.

Doch der Herausgeber von Voltaires Werk "Questions sur L'Ency clopédie" (von dem manche behaupten, es sei der Philosoph selbst gewesen) vermischt sie in einer editorischen Anmerkung mit Mutmaßungen zu einer fantastischen Geschichte: Die Königin habe geglaubt, unfruchtbar zu sein, sich einen Liebhaber genommen - und sei schwanger geworden. Schließlich habe sie einen Sohn zur Welt gebracht, der fern des Palastes großgezogen wurde. Im Wissen, dass die Königin doch Nachfolger zeugen kann, hätten ihre engsten Vertrauten eine weitere Nacht mit ihrem Gemahl arrangiert, aus der dann Ludwig XIV. hervorgegangen sei.

Erst nach 1660 habe Ludwig von seinem älteren Bruder erfahren - den er aus Sorge, er könnte ihm den Thron eines Tages streitig machen, ausfindig machen und hinter einer Maske zeitlebens wegsperren ließ.

Voltaire spitzt die Geschichte noch weiter zu - und deutet an, der Mann mit der Maske sei ein Zwilling Ludwigs XIV. gewesen. Denn ein Gesicht, das verborgen wird, muss allgemein bekannt sein. Und welches Antlitz ist berühmter als das des Königs?

Könnte es vielleicht so gewesen sein: Zunächst gebiert die Königin ein Kind, den späteren Monarchen Ludwig XIV. Einige Stunden später jedoch wird der König erneut ins Zimmer seiner Gemahlin gerufen, in dem sich außer ihm nur die Hebamme, die Königin und ein unbekannter Adeliger befinden - und sieht einen zweiten Sohn. Einen Zwilling, wenige Stunden später zur Welt gekommen.

Das identische Aussehen, fürchtet Richelieu, der mächtige Erste Minister, werde zu Thronstreitigkeiten und Bürgerkrieg führen. Und rät dem König, die Existenz des zweiten Kindes auf ewig geheim zu halten . . .

Allein: Voltaire spricht von einem Maskenmann "von ungewöhnlicher Größe". Nur trug sein verhasster Monarch Schuhe mit zehn Zentimeter hohen Absätzen, Perücke und Hut. Ohne die maß Ludwig XIV. lediglich etwa 1,60 Meter. Und doch inspirieren Voltaires Veröffentlichungen fortan auch andere Schriftsteller. Etwa Alexandre Dumas, der in einem seiner Musketier-Bücher die These der Zwillingsbrüder populär macht.

Bis in die neueste Zeit suchen Amateurforscher nach Beweisen für den toten Bourbonen-Prinzen. So stieß 1977 Graf Michel de Lacour bei Umbauarbeiten an seinem alten Turm in Cannes auf eine unterirdische Kammer.

Darin lagen ein unvollständiges Skelett mit Totenkopf sowie etwas Spitze und schwarzer Samt. Ein Schneider rekonstruierte daraus eine eigentümliche Kapuze, wie sie der Mann mit der Maske auf einem angeblich aus der Zeit Ludwigs XIV. stammenden Ölgemälde im Besitz des Grafen trägt.

Der Adelige ließ daraufhin den Totenschädel mit einer Wachsnachbildung vom Kopf des Sonnenkönigs vergleichen. Wissenschaftler stellten fest, dass beide Köpfe die von eineiigen Zwillingen sein könnten. Doch eine schlüssige Erklärung, wie der Häftling in die Kammer gelangt sein könnte und wer 1703 in der Bastille starb, gibt es nicht.

Die Identität des geheimnisvollen Gefangenen wird wohl niemals zweifelsfrei enthüllt werden. Doch der Mythos wird auch in Zukunft populär bleiben, vor allem in seiner finstersten Variante. Denn die deutet auf Ludwigs dunkle Seite - eines Monarchen, der möglicherweise so skrupellos war, dass er selbst den eigenen Zwillingsbruder lebenslang hinter eine eiserne Maske zwang.

Literaturtipp: John Noone, "Der Mann hinter der eisernen Maske", Magnus Verlag: untersucht die zahlreichen Theorien um den Maskierten und zeichnet dabei ein eindrucksvolles Gesellschaftsbild der Epoche des Sonnenkönigs.

GEO EPOCHE Nr. 42 - 04/10 - Der Sonnenkönig

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